Under the Silver Lake

Drama | USA 2018 | 139 Minuten

Regie: David Robert Mitchell

Ein junger Mann, der abgeschieden in einem Apartment in einer Wohnanlage in Los Angeles lebt und dessen Kontakt zur Außenwelt fast nur darin besteht, das Treiben in seinem Block mittels Fernglas durchs Fenster zu beobachten, verguckt sich in eine schöne Unbekannte. Tatsächlich schafft er es, ihre Bekanntschaft zu machen, doch nach einer gemeinsamen Nacht ist sie spurlos verschwunden. Er macht sich auf die Suche nach ihr, was sich zur Irrfahrt in die Abgründe der Stadt der Engel auswächst. Ein Neo-Noir-Thriller auf den Spuren von Alfred Hitchcock, der sich als postmodernes Vexierspiel mit Verweisen, Rätseln und Anspielungen entfaltet und sich dabei nicht zuletzt am Mythos Hollywood reibt. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
UNDER THE SILVER LAKE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
David Robert Mitchell
Buch
David Robert Mitchell
Kamera
Mike Gioulakis
Musik
Rich Vreeland
Schnitt
Julio Perez IV
Darsteller
Andrew Garfield (Sam) · Sydney Sweeney (Shooting Star) · Riley Keough (Sarah) · Topher Grace (Mann an der Bar) · Jimmi Simpson (Allen)
Länge
139 Minuten
Kinostart
06.12.2018
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Komödie | Kriminalfilm | Mystery-Film
Diskussion

Ein junger Mann folgt den Spuren einer schönen Unbekannten in die Abgründe von Los Angeles. Ein zitatenreiches Vexierspiel auf den Spuren von Alfred Hitchcock.

Auf den ersten Blick präsentiert der Film von David Robert Mitchell viel, das für ihn einnimmt: die urbane Landschaft von Los Angeles, die Natur und das Licht Kaliforniens, einen sympathischen jungen Hauptdarsteller, der die Unverbrauchtheit eines US-amerikanischen Everyman ausstrahlt und durch dessen Augen man das mysteriöse Geschehen wahrnimmt. Auch geizen Drehbuch und Regie nicht mit ambivalenten Anspielungen quer durch die Filmgeschichte, die wie Ostereier auf der bunten Wiese der Motive, die „Under the Silver Lake“ ein- und ausführt, ausgestreut liegen.

Die Inszenierung lädt somit zum intellektuellen Puzzle ein. Sam (Andrew Garfield) heißt der Charakter, den man anfangs nichtstuerisch in seinem Apartment in einem Wohnhauskomplex der mittleren Klasse mit Pool im Innenhof antrifft – mehr ein Transitort zwischen hier und da, oben und unten, denn eine dauerhafte Bleibe. Sam ist einzig damit beschäftigt, seinen Blick durch ein Fernglas in die nähere Umgebung schweifen zu lassen. Der fällt auf etliche skurrile Mitbewohner und schließlich auf eine Unbekannte, die nixengleich im Becken planscht.

Der männliche Blick wird allerdings weniger aggressiv als vielmehr gelassen neugierig inszeniert; man fühlt sich eher an „Fenster zum Hof“ denn an „Peeping Tom“ erinnert, wie Hitchcock überhaupt allerorten durch die Handlung geistert. Sam legt es im Laufe des Tages darauf an, der schönen Unbekannten auch an Land zu begegnen. Sie stellt sich als Sarah (Riley Keough) vor. Gemeinsam verbringen sie einen amüsanten, wenngleich jugendfreien Abend in ihrem Apartment. Von da an häufen sich allerdings die Seltsamkeiten, die Sam widerfahren: Schon auf dem Nachhauseweg hat er den Eindruck, verfolgt zu werden. Merkwürdige Dinge geschehen mit den Tieren am Wegesrand, und mehr und mehr scheint er ins Netz von etwas Unbekanntem, Ungeheurem geraten zu sein, erst recht, als am nächsten Morgen Sarahs Wohnung besenrein und von ihr keine Spur mehr zu entdecken ist.

Sam rutscht ganz gegen seinen Habitus in die Rolle eines klassischen Ermittlers, der das verschwundene Mädchen finden will und dabei Abgründe über Abgründe in der Stadt der Engel aufdeckt. Andrew Garfield ist dabei ein wenig wie ein jüngerer Ashton Kutcher inszeniert, der in einem Remake Antoine Doinel spielt – einnehmend, gut gebaut, mit Wirkung auf Frauen und Männer gleichermaßen.

Such- und Irrfahrt durch ein Netz an Verweisen und Anspielungen

Mit seinen spärlichen Erinnerungen an Sarah, denen er überdies nicht recht trauen kann, und ein paar Hinweisen, die er in ihrer Wohnung auftut, macht sich Sam, quasi als ein Sam Spade wider Willen, auf eine bei 140 Minuten Spieldauer wortwörtlich lange und durchaus abenteuerlich-unterhaltsame Such- und Irrfahrt durch L.A.

Die Art und Weise, wie ihm dabei Anhaltspunkte auffallen oder zugespielt werden, erinnert an postmoderne Handlungs- und Erzählstrukturen, etwa in den Werken von Thomas Pynchon (z.B. in „The Crying of Lot 49“): die sichtbare (und unsichtbare) Welt als Myzel von Symbolen und Codes, die sich einer eindeutigen Auslegung widersetzen, wenngleich sie zum Enträtseln einladen, aber Sam wie Ödipus vor der Sphinx unter anhaltenden Stress setzen. Der Protagonist hangelt sich von Strohhalm zu Strohhalm und findet dabei die Unterstützung nur recht unzuverlässige Erzähler urbaner Mythen und Verschwörungstheorien wie etwa den Comic Man. Auf den Spuren eines neuzeitlichen „Hobo-Codes“ (die Zeichensprache des fahrenden Volks in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts) dringt Sam im weiter ins Herz der Finsternis vor.

Es lässt sich trefflich darüber streiten, ob sich David Robert Mitchell an der Last der vielen Absichten und Anspielungen übernimmt oder in all seinem Wildwuchs und Synkretismus dennoch überzeugt. Eindrucksvoll sind auf jeden Fall die Darstellerleistungen auch in kleineren Rollen und die stilsichere Ausstattung und Kameraarbeit von Michael Perry und Mike Gioulakis. Auf jeden Fall ist „Under the Silver Lake“ ein Film über die Nostalgie, die Hollywood beim Blick in den Spiegel überfällt, wie der Film auch den Zuschauer leicht nostalgisch zurückblicken lässt.

Die Furcht vor der Bedeutungslosigkeit bestimmt die Drift

Auf einer Metaebene führt der Film eine motivisch schlüssige Deutung dieses Systems vor Augen, von der Verheißung der ersten Rolle durch die Besetzungscouch bis hin zu einem morbiden „Club der toten Filmstars“. Was aber liegt nun auf dem Grund des Abgrunds, wovor bebt das Herz der Finsternis so sehr, warum musste Sarah – vielleicht – verschwinden? Es ist die existenzielle Furcht vor der Bedeutungslosigkeit, der Impotenz, der realen wie vor allem auch der künstlerisch-kreativen, der finalen Auslöschung durch den Tod.

Der Film ist darüber hinaus eine schonungslos genaue Illustration des hässlich-zähen Kampfs Alt gegen Jung, des erzwungenen Abdankens der alten, weißen Männer, die nichts als Verachtung für alles Nachfolgende übrig haben. Das macht ihn, trotz seiner dramaturgischen Verneigungen Richtung Old Hollywood, zu einem Film der Stunde.

 

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