Mirai - Das Mädchen aus der Zukunft

Animation | Japan 2018 | 98 Minuten

Regie: Mamoru Hosoda

Als seine kleine Schwester geboren wird, ist ein vierjähriger Junge hin- und hergerissen zwischen Liebe und Stolz, Ablehnung und Wut. In der fantastischen Begegnung mit Familienmitgliedern zu anderen Zeiten ihres Lebens, darunter auch seiner Schwester als Jugendlicher, verändert er sich und gelangt zu einem neuen Verständnis seiner selbst und der Rollen in der Familie. In poetischen Episoden erzählter, zartfühlender Animationsfilm über einen großen Entwicklungssprung im Leben eines Kindes. Dabei zeichnet sich der vergleichsweise stille Anime besonders durch die genaue, lebensnahe Zeichnung der Figuren aus und findet treffende Bilder für Gefüge einer Familie im Wandel. - Sehenswert ab 8.

Filmdaten

Originaltitel
MIRAI NO MIRAI
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2018
Regie
Mamoru Hosoda
Buch
Mamoru Hosoda
Musik
Masakatsu Takagi
Schnitt
Shigeru Nishiyama
Länge
98 Minuten
Kinostart
28.05.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 8.
Genre
Animation
Diskussion

In poetischen Episoden erzählter, lebensnaher japanischer Animationsfilm über einen vierjährigen Jungen, der durch eine magische Begegnung lernt, das durch die Geburt seiner kleinen Schwester durcheinandergeratene Familiengefüge neu einzuordnen.

Mit der Geschichte einer Jugendlichen, die plötzlich die Fähigkeit hat, in der Zeit zurückzureisen, hat Mamoru Hosoda 2006 zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht. Ein humorvoller, augenzwinkender Zeitreise-Coming-of-Age-Film war Das Mädchen, das durch die Zeit sprang – und für Hosoda zugleich das Sprungbrett in die A-Liga der Anime-Regisseure. Nach mehreren überraschenden Genre-Mischungen wie dem Cybercrime-Familienfilm Summer Wars oder der Fantasy-Liebes-Coming-of-Age-Geschichte Ame und Yuki – Die Wolfskinder erzählt er nun noch einmal von einer Zeitreise. Nur begleitet er dieses Mal keine jugendliche Protagonistin, sondern einen vierjährigen Jungen, dessen Leben sich gerade an einem Wendepunkt befindet: Er ist großer Bruder geworden.

Die Geburt von Mirai wirbelt das Familienleben komplett durcheinander. Alles scheint sich nur noch um das kleine, müde Wesen zu drehen, um das die Mutter sich immerzu kümmert und das den Vater, einen Architekten, in seinem Rollenverständnis irritiert. Kun ist hin- und hergerissen. Manchmal liebt er seine Schwester, kümmert sich liebevoll um sie und fühlt sich gut als großer Bruder. Meistens aber ist er einfach nur wütend oder traurig. Weil nichts mehr so ist, wie es vorher war.

Gespür für sämtliche Figuren

Unglaublich treffend spiegelt Hosoda diese Familiensituation und beweist dabei ein gutes Gespür für sämtliche Figuren mit ihren Erwartungen und Wünschen. Kun sehnt sich nach Aufmerksamkeit und Liebe. Aber weil er seine Gefühle und Bedürfnisse noch nicht in Worte fassen kann, verleiht er diesen durch Trotzreaktionen und Wutanfälle Ausdruck. Weil Kun seine Mutter damit an ihre Belastungsgrenzen bringt, schreit sie ihn an, obwohl sie das doch vollkommen falsch findet. Übermüdet versucht der Vater unterdessen, den Haushalt zu schmeißen, während seine Frau wieder zu arbeiten beginnt, und scheitert an den einfachsten Dingen.

Dann verändert sich Kuns Welt noch einmal. Im Garten trifft er auf einen seltsamen Menschen, der sich als der Familienhund in anderer Gestalt entpuppt und Kun seine eigene Geschichte erzählt. Auch er war in dieser Familie einmal der Prinz – bis Kun geboren wurde. Beim nächsten Besuch im Garten steht Kun plötzlich einer Jugendlichen gegenüber: Mirai, wie sie einmal als Jugendliche aussehen wird.

So verschmelzen von nun an in der Vorstellungswelt von Kun Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit sowie Realität und Traum. In fantastischen Sequenzen erzählt Hosoda davon, wie Kun sich durch die Begegnung mit seiner Schwester, später auch seiner Mutter und seinem Urgroßvater zu anderen Zeiten in deren Leben verändert. Indem er mehr über seine Familie erfährt, wird er sich auch seiner selbst bewusst.

Einfühlsam, leicht und mit Bildwitz inszeniert

Ganz und gar nicht didaktisch wirken diese Episoden, sondern vielmehr einfühlsam, leicht und mit Bildwitz inszeniert. Hosoda setzt auf Stimmungen und Symbole, die wie der Lebensbaum im Garten oder eine Puppendekoration im Haus anlässlich des Hina-Matsuri, des Mädchenfests, tief in der japanischen Kultur verwurzelt sind. Der überzogene Slapstick, der noch seine ersten Filme ausgezeichnet hat, ist mittlerweile kaum noch zu finden. Nur noch selten überzeichnet Hosoda die Bewegungen und die Mimik seiner Figuren – vor allem dann, wenn er ihre Hilflosigkeit humorvoll darstellen will, ohne sie bloßzustellen.

Nachdem Hosoda unter Beweis gestellt hat, dass er auch in spektakulär angelegten Geschichten wie Der Junge und das Biest oder Summer Wars über ganz persönliche Dinge erzählen kann, kehrt er nun zu einem vergleichsweise stillen und leisen Rahmen zurück. Wieder einmal steht in „Mirai“ eine Familie im Mittelpunkt, wieder einmal stellt er die Fragen, welche familiären Einflüsse uns zu denen machen, die wir sind, wieder einmal geht es um das Aufwachsen. Durch die Ausflüge ins Fantastische öffnet Hosoda diese kleine, überschaubare Welt wiederum und nutzt die Möglichkeiten der Animation, um über die realen Probleme auf ebenso poetische wie anschauliche Art zu erzählen. In „Mirai“ sind die Ausflüge in fantastische Welten kein Eskapismus, sondern ein Mittel der Selbstermächtigung und eine Möglichkeit, die Welt und sich selbst zu verstehen.

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