Drama | Brasilien 2018 | 118 Minuten

Regie: Filipe Matzembacher

Ein schüchterner brasilianischer Homosexueller verdient sein Geld mit neonfarbigen Tanz- und Erotik-Performances in Internet-Chatrooms. Als seine Schwester aus der gemeinsamen Wohnung auszieht und er überdies entdeckt, dass jemand seine Show kopiert, werden seine eingefahrenen Verhaltensmuster infragegestellt. Er nimmt Kontakt zu dem anderen Tänzer auf und verliebt sich in ihn. Das post-adoleszente Entwicklungsdrama skizziert sensibel und ästhetisch packend die Geschichte eines verunsicherten Mannes, der sich in der Virtualität eine Parallelwelt erschaffen hat. Virtuos nützt die Inszenierung Anleihen aus dem Body- und Actionpainting, um von moderner Identitätssuche und der Erkenntnis zu erzählen, dass man Selbstvertrauen nur aus sich selbst gewinnen kann. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
HARD PAINT | TINTA BRUTA
Produktionsland
Brasilien
Produktionsjahr
2018
Regie
Filipe Matzembacher · Marcio Reolon
Buch
Filipe Matzembacher · Marcio Reolon
Kamera
Glauco Firpo
Musik
Felipe Puperi
Schnitt
Germano De Oliveira
Darsteller
Shico Menegat (Pedro) · Bruno Fernandes (Leo) · Guega Peixoto (Luiza) · Sandra Dani (Avó) · Frederico Vasques (Beto)
Länge
118 Minuten
Kinostart
15.11.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Gerade musste der scheue junge Mann einer Untersuchungsrichterin noch Rede und Antwort stehen über seine brutale Tat. Auf einer Party hatte Pedro das Gesicht eines homophoben Mitstudenten mit einem Schlüssel malträtiert und ihm dabei ein Auge ausgestochen. Für die Richterin liegt der Fall auf der Hand. Pedros Handeln, also die Frage, weshalb er den Kommilitonen tätlich angegriffen hat, steht nicht zur Debatte. Denn dann müsste auch über die Diskriminierung von Homosexuellen in der brasilianischen Gesellschaft gesprochen werden.

Der Film blendet zu Pedros Wohnung über. Zu den Klängen von House-Musik wiegt sich Pedro lustvoll vor der Webcam seines Computers, während er mit den Fingern lächelnd Farbe über seinen Oberkörper verstreicht und abstrakte Muster zeichnet. Sein Zimmer erstrahlt im blauen Licht, es bringt die rosafarbenen und gelben Farbstriche verführerisch zum Leuchten.

Doch die Performance, mit denen der „Neonboy“ sein Geld in Chatrooms verdient, wird von seiner Schwester Luiza brüsk unterbrochen. Nun steht er im weißen Türrahmen zu ihrem kahlen Zimmer und sieht hilflos zu, wie sie ihre Sachen zusammenpackt. Sie will ihn tags drauf verlassen und ins Ausland gehen. Im Licht des grauen Alltags wirken die auf seinem Körper gezeichneten Linien seltsam entzaubert. Doch hinter Pedros Rücken lockt weiter das Blau: vielversprechend und geheimnisvoll. So zieht er sich vor dieser emotional bedrohlichen Situation in die unwirkliche Welt des Chatrooms mit anonym bleibenden Kunden zurück.

Sein Vermeidungsmuster kommt jedoch ins Wanken, als er sich in seinen Konkurrenten Leo verliebt, der Pedros Art der Selbstbemalung kopiert, sich aber von ihm in dessen Performance einbinden lässt. Der zugewandte, selbstsichere Tänzer weckt Wünsche nach körperlicher Präsenz und Bindung.

Das queere Postadoleszenz-Drama der brasilianischen Regisseure Marcio Reolon und Filipe Matzembacher erzählt in drei Kapiteln von Diskriminierung und Desillusionierung, von Abschiednehmen und Einsamkeit, schwieriger Identitätsfindung und den unterschiedlichen Beziehungsformen in der modernen Mediengesellschaft. Einfühlsam nähert sich der kluge, vielschichtige und ästhetisch packende Film den Nöten und Sehnsüchten seines schwulen Protagonisten, der zurückgezogen in seinem Zimmer lebt und durch den Auszug der Schwester die wichtigste Bezugsperson verliert. Mit der Außenwelt steht er nur vermittelt, über seinen Computer, in Kontakt. Wenn er sich in das unwirtlich gezeichnete Draußen wagt, weicht er fremden Blicken aus und zählt insgeheim die Sekunden, bis er sich wieder in sein Zimmer flüchten kann. Die von steter Demütigung herrührende soziale Unsicherheit lastet ebenfalls auf der Beziehung zu Leo.

Shico Menegat spielt die Hauptfigur mit Nachdruck. In seinem Gesicht spiegelt sich deren inneres Drama, wenn das Leuchten seiner dunklen Augen zuweilen zu kalter Wut gefriert. Diese Regungen werden von abrupten Schnitten unterstrichen. Die Montage macht erfahrbar, wie wenig geschmeidig sich die Figur sozial verhält, wie ihre Gefühle plötzlich umschlagen und wie sie damit ihre Umwelt vor den Kopf stößt. Nur in seinem Zimmer blüht der junge Mann auf, vor der Kamera werden seine Bewegungen rhythmisch und flüssig.

In Pedros Selbstinszenierung verschmelzen die Filmemacher virtuos verschiedene Kunstkonzepte wie Performance, Body- und Action-Painting. Mit Pedros Selbstentblößung irritieren sie den Zuschauer, der sich als Voyeur erlebt, sensibilisieren ihn durch die berückend-berauschenden Bildernauf der anderen Seite aber auch und ziehen ihn in das Geschehen hinein. Wenn Pedros Zimmer in intensives ultramarinblaues Licht getaucht wird und der Protagonist pulsierendes Rosa über seinen Körper verteilt, leuchtet die Leinwand wie die monochromen Bilder von Yves Klein. Denn das Spiel mit der Farbe dient Pedro nicht nur als Broterwerb, es ist zugleich ein identitätsstiftendes Mittel. Pedro stilisiert sich nicht nur zum begehrenswerten Objekt und bringt sich dadurch zum Leuchten, sondern erfährt sich zugleich auch als lustvolles Subjekt. Die Inszenierung macht gleichzeitig auch klar, wie angreifbar der Protagonist dadurch ist. Sein Markenzeichen ist ungeschützt und wird darum von der Konkurrenz schnell kopiert: Pedro wird austauschbar und ist bald nicht mehr so einzigartig, wie er hofft. In seinem Schicksal spiegelt der Film die Tragödie des modernen Menschen. Da die persönliche Anziehungskraft durch eine ansprechende Performance ständig genährt werden muss, macht man sich vom unbeständigen und beeinflussbaren Geschmacksurteil anderer abhängig. Am Ende muss auch Pedro schmerzlich erfahren, dass er Selbstvertrauen nur aus sich selbst beziehen kann.

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