Krimi | Italien 2017 | 124 Minuten

Regie: Donato Carrisi

In einem kleinen Dort in den italienischen Alpen verschwindet ein junges Mädchen spurlos. Ein unkonventioneller Sonderermittler nimmt sich des Falls an und macht ihn zu einem Medienspektakel. Im Fokus des italienischen Thrillers steht neben der Auflösung des Verbrechens auch das Verhältnis zwischen dem Ermittler und den Medien, die beide von der Zusammenarbeit profitieren wollen. Dabei entfaltet die italienische Romanverfilmung aus verschiedenen Handlungssträngen, Perspektiven und immer neuen Verdachtsmomenten ein raffiniertes Spiel aus falschen Fährten, in dem es neben der Aufklärung des Verbrechens auch ums Verhältnis von Polizei und Medien geht. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
LA RAGAZZA NELLA NEBBIA
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2017
Regie
Donato Carrisi
Buch
Donato Carrisi
Kamera
Federico Masiero
Musik
Vito Lo Re
Schnitt
Massimo Quaglia
Darsteller
Toni Servillo (Agent Vogel) · Alessio Boni (Prof. Loris Martini) · Lorenzo Richelmy (Agent Borghi) · Jean Reno (Augusto Flores) · Greta Scacchi (Beatrice Leman)
Länge
124 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 12
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Krimi | Literaturverfilmung

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. ein längeres Interview mit Regisseur Donato Carrisi (11 Min.).

Verleih DVD
Koch (16:9, 2.35:1, DD5.1 ital./dt.)
Verleih Blu-ray
Koch (16:9, 2.35:1, dts-HDMA ital./dt.)
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Diskussion

Die Abgründe in einer italienischen Dorfgemeinschaft: Regisseur und Autor Donato Carrisi hat seinen eigenen gleichnamigen Thriller verfilmt, promiment besetzt mit Toni Servillo und Jean Reno.

Im dichten Nebel ist das Haus gehüllt, Lichterketten leuchten von der Dachrinne, dem Balkon und dem Baum im Garten. Ein Mädchen kommt heraus, verlässt das Grundstück und geht nach rechts, als es etwas zu bemerken scheint. Es bleibt kurz stehen, geht dann weiter und schließlich aus dem statischen Bild heraus. Szenenwechsel. Ein Psychiater wird in sein Büro gerufen. Ein Sonderermittler wartet dort auf ihn, mit Blutflecken auf dem Hemd sitzt er auf dem Stuhl. Was es mit dem Blut auf sich hat, will der Psychiater wissen. Eine Antwort darauf erhält er nicht, stattdessen beginnt der Sonderermittler mit seiner Erzählung. Er, der unkonventionelle Sonderermittler Vogel (Toni Servillo), ist in das kleine Dorf Avechot in den italienischen Alpen gerufen worden, nachdem dort ein junges Mädchen verschwunden ist. Vogel soll den mysteriösen Fall aufklären und die 15-jährige Anna Lou wiederfinden.

Um diese einfache Prämisse dreht sich der Thriller „Der Nebelmann“, in dem Regisseur und Autor Donato Carrisi seinen eigenen gleichnamigen Roman verfilmt. Doch an einer einfachen und gradlinigen Erzählung, in der das Verschwinden aufgeklärt und am Ende ein möglicher Täter präsentiert wird, hat Carrisi kein Interesse. Stattdessen etabliert er bereits zu Beginn mit der Suche nach dem vermissten Mädchen sowie der Unterhaltung zwischen Vogel und dem Psychiater Augusto Flores (Jean Reno) zwei Handlungsstränge. Immer wieder wird die Ermittlung unterbrochen und der Film kehrt in das Zimmer von Flores zurück.

