Drama | Frankreich 2018 | 132 Minuten

Regie: Christophe Honoré

Ein an Aids erkrankter Schriftsteller lebt und liebt Mitte der 1990er-Jahre mit angezogener Handbremse. Als Mittdreißiger blickt er bereits auf sein Leben zurück, ohne Erwartungen und Träume. Seine Perspektive wird herausgefordert, als er einem jungen Mann begegnet, der sich ihm mit unerschrockener Hingabe zuwendet. Auf berührende, aber gänzlich unsentimentale Weise erzählt der Film von zwei Männern, ihrer Liebe und ihrer Sicht auf das Leben. Nebenbei rekapituliert der Film das Bild dieses bewegten Jahrzehnts durch wichtige Filme, Bücher und Songs. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
PLAIRE, AIMER ET COURIR VITE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Christophe Honoré
Buch
Christophe Honoré
Kamera
Rémy Chevrin
Schnitt
Chantal Hymans
Darsteller
Vincent Lacoste (Arthur Prigent) · Pierre Deladonchamps (Jacques Tondelli) · Jacques Tondelli (Mathieu) · Adèle Wismes (Nadine) · Thomas Gonzalez (Marco)
Länge
132 Minuten
Kinostart
25.10.2018
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Gefallen, lieben und schnell laufen – mit diesen Verben skizziert der schöne Originaltitel „Plaire, aimer et courir vite“ die Geschichte um die letzte und nur „angelebte“ Liebe des an Aids erkrankten Schriftstellers Jacques. Dass diese drei Begriffe sich nicht zu einem schlüssigen Kausalzusammenhang fügen, ist dabei nur konsequent. Denn „Sorry Angel“ von Christophe Honoré ist von einem Gefühl der Flüchtigkeit bestimmt, von der Permanenz eines anstehenden Abschieds, der kein Festhalten erlaubt.

Der französische Filmemacher nimmt diese Stimmung auf, wenn er die Figuren ständig in Bewegung zeigt: sie fahren oder gehen stets irgendwo hin, sie cruisen in Parks und am Flussufer, sie kommen immer gerade irgendwo an, in einem Hotel, einem Kino, in Wohnungen. Es gibt viele Auf- und Abtritte, aber wenig Verweilzeit. Und das alles ohne Hektik, aber im Fluss eines Lebens, das unaufhaltsam seinem Ende zugeht.

Eine Schrifttafel markiert zu Anfang das Jahr 1993. Der in Paris lebende Schriftsteller Jacques arbeitet an einem Buch über einen schwulen Brandstifter aus Belfort; ansonsten kümmert er sich um seinen Sohn Loulou, für den er das halbe Sorgerecht hat, oder er widmet sich seinen Freundschaften. Auch wenn er versucht, seiner Erkrankung nicht mehr Aufmerksamkeit zu schenken als unbedingt notwendig – eine Bekannte nennt ihn einmal „Monsieur Aids Höflichkeit“, um gleich hinterherzuschicken: „Du könntest auch ,Monsieur Aids Fuck You sein‘“ –, ist sein Handeln unterschwellig doch ganz davon bestimmt.

Er lebt und liebt mit angezogener Handbremse und hat sich in diesem Zustand freundlicher Resignation eingerichtet. Doch als er bei einer Veranstaltung in einer Kleinstadt den wesentlich jüngeren Arthur kennenlernt, der sich ihm mit Hingabe, Emphase und spielerischer Hartnäckigkeit zuwendet, wird seine Lebenshaltung herausgefordert. Jacques fühlt sich untauglich für diese Liebe – „Ich werde nicht als Träumer enden“, sagt er. Der unerschrockene Arthur wendet sich dennoch nicht von ihm ab: „Ich wollte immer alles haben, aber ich bin auch mit wenig zufrieden.“

„Sorry Angel“ entwickelt beide Figuren, die eine sehr unterschiedliche Perspektive auf das Leben und die Zeit haben – Jacques blickt zurück, Arthur lebt ganz in der Gegenwart – in Form einer parallelen Erzählung. Dabei ist die Dramaturgie keineswegs darauf aus, die beiden Figuren aufeinander zuzutreiben, ihre Begegnung zu forcieren. Honoré zeigt sie ganz im Gegenteil für sich, in ihren jeweiligen Leben. Auf der einen Seite Arthur, der seinem schwulen Begehren ohne Scham und komplizierte Gefühle zu folgen scheint, aber auch die zärtliche Beziehung zu seiner Freundin Nadine aufrechterhält. Auf der anderen Seite Jacques, der eine Vielzahl freundschaftlicher Beziehungen pflegt, etwa zu seinem sterbenden Ex-Freund, den er in den letzten Wochen bei sich zu Hause aufnimmt, zur Mutter seines Sohnes, zu einem Nachbarn.

Honorés Blick auf die Krankheit Aids ist gänzlich unsentimental, lässt aber den Schmerz über die Verluste deutlich spürbar werden. „Sorry Angel“ lässt sich daher auch als Zeugnis dieser Leerstellen begreifen. Im Presseheft schreibt Honoré: „Noch heute bin ich untröstlich über den Tod von Leuten, die ich gekannt habe, und über den Tod all jener, denen ich nie begegnet bin, die ich aber zu gerne kennengelernt hätte und die mich immer noch inspirieren ... Die Tatsache, dass diese Künstler nicht mehr unter uns sind, ist sehr schmerzhaft für mich. Es ist grausam, dass es keine neuen Bücher von Guibert gibt, keine Filme mehr von Demy, keine Filmkritiken von Daney, über die Filme von heute ...“

Honoré, der früher selbst Filmkritiken für die „Cahiers du Cinéma“ geschrieben hat, rekapituliert die 1990er-Jahre nicht zuletzt über das Kino dieser Dekade, indem er die Filmplakate, die in den verschiedenen Wohnungen oder im Kino hängen, in dem sich Jacques und Arthur das erste Mal begegnen, zum beiläufigen Teil der Ausstattung macht: „Boy Meets Girl“, „The Crying Game“, „The Piano“. Aus dem Film von Jane Champion sieht man einmal einen kurzen Ausschnitt; es ist die Szene in der Tiefe des Ozeans, kurz bevor Ada „wiederaufersteht“. Auch Jacques imaginiert seine Wiedergeburt nach dem „Krieg“, wie er die Krankheit nennt: als er selbst, aber mit mehr Charme. Und als jemand, der die nächtlichen Straßen mit mehr Selbstsicherheit entlangzugehen vermag.

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