Wanderlust

Liebesfilm | Großbritannien 2018 | Minuten

Regie: Luke Snellin

Britische Mini-Serie um das Ringen eines lange liierten Paares um ihre Beziehung. Eine Therapeutin fängt nach einem Fahrradunfall an, über ihr Leben nachzudenken, und stellt dabei auch die an sich harmonische Beziehung zu ihrem Ehemann infrage. Das führt dazu, dass die beiden nach neuen Formen suchen, ihr Zusammensein als Paar neu zu gestalten - wozu auch gehört, den Anspruch auf eheliche Treue zu lockern und nach neuen sexuellen Erfahrungen zu suchen. Eine ebenso berührende wie amüsante Tragikomödie in sechs Folgen um die Probleme einer Langzeit-Beziehung und das komplexe Verhältnis von Liebe und Sex, die mit sympathischen, vieschichtigen Figuren für sich einnimmt und mit Dialogen glänzt, die immer wieder meisterlich die Kommunikations-Unischerheiten umkreisen, wenn es um intime Bedürfnisse geht. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
WANDERLUST
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Luke Snellin · Lucy Tcherniak
Buch
Nick Payne
Kamera
Ben Wheeler
Schnitt
Gary Dollner · Johnny Rayner
Darsteller
Toni Collette (Joy) · Steven Mackintosh (Alan) · Zawe Ashton (Claire) · Joe Hurst (Tom Richards) · Paul Kaye (Lawrence)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Liebesfilm | Serie
Diskussion

Eine britische Mini-Serie, in der sich ein lange liiertes Paar auf das Experiment "Offene Beziehung" einlässt: Toni Collette und Steven Mackintosh brillieren in einer Tragikomödie in sechs Folgen, die nicht zuletzt um die Kommunikationshemmungen kreist, wenn es um intime Bedürfnisse geht. 

In einer Szene in Folge 4 tanzen Joy und Alan des Nachts langsam und eng umschlungen in der dunklen Küche ihres Hauses. Ein stiller Moment der Zweisamkeit, in den einige Erinnerungs-Bilder eines anderen Tanzes eingeschnitten sind, den die beiden vor vielen Jahren bei ihrer Hochzeit tanzten. Ebenso präzise wie beiläufig fasst diese kleine Montage zusammen, warum Joy und Alan so entschlossen um ihre Beziehung kämpfen, trotz aller Anfechtungen: Da ist eine Intimität, die weit übers Körperliche hinausgeht, wie sie nur gemeinsam gelebte Zeit herstellen kann.

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Die Ehe, um die die Miniserie „Wanderlust“ kreist, wird keineswegs nur noch durch den äußeren Kitt zusammengehalten – gemeinsame Kinder, gemeinsam organisierter Alltag, gemeinsames Haus et cetera –, sondern durch eine tiefe Verbundenheit. Trotzdem spüren sowohl Joy als auch Alan, dass sich in ihrem Liebesleben eine gefährliche Ödnis breitgemacht hat. Als Joy – nach einem Fahrradunfall aufgerüttelt – versucht, ihrer Beziehung wieder sexuellen Schwung zu geben, will das nicht richtig zünden und belastet den Umgang miteinander eher, als dass es ihn entspannt, weil beide sich zurückgewiesen und überfordert fühlen.

Gleichzeitig machen Joy und Alan die Erfahrung, dass das Thema Sex trotzdem noch längst nicht für sie erledigt ist – nur sind es jeweils ein anderer Mann und eine andere Frau, die die erlahmte Lust wieder entfachen. Doch muss das unbedingt eine Gefährdung für die Ehe sein? Vielleicht ist es ja die Rettung? Und so stürzen sich Joy und Alan in Nick Paynes Serie kopfüber in ein Experiment mit offenem Ausgang: Sie gestehen sich gegenseitig sexuelle Erlebnisse mit anderen Partnern zu – unter der Prämisse, trotzdem an ihrer Ehe und dem familiären Zusammenleben festzuhalten. Das Ticket für eine Gefühls-Achterbahn, deren Loopings „Wanderlust“ sechs Folgen lang genüsslich verfolgt.

