Nur ein kleiner Gefallen

Drama | USA 2018 | 117 Minuten

Regie: Paul Feig

Zwei gegensätzliche Frauen, eine alleinerziehende Übermutter und ein Fashion-Vamp, verbringen notgedrungen viel Zeit miteinander, weil ihre beiden Sprösslinge gut miteinander auskommen. Als die eine spurlos verschwindet, beginnt die andere eine Liebschaft mit deren Mann. Dabei stöbert sie so lange in der Vergangenheit des Paares, bis sie ein paar dunkle Geheimnisse aufdeckt. Während ihrer Recherchen verliert sie ihre Naivität und gewinnt jene Souveränität, die sie an der vermeintlichen Freundin zuvor so bewunderte. Der schwarzhumorige Thriller ist in hellen, sonnigen Bildern inszeniert, die im Glanz von Luxus und der Moden schwelgen, insgeheim aber amüsiert mit Witz, Slapstick und dem Genre der Komödie kokettieren. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
A SIMPLE FAVOR
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Paul Feig
Buch
Jessica Sharzer
Kamera
John Schwartzman
Musik
Theodore Shapiro
Schnitt
Brent White
Darsteller
Anna Kendrick (Stephanie Smothers) · Ian Ho (Nicky Nelson) · Blake Lively (Emily Nelson aka Hope McLanden) · Henry Golding (Sean Townsend) · Andrew Rannells (Darren)
Länge
117 Minuten
Kinostart
08.11.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Komödie | Kriminalfilm
Diskussion

Emily ist weg. Das ist zunächst der Plot von „Nur ein kleiner Gefallen“. Für viele Menschen in Emilys Umgebung ist das egal, denn sie finden Emily blöd. Emily arbeitet mit dem Direktor einer superschicken Modefirma und macht sich entsprechend wichtig, was in der Kleinstadthölle von Upstate New York für Ressentiments allemal reicht. In High Heels und Nadelstreifenanzug ist Emily mehr Fashion-Star als fürsorgliche Mutter ihres sechsjährigen Sohnes Nicky – weshalb sie die anderen Eltern als Außenseiterin verspotten.

Stephanie ist hingegen eine Parademutter. Sie schaut kaum etwas anderes an als ihren Sohn Miles, höchstens noch die Kamera, während sie ihren Videoblog aufnimmt. Der richtet sich an andere Mütter: „Hi Moms!“, ruft Stephanie regelmäßig alle paar Tage, dann führt sie Kochrezepte für Kinderspeisungen vor. Sie ist eine Alleinerziehende, die nur noch virtuell Kontakt zu anderen Erwachsenen hat. Auch das sorgt für Außenseiterstatus – Stephanie bekommt die andere Hälfte vom Spott in der Kleinstadt ab.

Die Kinder bringen diese beiden Frauen zusammen. Die Jungs werden Freunde, also müssen die Mütter sich kennenlernen. Das ist für beide ein Gewinn, denn Emily ist stets auf der Suche nach jemanden, den sie ausnutzen kann, und Stephanie ist so einsam, dass sie mit jedem geht, der sie haben will. Diese Treffen der Gegensätze bieten französische Popmusik, 16-Uhr-Martinis und Sex-Geständnisse. Kurzum: Sie sind ein unerwarteter Spaß. Ins Gewicht fällt dabei auch, dass es sich bei den Schauspielerinnen um Blake Lively und Anna Kendrick handelt. Lively gibt die Zynische, Kendrick die Naive, und beide sind sichtlich entzückt von ihren Rollen. Sie bewegen sich wie Wettkämpfer, jede stellt die mieseste Seite ihres Charakters aus, und wenn sie sich darüber genug amüsiert haben, fangen sie an, sich einander zu zeigen: Sie erzählen sich ihre schlimmsten Geheimnisse.

Inszeniert werden die beiden von Paul Feig, dem US-Komödienregisseur, der zwischen „Brautalarm“ und „Ghostbusters“ fast nur mit Frauen gearbeitet hat. In Feigs Geschichten dürfen Frauen ruppig oder vulgär sein, sie brauchen sich einmal nicht um die Liebe zu scheren, sondern haben stattdessen beste Freundinnen. Dieses Verhalten macht seine Frauenfiguren ziemlich amüsant. Die Inszenierung fügt ihnen reichlich Exzentrik hinzu. Die Protagonistinnen benehmen sich oft exaltierter, als es Frauen in US-Komödie sonst erlaubt ist. Da Exzentrik in Europa aber meist als Albernheit gilt, sagt man Feigs Filmen gerne nach, dass sie zwar lustig, aber auch peinlich seien.

„Peinlich“ kann man im aktuellen Fall streichen. Interessanter ist das Label „feministisch“, das seinen Arbeiten ebenfalls anhängt. Tatsächlich kann man in „Nur ein kleiner Gefallen“ sehen, wie Feigs Heldinnen um der persönlichen Selbstbestimmung willen das große US-amerikanische Heiligtum entweihen: Sie demontieren die Familie. Die eine treibt ihre zwei möglichen Kindsväter in den Tod, die andere verlässt Mann und Sohn ohne Angabe von Gründen und offenbart noch ein paar weitere familienfeindliche Geheimnisse. Das alles spielt sich hinter der Fassade des Mutterdaseins ab. Damit man darüber auch sämtliche Details erfährt, übernehmen die Frauen zusätzlich Jobs, die im Kino sonst weitgehend an Männer vergeben werden: Sie verwandeln sich in Detektivinnen, Betrügerinnen, Mörderinnen.

Während der Film die Frage „Wo ist Emily“ allmählich mit der Frage „Wer ist Emily“ ersetzt, erzählt Feig also von der Veränderung zweier Frauen. Mit deren neuem Selbstverständnis wird die Geschichte spannender, zeitweise sogar ziemlich dreckig. Feigs Bilder schwelgen zwar im hellen Glanz des Luxus und der Moden, aber der Plot wechselt sanft von der Komödie in einen schwarzen Thriller, in dem Stephanie schrittweise einen Erpressungsfall aufdeckt. Dazu muss sie sich verkleiden, verstellen, ihr Ungelenksein verbergen – was die Momente von Slapstick oder den Witz der Dialogsätze trotzdem befördert. „Nur ein kleiner Gefallen“ ist eine Art Krimi, dabei aber so lustig, wie man es von einem Paul-Feig-Film erwartet, und er enthüllt am Ende, dass „Mom“-Vlogs doch nützlicher sind, als man glaubt.

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