Whatever happens next

Road Movie | Deutschland/Polen 2018 | 102 Minuten

Regie: Julian Pörksen

Ein Mann von Anfang 40 lässt eines Tages sein geregeltes Leben hinter sich, um fortan ziellos durch die Welt zu streifen. Mit höflichen Übergriffen schnorrt er sich durch den Alltag, schleicht sich in Gesellschaften ein und macht dabei die unterschiedlichsten Begegnungen. Die Tragikomödie behält das Rätsel um den Ausbruch des Mannes auf angenehme Art bei und formuliert mit spielerischer Leichtigkeit und einer Spur Melancholie einen Gegenentwurf zu einer auf Produktivität, Effizienz und Sinn ausgerichteten Lebensweise. Das Zusammentreffen und -leben mit einer überdrehten jungen Frau bremst den Film allerdings ziemlich aus und nimmt ihm die anfängliche Offenheit. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
WHATEVER HAPPENS NEXT
Produktionsland
Deutschland/Polen
Produktionsjahr
2018
Regie
Julian Pörksen
Buch
Julian Pörksen
Kamera
Carol Burandt von Kameke
Musik
Mahan Mobashery
Schnitt
Carlotta Kittel
Darsteller
Sebastian Rudolph (Paul Zeise) · Lilith Stangenberg (Nele) · Peter René Lüdicke (Ulrich Klinger) · Christine Hoppe (Luise Zeise) · Eike Weinreich (Ben)
Länge
102 Minuten
Kinostart
08.11.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Road Movie | Tragikomödie
Diskussion

Tragikomödie um einen unerklärlichen Ausbruch eines Mannes aus seinem geregelten Leben als spielerisch-leichter, melancholischer Gegenentwurf zu einer auf Produktivität, Effizienz und Sinn ausgerichteten Lebensweise.

Im Grunde sind die Titel von Julian Pörksens bisherigen Veröffentlichungen, darunter ein Kurzfilm, ein Theaterstück und ein Buch, bereits Hinleitungen zum Thema des Langfilmdebüts: „Sometimes We Sit and Think, and Sometimes We Just Sit“, „Verschwende Deine Zeit“, „Wir wollen Plankton sein“. Denn es geht in „Whatever Happens Next“ um eine Lebensweise jenseits von Produktivität, Effizienz und Sinn. Um Verschwendung, Inaktivität, Müßiggang, Sich-Treiben-Lassen, ums Herumsitzen. Also genau um jene Zustände, die in unserer komplett durchökonomisierten Gesellschaft unerwünscht sind, da sie keine Werte produzieren. Früher hätte man vielleicht „Gammler“ gesagt. Wobei der Begriff wahrscheinlich schon viel zu ideologisch aufgeladen ist, um die fröhliche und gänzlich unprogrammatische Ziellosigkeit Paul Zeises, der Hauptfigur in „Whatever Happens Next“, zu beschreiben.

Paul Zeise verlässt eines Morgens das Haus, lässt unterwegs das Rad stehen und läuft einfach los. „Das ist irgendwie passiert“, sagt er. Er konzeptualisiert und theoretisiert seinen Ausstieg nicht und auch der Film tut es angenehmerweise nicht oder zumindest nur implizit. So schert „Whatever Happens Next“ auch aus jenem Genre aus, das den freiwilligen oder auch unfreiwilligen Ausstieg aus einem geregelten Leben mit Haus und Familie oftmals mit lebensphilosophischem Pathos als gesellschaftskritischen beziehungsweise kulturpessimistischen Entwicklungsroman erzählt.

Pörksen, der als Assistent für Christoph Schlingensief arbeitete, legt für seinen nur mit einem Stoffbeutel ausgestatteten Helden vielmehr eine Art Parcours von „Situationen“ an, die in den geglückteren Fällen tatsächlich die experimentelle Offenheit und Direktheit einer Performance haben: wenn sich Paul etwa einfach in das Auto eines Friedhofgärtners setzt, um sich irgendwohin mitnehmen zu lassen, wenn er sich zu einer Beerdigungsgesellschaft dazusetzt, wo er für irgendeine Person aus der „Kasseler Familie“ gehalten wird und das Spiel bis zur empörten „Enttarnung“ mitspielt oder wenn er in eine Wohnung hineinläuft, weil da gerade eine Party stattfindet und am nächsten Morgen mit entwaffnender Selbstverständlichkeit das Frühstück zubereitet.

„Sie können doch nicht einfach in mein Auto einsteigen!“, „Was machen Sie in meiner Küche?“ – Auch wenn „Whatever Happens Next“ in diesen Momenten mitunter an die irritierend höflichen Übergriffe von „Verstehen Sie Spaß?“ erinnert, geht es hier natürlich nicht ums Streiche spielen, sondern darum, eine Mitfahrgelegenheit, einen Platz zum Übernachten und ein schönes Frühstück zu bekommen. Pauls Argumente sind ja nicht von der Hand zu weisen. Mit der nicht zu widerlegenden Feststellung „es ist genug Platz hier“ zieht er für mehrere Wochen sogar in der Villa eines krebskranken Kunstmäzens ein.

Während ein von Pauls Frau beauftragter, anrührend unbeholfener Privatdetektiv die Suche nach dem Verschwundenen aufnimmt, lässt sich dieser bis nach Lodz treiben, wo er zunächst als Obdachloser auf der Straße lebt, bis er als Sterbebegleiter eines Komapatienten – auch diese Rolle ist ihm „passiert“ – für ein paar Tage in einem Krankenhaus unterkommt. Wobei Paul nicht primär eine parasitäre Figur ist. Mit Unvoreingenommenheit und lebendigem Interesse lässt er sich auf sein jeweiliges Gegenüber ein. Und wenn bei diesem die erste Abwehr überwunden ist, entstehen tatsächlich freundschaftliche oder gar inspirierende Begegnungen. Doch natürlich ist Paul mit seiner bindungslosen, radikal freien Lebensweise auch eine Projektionsfläche für eskapistische Fantasien verschiedenster Art.

Mit der durchgeschepperten Nele, bei der zwischen Borderlinetum und selbstbezüglicher Attitüde schwer zu unterscheiden ist, hat der Film dann aber doch mehr vor, als ihm guttut. Eine Weile wohnen die beiden in einer großbürgerlichen Wohnung zusammen, wo die junge Frau eine Katze zu füttern hat. In dieser Zwischennutzungswelt öffnet sich für Paul, der im Laufe des Films immer mehr in Melancholie und Nachdenklichkeit abdriftet, zum ersten Mal so etwas wie eine Perspektive, die über das „whatever happens next“ hinausgeht. Bei den etwas forciert wirkenden Gesprächen und einem Streifzug durch ein Hotel geht die Offenheit, die im Titel angelegt ist, allerdings ziemlich verloren.

Das große Gesellschaftspanorama, wie es etwa die französische Autorin Virginie Despentes in ihrer „Vernon Subutex“-Trilogie mit einem obdachlosen Couch-Surfer als Romanhelden auffächert, hat Pörksen nicht im Sinn. „Whatever Happens Next“ ist gänzlich unbissig, eher spielerisch, luftig, mitunter selbst etwas verschlufft. „Jeder Mensch ist eine Welt“, sagt Nele einmal und Paul lacht darüber nur, weil es so kitschig klingt.

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