Über  Probleme einer Langzeit-Beziehung und das komplexe Verhältnis von Liebe und Sex

Dass daraus eine ebenso amüsante wie kluge Tragikomödie rund um die Probleme einer Langzeit-Beziehung und ums komplexe Verhältnis von Liebe und Sex wird, hängt unter anderem mit einem vortrefflichen Dialogdrehbuch zusammen, das immer wieder um die Kommunikationsschwierigkeiten kreist, mit denen man sich auch Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution noch herumschlägt, wenn es darum geht, offen über intime Bedürfnisse zu reden und sich vor einem Gegenüber wirklich nackt zu machen – nicht nur körperlich, sondern als ganze Person. Die diversen Szenen, in denen Figuren über ihre Beziehungen und ihr Sexleben sprechen, sind kleine Kunstwerke an hilflosen Metaphern, indirekten Formulierungen, Verschanzungen hinter Ironie, unvollendeten Sätzen und verlegenen Pausen – wovon auch Joy nicht ausgenommen ist, obwohl sie als Psychotherapeutin eigentlich eine Expertin dafür ist, andere dazu zu bringen, ihre Gefühle in Worte zu fassen.

Die beiden Hauptdarsteller Toni Collette und Steven Mackintosh laufen dabei zu Bestform auf und sorgen dafür, dass immerhin eine Beziehung ganz reibungslos funktioniert: die, die man als Zuschauer gleich in der ersten Folge zu den gebeutelten Helden aufbaut. Neben dem emotionalen Nukleus – den Gefühlen, die Joy und Alan füreinander haben – beleuchtet die Serie vielschichtig auch das ganze Konstrukt drumherum und führt dazu eine Reihe ebenfalls glaubwürdig gezeichneter Nebenfiguren ein. Schließlich existiert Joys und Alans Ehe nicht im luftleeren Raum, sondern sozusagen als soziale Institution, die für Kinder, Freunde, Nachbarn, Kollegen etc. eine Rolle spielt. Somit ranken sich um die zentrale Liebesgeschichte eine Reihe anderer Geschichten und Figuren-Perspektiven, die sie spiegeln, ergänzen oder konterkarieren.

Die Schwerkraft des Vertrauten vs. die Zentrifugalkräfte neuer Erfahrungen

Dass das Experiment „Offene Beziehung“ dann doch ziemlich schnell problematische Seiten offenbart, obwohl die sexuelle Freiheit die Liebe von Alan und Joy zunächst tatsächlich beflügelt – auch in körperlicher Hinsicht – , hat viele Gründe. Die zu erwartenden gutbürgerlichen Vorbehalte von Leuten, die das Liebesleben des Paares eigentlich nichts angeht, wiegen darunter noch am leichtesten. Schwerwiegender sind die Kollateralschäden für die anderen Partner, mit denen sich Joy und Alan einlassen und die sehen müssen, ob und wie sie mit der „Nebenrolle“ zurechtkommen, die ihnen zugestanden wird. Und es liegt auf der Hand, dass das schön säuberliche Trennen von Sex und emotionaler Bindung auf Dauer nicht gutgehen kann.

Zudem zeigt Folge 5 (die großartig-kammerspielhaft inszeniert ist, über die man aber durchaus streiten kann, weil sie Joys Gefühlsverwirrungen monokausal wegerklärt), dass man, selbst wenn man seinem Partner gegenüber vollkommen ehrlich sein will, sich selbst vielleicht umso gründlicher etwas vormacht. Und so bleibt es bis zur letzten Folge spannend, wie der Tanz von Joy und Alan ausgeht – ob die Zentrifugalkräfte der neuen Erfahrungen sie auseinander treiben, oder ob es ihnen gelingt, ihren Pas de deux mit neuer Energie weiterzutanzen.

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