Literaturverfilmung | Deutschland 2018 | 101 Minuten

Regie: Philipp Kadelbach

30 Jahre nachdem ein Bochumer mit seiner Rockband am Ruhm schnupperte, erhält der mittlerweile in einer biederen Existenz Gestrandete die medizinische Diagnose, dass er aufgrund eines Tumors höchstens noch ein Jahr zu leben hat. Der Todkranke versucht daher, noch möglichst viel Zeit mit seinem Sohn zu verbringen und die Bandmitglieder von einst noch einmal für einen Auftritt zusammenzutrommeln. Mit viel Ruhrpott-Flair versehene Tragikomödie um sympathische Verlierertypen, die allerdings wenig Profil gewinnen. Auch der Humor bleibt recht unsubtil und oberflächlich, während die weitgehend ungebrochene Huldigung an kraftbetonte Männerbilder eher irritiert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Philipp Kadelbach
Buch
Stefan Kolditz
Kamera
Thomas Dirnhofer
Musik
Michael Kadelbach
Schnitt
Nils Landmark · Charles Ladmiral
Darsteller
Jürgen Vogel (Ole) · Jeanette Hain (Brigitte) · Richy Müller (Thomas) · Jan Josef Liefers (Rainer) · Armin Rohde (Bulle)
Länge
101 Minuten
Kinostart
22.11.2018
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Literaturverfilmung | Tragikomödie
Diskussion

Mit viel Ruhrpott-Flair versehene Tragikomödie um sympathische, aber eher eindimensionale Verlierertypen. Auch der Humor bleibt recht unsubtil und oberflächlich.

Sex, Drugs & Rock’n’Roll! Das war gestern. Heute ist Bochum, der öde Job und jeden Tag wieder dieses Leben, das einen schon ordentlich durchgebeutelt hat. Was „Kompromisse“ seien, fragt Rainers Sohn ihn zu Beginn: Den Kuchen so aufzuschneiden, dass „jeder glaubt, er bekomme das größte Stück“, erklärt Rainer.

Weil Rainer aus Philipp Kadelbachs „So viel Zeit“ aber den ganzen Kuchen für sich haben wollte, hat er vor 30 Jahren den Sänger seiner Band „Bochumer Steine“ von der Bühne des Bochumer Rockpalast geschubst, hinein in die Flammen der Pyrotechnik – und aus war der Traum von Sex, Drogen und einer steilen Karriere als Rockmusiker.

In dem Glauben, dass er damals richtig gehandelt hat und Kompromisse eine faule Sache sind, hätte es sich Rainer sicherlich auch weiter bequem gemacht – würde er nicht plötzlich damit konfrontiert werden, dass er einen Hirntumor hat und nur noch kurz zu leben. Eine Operation könnte diese Zeit, so die Ärztin, vielleicht auf ein Jahr verlängern.

Der Sinn des Lebens wird also zur drängenden Zeitfrage. Rainer erkennt, dass die Musik und sein bei seiner Exfrau lebender Sohn das Wichtigste in seinem Leben sind, und versucht nun, die Bandmitglieder von damals für einen Auftritt im Rockpalast als Vorband der Scorpions wieder zu versammeln – im möglichst häufigen Beisein seines Sohnes.

Vorlage war der gleichnamige Roman von „Männerbuchschreiber“ (Deutschlandfunk) Frank Goosen, der gerne sympathische Verlierer ins Auge fasst – so auch hier. Die Männerriege aus „So viel Zeit“ ist bis auf eine Ausnahme in Bochum hängen geblieben und, als wäre das ein Synonym, in den 1980er-Jahren. Ole, der sich bei Rainers Bühnenrandale damals schwer verletzt hat, wird aus naheliegenden Verdrängungsgründen als letzter aufgesucht. Er lebt als erfolgreicher Hipster mit Vollbart, Tätowierungen und schicken Freunden in Berlin, am Puls der Zeit – so wirkt der Kontrast zur rostroten Klinkerromantik im Pott noch stärker.

Konfrontation mit antiquierten Männerbildern

Diese Männer regeln Probleme nicht, indem sie darüber reden – im Zweifelsfall schweigen sie oder lassen gar Fäuste sprechen: Wie in der Szene, in der Konnis Frau ihn im Schlafzimmer betrügt, während der Religionslehrer oben in der Küche für seine alte, neue Band kocht oder an der Tankstelle, wo der Trupp auf der Fahrt nach Berlin eine handfeste Auseinandersetzung mit österreichischen Rockern hat. Im Übrigen im Beisein des vielleicht zehnjährigen Sohnes, der hier eindrücklich mit antiquierten Männerbildern konfrontiert wird – ebenso wie der Zuschauer. Gleichzeitig macht sich der Film über ein anderes, vergleichsweise „weiches“ Männerbild lustig: Wenn etwa Rainers Exfrau bei dem Telefonat mit Rainer nach der Tankstellensause auf ihrem neuen Partner sitzend und ihn massierend gezeigt wird. Die Frauen spielen ohnehin nur Nebenrollen – und bleiben Typen mit skizzenhaft umrissenen Attributen.

Dabei ist „So viel Zeit“ nicht etwa so eindeutig sexistisch wie Til Schweigers Männerfilm „Klassentreffen 1.0“. Er erzählt schon ein bisschen differenzierter von Männern, die eben auch entsprechend sozialisiert wurden – trotzdem geht dem Film da eine Reflexionsebene ab, den Figuren fehlt die Tiefe, der Humor bleibt eher unsubtil an der Oberfläche und die Dramaturgie holpert an ebendieser dahin. So wird etwa der Tumor und Rainers sarkastischer Umgang damit eher zum dramaturgischen Vehikel, als dass er der Tragikomödie wirklich Tragik und Fallhöhe verleihen würde – die richtige Balance fehlt. Das Ensemble aus Jürgen Vogel, Matthias Bundschuh, Richy Müller, Armin Rohde und allen voran Jan Josef Liefers als Rainer tut in diesem Rahmen sein Mögliches, ringt aber mit der eher eindimensionalen Figurenzeichnung.

Atmosphärisch gelungen sind die Pott-Romantik, der Retro-Rock-Appeal und die melancholische Stimmung: Es ist die Musik der 1980er-Jahre zu hören und solche, die es damals hätte geben können, es sind Bilder zu sehen von nächtlichen Stadtsilhouetten, Eckkneipen, abgelebten Häusern und Lebensräumen, die so im deutschen Kino nicht so häufig zu sehen sind. Berlin war gestern. Heute ist Bochum.

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