Autor/Regisseur Donato Carrisi spielt geschickt mit Verdachts-Momenten

Graue und erdfarbene Bilder prägen die Ästhetik des Thrillers, der damit ein tristes Bild des Dorflebens entwirft. Angesichts eines Geständnisses des Vaters von Anna Lou in einer anderen Angelegenheit, angesichts des Verhaltens der Nachbarschaft, die nichts gesehen haben will, oder durch das sektenhafte Verhalten einer christlichen Bruderschaft vor Ort entstehen Vermutungen zum Schicksal der Jugendlichen – Verdachtsmomente, die das Geschehen zunächst immer noch schleierhafter und undurchsichtiger werden lassen. Nicht nur mit dem Wechsel zwischen den Handlungssträngen unterbricht der Film seine Dramaturgie. Neben dem Blick des Sonderermittlers nimmt der Film zwischenzeitlich auch die Perspektive einer anderen Figur ein, stellt diese vor und lässt ihre Geschichte schließlich mit der Erzählung Vogels ineinanderfließen.

Sehr klug baut der Thriller diese unterschiedlichen Handlungsfäden auf, lässt Hinweise im Sande verlaufen und immer wieder neue Enthüllungen nach vorne treten. Mit dem Einnehmen einer neuen Perspektive wirkt es, als würde sich ein neues Kapitel eröffnen. Donato Carrisi, der Autor der Romanvorlage, erweist sich dabei auch als Drehbuchautor und Regisseur als souveräner Erzähler. Der Italiener wurde in den vergangenen Jahren in seiner Heimat mit Krimis wie „Die Totenjägerin“ oder „Der Todesflüsterer“ berühmt; letzterer machte ihn auch außerhalb Italiens bekannt. Mit der Verfilmung von „Der Nebelmann“ wagte sich Carrisi erstmals hinter die Kamera, wofür er im Frühjahr 2018 prompt mit dem bedeutendsten italienischen Filmpreis, dem „David di Donatello-Award“, für das beste Regiedebüt ausgezeichnet wurde.

Carrisi spielt nicht nur mit immer neuen Enthüllungen, Überraschungen und Wendungen ein raffiniertes Krimi-Spiel; großen Raum nimmt auch das Spiel zwischen dem mit fragwürdigen Methoden arbeitenden Ermittler und den Medien ein. Vogel genießt die Aufmerksamkeit der Kameras und macht den Fall zu einem Medienspektakel. „Schließen sie nicht. Hier kommen bald sehr viele Leute hin“, sagt er ziemlich am Anfang dem Inhaber einer Gaststätte in dem Dorf.

Verbrechensaufklärung als Medienspektakel

Vogel interessiert sich für die große Show. Er streut dafür Informationen an eine Fernsehjournalistin und inszeniert mit dem Auftreten von als Forensiker gekleideten Polizeibeamten an einem Fluss im Wald Ermittlungen als Spektakel. Obwohl ihm die eigene Reputation wichtig ist („Bevor Anna Lou auftaucht, brauchen wir einen Schuldigen. Meines Rufes wegen.“) und eine Fehleinschätzung in seinem vorangegangen großen Fall seinem Ansehen geschadet hat, rückt er von seinem Vorgehen nicht ab. Die öffentliche Inszenierung ist Teil seiner Ermittlungsarbeit. Er lenkt zugleich das Geschehen und die Aufmerksamkeit, um abseits der Kameras weiterzuarbeiten. Die Fernsehjournalistin spielt dieses Spiel ob des Wissens um die Einschaltquote mit, wird gleichzeitig aber als ebenso selbstbewusst und unabhängig dargestellt.

Aus dieser Konstellation, in der beide Parteien voneinander profitieren wollen, zieht der Film zusätzliche Spannung. Im Finale greift der Film die erste Szene noch einmal auf und lässt die verschiedenen Themen, die unterschiedlichen Perspektiven sowie die beiden Handlungsstränge zusammenfließen. Schließlich löst sich die klug konstruierte Erzählung stimmig auf, sodass sich am Ende der Nebel lichtet und das lange Verborgene in Erscheinung treten lässt.

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