Drama | USA/Großbritannien/Kanada/Deutschland/Schweden 2018 | 117 Minuten

Regie: Fede Alvarez

Nachdem die Hackerin Lisbeth Salander eine Software zur Steuerung von Nuklearsilos aus einer NSA-Datenbank entwendet hat, gerät sie zwischen die Fronten von Geheimdienst, schwedischen Behörden und einer von ihrer Schwester geleiteten Unterwelt-Organisation. In düster-surrealen Tableaus und glänzend inszenierten Actionsequenzen wechselt der Film virtuos zwischen Thriller- und Actiongenre, enthebt seine Hauptfigur dadurch aber jener feministischen Identität, die bislang das Alleinstellungsmerkmal von Protagonistin wie Filmreihe ausmachte. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
THE GIRL IN THE SPIDER'S WEB
Produktionsland
USA/Großbritannien/Kanada/Deutschland/Schweden
Produktionsjahr
2018
Regie
Fede Alvarez
Buch
Jay Basu · Fede Alvarez · Steven Knight
Kamera
Pedro Luque
Musik
Roque Baños
Schnitt
Tatiana S. Riegel
Darsteller
Claire Foy (Lisbeth Salander) · Sylvia Hoeks (Camilla Salander) · Lakeith Stanfield (Edwin Needham) · Sverrir Gudnason (Mikael Blomkvist) · Lakeith Stanfield (Edwin Neeham)
Länge
117 Minuten
Kinostart
22.11.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Thriller
Diskussion

Neuauflage der Thriller um die Punk-Hackerin Lisbeth Salander mit neuem Regisseur (Fede Alvarez) und neuer Hauptdarstellerin (Claire Foy). Die Reihe wird um Actionsequenzen und weltweite Schauplätze erweitert, opfert damit aber die bislang prägende feministische Identität der Hauptfigur.

Wenn Lisbeth Salander in „Verschwörung“ die Elektronik eines Autos hackt, sitzt sie nicht vor einem Laptop oder in ihren eigenen vier Wänden – sie hockt, vollgepumpt mit einem Cocktail aus Sedativen und Amphetaminen, hinter dem Steuer eines geklauten Luxusautos. Mit einer Hand steuert sie den Volvo durch die Straße, mit der anderen löst sie die Airbags im Vorderfahrzeug aus. Die Verfolgungsjagd ist eine ungewollte Konsequenz ihres Auftrags in „Verblendung“ (2011), mit dessen Erfüllung sich die Hackerin nicht nur mit den schwedischen Behörden, sondern zusätzlich mit der NSA, dem Großunternehmen ihrer Schwester und einem russischen Syndikat anlegte. Ihnen allen geht es um ein von Salander aus der NSA-Datenbank geklautes Computerprogramm, das Zugang zu den Nuklearsilos der Welt ermöglicht.

Auf diese Weise  betritt Lisbeth Salander mit „Verschwörung“ erstmals die Bühne der „Larger than Life“-Actionheldinnen. Ging es in ihrem Kampf in „Verblendung“ (Regie: David Fincher) noch ums eigene Überleben in einer von sadistischen Männern geprägten Welt voller sexueller Gewalt, sieht sie sich in der von Fede Alvarez inszenierten Fortsetzung erstmal Phänomenen globalen Ausmaßes und einem apokalyptischen Gefahrenpotenzial gegenüber. Damit spielt Salander jetzt in der Liga jener Weltenretter, die abseits der Comic-Universen nur noch die Kollegen Ethan Hunt und James Bond umfasst.

Ein Vergleich zwischen den beiden US-Adaptionen der „Millennium“-Romane und der James-Bond-Reihe ist auch deshalb interessant, weil Protagonist und Protagonistin aus einer entgegengesetzten Ausgangsposition in eine Identitätskrise geraten sind. Der britische Geheimagent Bond hat sich vom antiquierten Chauvinisten zu einer melancholisch-geradlinigen und fest im Zeitgeist des politischen Weltgeschehens verwurzelten Figur entwickelt. In diesem Weltgeschehen, das sich im 21. Jahrhundert sukzessive ins Digitale verlagert, scheint das unerschütterliche Selbstbild von 007 mit dem Verlust der physischen Realität und dem Echo seiner Vergangenheit mehr und mehr in ein unauflösbares Dilemma zu geraten. Die neue, von Claire Foy gespielte Lisbeth Salander scheint durch ihre unbestrittene Kompetenz im Umgang mit Algorithmen dagegen bestens für die digitale Zukunft gewappnet, büßt auf der Actionbühne aber auf ganz andere Weise einen entscheidenden Teil ihrer Identität ein.

