An den Rändern der Welt

Dokumentarfilm | Deutschland 2016-2018 | 92 Minuten

Regie: Thomas Tielsch

Dokumentarfilm über vom Aussterben bedrohte indigene Gemeinschaften zwischen Brasilien, Indonesien und Äthiopien. Die Filmemacher begleiten den Naturfotografen und Umweltaktivisten Markus Mauthe, der die Stämme fotografiert, um über ihr Schicksal aufzuklären, aber auch, um eine Art „Vermächtnis“ zu formulieren. Denn fast alle diese Gruppierungen sind durch Fortschritt, zunehmenden Kontakt mit der „Moderne“ und brutale Verdrängungsmechanismen in ihrer Lebensgrundlage gefährdet. Ein gelungener Einblick in fremde Welten, der mit einer klaren Haltung und in betörend schönen Bildern daherkommt. Auch bemüht sich der Film merklich darum, seinen Protagonisten ihre Souveränität zu lassen und dem westlichen Blick auf das Fremde immer wieder Perspektivwechsel entgegenzusetzen. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2016-2018
Regie
Thomas Tielsch
Buch
Thomas Tielsch
Kamera
Simon Straetker · Janis Klinkenberg · Fabian Bazlen · Lars Richter · Lukas Hoffmann
Musik
Daniel Vulcano
Schnitt
Anna-Luise Dietzel
Länge
92 Minuten
Kinostart
01.11.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Munduruku, Hamar, Mursi, Bajau oder Awá, so heißen sie, die letzten indigenen Völker der Welt. Der Naturfotograf und Greenpeace-Aktivist Markus Mauthe hat sie besucht, um ihre zunehmend aussterbende Lebensweise zu dokumentieren. Der Dokumentarfilmer Thomas Tielsch hat ihn bei der Arbeit begleitet und so nebenbei auch ein kleines Porträt dieses engagierten Menschen- und Naturfreunds geschaffen. Doch im Zentrum des betörend schön fotografierten Films stehen die Menschen, die ansonsten eben „An den Rändern der Welt“ leben: See-Nomaden in Indonesien, Waldbewohner in Brasilien oder Rinderbauern im Sudan. Sie alle leben noch immer mehr oder weniger wie ihre Vorfahren, in meist nomadischen Gemeinschaften abseits „unserer“ Welt, von dem, was ihnen die Natur gibt, mit traditionellen Ritualen, Kleidern, Tänzen und Kämpfen.

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Lernen, wie man von und mit der Natur lebt, ohne sie auszubeuten

Etwa die Suri im östlichen Südsudan: Sie haben sich vor zehn Jahren vor den Unruhen im Land auf einen kleinen Bergrücken zurückgezogen. Ihr Anführer erzählt, wie er den Wald aufgeteilt habe, in einen Teil für die Natur und einen Teil für die Gärten, damit die Bäume weiterhin den so überlebenswichtigen Regen anziehen können. Damit sind die Suri gute Vertreter der Nachhaltigkeits-Botschaft, die Mauthe und Tielsch ihren Zuschauern explizit mitgeben wollen: Demnach könnten und müssten wir von den indigenen Völkern lernen, wie man mit und von der Natur lebt, ohne sie auszubeuten – denn bald schon werden diese Kulturen und damit auch ihr Wissen ausgestorben sein.

Es nimmt dem Film etwas von seiner Schwere, dass er dem Fortschritt und zunehmendem Kontakt der abgeschiedenen Völker mit der heutigen Welt bei allen negativen Begleiterscheinungen auch positive Aspekte abgewinnen kann: Schulbildung, gute medizinische Versorgung, feste Jobs oder regelmäßigerer Zugang zu sauberem Trinkwasser. Und eine richtige Erfolgsgeschichte wird hier vorgestellt, womit man (diskret) ein wenig Publicity für die Umweltorganisation Greenpeace macht, die die Entstehung des Films „freundlich unterstützte“: Die Munduruku in Brasilien konnten mit internationaler Hilfe den Bau eines Megastaudamms im Herzen ihres Stammesgebiets verhindern.

Wirtschaftliche Interessen eines Staates oder eines Global Players werden über die essenziellen Bedürfnisse kleiner Volksstämme gestellt

Insgesamt aber überwiegen recht brutale Verdrängungsmechanismen: Ob diese in Äthiopien in Form von Zuckerrohrplantagen daherkommen, in Brasilien als riesige Sojafelder oder in Indonesien in der Gestalt von großen Fischfangunternehmen, die die Bestände drastisch reduzieren. Die Strukturen sind (fast) immer dieselben: Vorgebliche wirtschaftliche Interessen eines Staates oder eines Global Players, die über die essenziellen Bedürfnisse kleiner Volksstämme gestellt werden und Abholzung, Umweltverschmutzung und gekappte Wasserwege mit sich bringen. Dazu unfähige und/oder korrupte staatliche Stellen, sowie Skrupellosigkeit bei denen, die das große Geld wittern. Und schließlich, last but not least, der Klimawandel als Gesamtphänomen.

Der Dokumentarfilm, der von einer Ausstellung in Hamburg, einem Bildband sowie einer Vortragstournee durch Deutschland flankiert wird, hat eine klare Haltung, die politisch Andersdenkende als „Gutmenschentum“ abtun könnten. Doch wie sonst als mit offenem Blick sollte man fremden, gänzlich anders lebenden Völkern sinnvollerweise begegnen? Dabei ist der Film nicht einseitig oder naiv: Er nimmt auch Perspektiven jenseits der Klage über Fortschritt und Großkonzerne ins Visier. Überhaupt bemüht sich die Doku um Perspektivwechsel, versucht sich von der westlich-romantisierenden Klischee-Sicht auf „das Wilde“ zu lösen und die Blickrichtung immer mal wieder umzukehren. So lässt der Film seinen Protagonisten ihre Souveränität. Bezeichnend dafür ist die Aussage einer Frau der Dasanech in Äthiopien, deren Existenz von einem Staudamm-Projekt bedroht ist: „Wir brauchen keine Hilfe“, sagt sie. „Wir brauchen nur unseren Fluss.“

Auf der Bildebene aber dominiert die reine Überwältigung durch das Exotische und Fremde der Natur (jedenfalls da, wo sie noch intakt ist). Die atemberaubenden Aufnahmen, für die offenbar häufig auch Kameradrohnen eingesetzt wurden, sind hier Programm: Mauthe und Tielsch wollen explizit die Schönheit dieser womöglich schon bald verschwundenen Welten zeigen – einerseits als Versuch, damit ans globale Gewissen zu appellieren, andererseits aber auch schon als eine Art „Vermächtnis“. Denn dass das Schicksal der meisten indigenen Völker heute bereits besiegelt ist, daran lässt dieser Film keinen Zweifel.

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