Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 59 Minuten

Regie: Dieter Reifarth

Eine Bearbeitung eines Essays des Schriftstellers und Widerstandskämpfers Jean Améry über dessen Erfahrungen als Folter-Opfer während der NS-Diktatur. Der Film verwendet Tonaufnahmen einer vom Autor selbst eingesprochenen Lesung des Essays für den Süddeutschen Rundfunk aus den 1960er-Jahren und verknüpft sie mit Bildern, die den Ort der Folterungen, die belgische Festung Breendonk, in der Gegenwart zeigen. Außerdem werden historische Filmaufnahmen einmontiert, die kurz nach der Befreiung mit den Insassen gedreht wurden. Daraus entsteht ein erschütterndes Zeugnis, das sowohl eindringlich die Verbrechen des NS-Regimes vor Augen führt, als auch auf zeitlose Weise die verheerende Wirkung von Folterungen anprangert. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Dieter Reifarth
Kamera
Dieter Reifarth
Schnitt
Maren Krüger
Länge
59 Minuten
Kinostart
-
Fsk
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm

Heimkino

Verleih DVD
absolutMEDIEN
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Diskussion

Am 17.10.2018 jährte sich der Todestag des Schriftstellers und Widerstandskämpfers Jean Améry zum 40. Mal. Um Amérys Essay „Jenseits von Schuld und Sühne“ über seine Folter-Erfahrungen während der NS-Diktatur geht es in einem Dokumentarfilm, der nun in einer materialreichen DVD-Edition vorliegt.

Die deutsche Sprache nimmt die Tortur längst nicht mehr wörtlich, geschweige denn ernst. Jede kräftezehrende Bergwanderung, jeden langweiligen Kinofilm bezeichnet man inzwischen mit diesem altmodischen Begriff. Dagegen führt Jean Améry das, was heute üblicherweise Folter genannt wird, in seinem 1965 erschienenen Essay „Die Tortur“ seiner ursprünglichen Bedeutung zu. Er hat sie selbst erlebt, in der Festung Breendonk, einem sogenannten Auffanglager, „wie es im Rotwelsch des Dritten Reiches hieß“, nach der Festnahme durch die SS 1943, als Mitglied der belgischen Résistance. „Dort geschah es mir: Die Tortur.“

Für den Süddeutschen Rundfunk hat Jean Améry den Essay in den 1960er-Jahren zunächst eingesprochen. Mit einem leichten Singsang in der Stimme, der die österreichische Herkunft verrät. Er soll sehr unzufrieden mit seinem Vortrag gewesen sein. Dabei ist die Stimme klar, Améry spricht präzise auf den Punkt. Der Frankfurter Filmemacher Dieter Reifarth verknüpft die SDR-Aufnahme für seinen Filmessay „Die Tortur“ mit heutigen, selbst gedrehten Bildern der Festung Breendonk – sie dient seit Kriegsende als nationale Gedenkstätte Belgiens. Zusätzlich greift Reifarth auf Filmaufnahmen zurück, die kurz nach der Befreiung mit den Insassen gedreht wurden. Sie stellen die ihnen zugefügten Martern nach, gleichsam wie in einem Erklär-Video.

Die Tonlosigkeit der Bilder verstärkt ihre verstörende Wirkung noch. Natürlich ist „Die Tortur“, seinem düsteren Sujet entsprechend, kein sonderlich heiterer Essay. Dennoch bricht Améry die Strenge und Nüchternheit mit poetischen Sentenzen, etwa in der Beschreibung der Festung: „Wie sie da liegt unter dem ewig regengrauen Himmel Flanderns, mit ihren grasüberwachsenen farbigen Kuppen und schwarzgrauen Kuppen und schwarzgrauen Mauern, mutet sie an wie eine melancholische Gravüre aus dem Siebzigerkrieg.“ Die historischen Referenzen mögen heute kaum mehr geläufig sein. Doch der graue Himmel hängt immer noch über Breendonk. Darunter tummeln sich Touristen, die Schautafeln mit den SS-Leuten betrachtend, um anschließend in den Gewölben zu verschwinden.

Dem Essay geht eine unmittelbar nach Kriegsende verfasste Erzählung voraus, in der Améry sein Alter Ego Eugen Althager über die Gefangenschaft nachdenken lässt: „Die Festung Derloven“, als Bonusmaterial zur DVD „Die Tortur“ (Anbieter: absolutMedien) eingelesen vom Schauspieler Jochen Nix, enthält die wesentlichen Motive bereits, ergänzt um den vermuteten Verrat der Geliebten Agathe. Natürlich fehlen dort noch Amérys zeitgenössische Verweise auf Folter in Algerien oder eine Erwiderung auf Hannah Arendt: Deren auf Adolf Eichmann gemünztes Bonmot von der „Banalität des Bösen“ könne nur verwenden, wer den Menschenfeind nur vom Hörensagen kenne.

Zwar sei die Folter nichts dem Dritten Reich Eigentümliches, doch habe es nur dieses „als Prinzip statuiert“. Améry beschreibt minutiös, wie er in eine Vorrichtung gehängt wird, welche Kraft es ihn kostet, überhaupt oben zu bleiben. Immer wieder geht es um die Klippe zwischen Zeugnis und Vermittlung. Wie vermittelt man sprachlich, was nur durch Erfahrung zu begreifen ist? Selbstverständlich kann der Zuschauer nicht mitfühlen, doch als Ergebnis meint man Jean Amérys Schlussfolgerung zu begreifen: „Wer der Folter erlag, wird nicht mehr heimisch werden in der Welt.“

Auf der von absolutMedien herausgegebenen DVD findet sich auch ein Interview mit Irène Heidelberger-Leonard, Améry-Biographin und Herausgeberin seiner bei Klett-Cotta erschienenen Werkausgabe. 1978 nahm sich der Autor von „Hand an sich legen“ das Leben. Eine direkte Linie von der Tortur zur Selbsttötung zu ziehen, wäre anmaßend. Doch dass die Erfahrung sein Weltvertrauen vernichtet hat, daran lässt der Jude Jean Améry keinen Zweifel: „Dass der Mitmensch als Gegenmensch erfahren wurde, bleibt als gestauter Schrecken im Gefolterten liegen: Darüber blickt keiner hinaus in eine Welt, in der das Prinzip Hoffnung herrscht. Der gemartert wurde, ist waffenlos der Angst ausgeliefert. Sie ist es, die fürderhin über ihm das Szepter schwingt.“

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