Lisbeth Salander betritt ein neues Genre

Alvarez verfrachtet die hochbegabte, anarchistische Protagonistin in ein neues Genre. Nach Finchers weitgehend auf einer Insel spielendem Recherche-Thriller folgt jetzt ein weltumspannender Actionfilm, der den Akzent deutlich auf das neu hinzugewonnene Genre legt. Statt einer traumatischen, von sexueller Gewalt geprägten Familiengeschichte rückt hier die Jagd nach Nuklearcodes in den Fokus der Erzählung. Doch trotz der grundlegenden Neuausrichtung der Rolle hängt Alvarez sichtbar weiterhin an der Ästhetik von Fincher.

Auf deren Grundlage entwirft der in Uruguay geborene Regisseur eine aufgedrehte Version des monochromen Cyberpunk-Looks von Salander. Klinisch-düstere Tableaus führen aus ihrer traumatischen Vergangenheit direkt in die ebenso finster überstilisierten Räume der Gegenwart. Wenn Salander sich durch Clubs, Ausstellungsräume oder ihr karges Industrie-Loft bewegt, scheint es, als würde sich die Innenarchitektur nach ihrem Innenleben umformen. Als sie nach jahrelanger Funkstille wieder die Hilfe des Journalisten Mikael Blomkvist sucht, findet ihr Treffen in zwei sich gegenüberliegenden Außenfahrstühlen statt, durch deren Glas sich die ehemaligen Liebhaber über eine Canyon-große Straßenschlucht anblicken. Eine Szene, die zugleich Gewinn und Verlust der neuesten „Millennium“-Verfilmung offenlegt.

Die Größenordnung, in der sich Salander & Co hier bewegen, ist gewaltiger denn je. Doch je länger sich „Verschwörung“ den perfekt miteinander verzahnten Action- und Thrillersequenzen widmet, desto größer wird auch die Distanz zu und zwischen den Figuren. Salander und Blomkvist erscheinen bald nur noch als Teile eines übergeordneten Spiels. Ihre kleinen, eigensinnigen Gesten und Ticks fehlen hier fast ganz. Wo Fincher diese Momente nutzte, um eine allzu klinische Glätte zu unterlaufen, wenn Salander beim Anblick von Blomkvists Umgang mit dem Laptop noch ungeduldig mit den Augen rollt oder der Journalist sich in einem intimen Gespräch dabei erwischt, wie er in die bohrende Neugier seines Berufsalltags verfällt, bewegen sich bei Alvarez alle Beteiligten auf exakt den ihnen zugewiesenen Bahnen. Das reduziert die Beziehung zwischen Salander und Blomkvist von einer der Umwelt trotzenden Intimität auf ein paar innige, durch Häuserschluchten getrennte oder vom Kugelhagel unterbrochene Blicke. So wird auch die Beziehung zu Salanders totgeglaubter Schwester Camilla mehr über den Farbcode der Kostüme erzählt – ihr blutroter Hosenanzug ist die optische Antithese zu Lisbeths pechschwarzen Kapuzen- und Motorradjacken –, als über das in der Kindheit erlebte Trauma.

Die zweite Hollywood-Verfilmung der „Millennium“-Reihe gliedert sich damit als überstilisiert feminine Variante zwischen die Weltenretter-Franchises der „Mission-Impossible“- und „Bond“-Reihe ein, verliert auf diesem Weg aber die spezifisch feministische Qualität der Pulp-Figur Salander. Ihr ans Exploitation-Genre angelegter Kampf gegen die strukturellen Machtverhältnisse, aus denen heraus sexuelle Gewalt ausgeübt wird, Salanders bisheriges Alleinstellungsmerkmal, scheint sie nun, verstrickt in Schusswechsel, Verfolgungsjagden und NSA-Geheimnisse, dieser Strukturen und damit auch ihrer eigenen Identität zu entheben.

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