Le Grand Bal - Das große Tanzfest

Dokumentarfilm | Frankreich 2018 | 89 Minuten

Regie: Laetitia Carton

Jedes Jahr im Sommer findet in dem mittelfranzösischen Städtchen Gennetines ein Tanzfest mit traditioneller Musik statt, das Menschen von weither anzieht. Zu ihnen zählt auch die Filmemacherin Laetitia Carton, die den Ball seit vielen Jahren regelmäßig besucht. Ihre Dokumentation ist eine Liebeserklärung an die Veranstaltung, die Musik und ihre Interpreten sowie all die Menschen, die sich im rhythmischen Taumel verlieren und zu einem großen Ganzen verschmelzen. Eine persönliche, auf Atmosphären, Bewegung und Impressionen setzende Ode an den Tanz und die daraus resultierende Lebensfreude. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LE GRAND BAL
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Laetitia Carton
Buch
Laetitia Carton
Kamera
Karine Aulnette · Prisca Bourgoin · Laetitia Carton · Laurent Coltelloni
Schnitt
Rodolphe Molla
Länge
89 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentation über das alljährlich im Sommer stattfindende Tanzfest im französischen Städtchen Gennetines als persönlich gefärbte Liebeserklärung an die Veranstaltung, die Musik und die Tanzenden.

Fred ist an allem schuld. Er hatte die damals 25-jährige Laetitia Carton an einem Winterabend in eine Scheune geführt. Dort wirbelten zu den Klängen einer Violine und eines Akkordeons Frauen und Männer über den Holzboden. Sie tanzten Mazurka oder Walzer und stampften mit den Füßen im Takt, während die Zeit bedeutungslos wurde. „Ich verliebte mich sofort in diese Welt des Tanzes“, erinnert sich die Regisseurin aus dem Off, während die Kamera durch eine frostig kalte Hügellandschaft gleitet und sich langsam eine Melodie in den Vordergrund schiebt. „Seither prägen Bälle mein Leben und jeden Sommer fahre ich zum großen Ball“, sagt sie, bevor sie den Zuschauer direkt in das Getümmel eines rauschenden, sommerlichen Tanzfests katapultiert.

Cartons Dokumentarfilm über den seit 1990 stattfindenden, mehrtägigen „Grand Bal de l’Europe“ ist eine große Liebeserklärung an den Tanz, an die Musik und ihre Interpreten sowie all die Menschen, die bei einer Tarantella oder bei einer Polka zueinanderfinden, sich im Hier und Jetzt verlieren und zu einem großen Ganzen verschmelzen. Über 2000 Menschen pilgern jeden Sommer – unter ihnen auch die Regisseurin – nach Gennetines im Département Allier. Sie schlagen auf dem benachbarten Ackerland ihre Zelte auf, lernen vormittags in Workshops verschiedene traditionelle Tänze und Musikspielarten kennen und besuchen abends einen der vielen Bälle, auf denen sie die Nächte durchtanzen können. Vorne oder auch inmitten der Tanzenden stehen die Musiker, manchmal eine Kapelle, gelegentlich auch nur eine Akkordeonspielerin oder eine A-Cappella-Gruppe.

Eine Welt jenseits des Alltags

2016 haben sich Laetitia Carton und ihr Team sieben Tage und acht Nächte lang mit ihren Kameras unter das tanzfreudige Volk gemischt und sich nicht sattsehen können. Was sie zeigen, ist eine eigene Welt, in der die Musik live eingespielt wird auf Geigen, Klarinetten, Gitarren, Dudelsäcken und Triangeln. Der Alltag bleibt draußen, die Handys auch. Hier fasst man sich an. Man tanzt zu zweit, zu dritt, zu hundert und man sieht Junge mit Alten, Frauen mit Männern, Frauen mit Frauen und – gar nicht selten – Männern mit Männern, die sich gemeinsam im Takt der Musik bewegen.

Das „Bedürfnis der Menschen, berührt zu werden“ entdeckt Carton beim Großen Ball immer wieder und so verweilt sie auf den Gesichtern der Tanzenden, fängt ihr glückseliges Lächeln ein, ihre stille Innerlichkeit. Sie zeigt Hände, die ineinander, auf fremden Schultern oder an Hüften liegen. Alles andere draußen in der Welt zählt nicht mehr. Im gemeinsamen Tanz scheint alles, was die Menschen sonst oft voneinander trennt – Alter, Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Nationalität, Politik – überwunden. Ganz so einfach ist es dann aber auch wieder nicht. Fast ein wenig pflichtbewusst – schließlich will die Regisseurin hier Dokumentarfilmerin, weniger Tänzerin sein – zeigt Carton Einzelne, die wie Zaungäste am Rande stehen und in ihrem Alleinsein verharren. Nicht alle wollen miteinander tanzen, hört man in Gesprächen heraus. Die Fortgeschrittenen haben keine Lust, sich von Anfängern auf die Füße trampeln zu lassen, andere wiederum wissen nicht, wie man Anschluss findet; mitunter werden Frauen auch sexuell belästigt. Eine Ballnacht kann an eigene Grenzen heranführen, „Turbulenzen“ hervorrufen, weiß Carton aus eigener Erfahrung. Plötzlich glaubt man sich am falschen Ort, weil man nicht aufgefordert wird oder die Bewegungen nicht anmutig fließen wollen. Doch die meisten kommen offenbar wieder nach Gennetines, lernen dazu, philosophieren über das Tanzen und was es mit den Menschen macht. Und tatsächlich sieht man Frauen und Männer, die beim gemeinsamen Tanz offenbar ganz bei sich sind. Im Alltag ein seltener Anblick.

Der Film ist eine sehr persönliche Ode an den Tanz

„Le Grand Bal – Das große Tanzfest“ ist kein Dokumentarfilm, auf den die Welt gewartet hat oder der unbedingt ins Kino gehört, zumal er filmisch wenig zu bieten hat. Es geht Carton vor allem darum, die Atmosphäre des Balls einzufangen. Die Regisseurin lässt sich treiben, schaut mal hierhin, mal dorthin, aber nie auf den Grund der Dinge. Ihr Film ist eine sehr persönliche und fast schon überhöhte Ode an den Tanz und die daraus resultierende Lebensfreude. Fragt sich nur, ob und wie man beim Zuschauen im Kinosessel sitzen bleiben kann.

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