Kriminalfilm | USA 2018 | 115 Minuten

Regie: Gilles Paquet-Brenner

Das Oberhaupt eines unter einem gemeinsamen Dach lebenden britischen Geldadel-Geschlechts wird ermordet. Seine Nichte beauftragt einen jungen Detektiv mit der diskreten Aufklärung des Falls, bei dem die komplette Verwandtschaft des ungeliebten Patriarchen als Täter in Frage kommt. Die gepflegte, im Dekor schwelgende Verfilmung eines eher nachgeordneten Romans von Agatha Christie lässt allerdings Spannung und Krimi-Atmosphäre missen. Trotz eines illustren Schauspieler-Ensembles dominiert schöner, langweiliger Schein. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
CROOKED HOUSE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Gilles Paquet-Brenner
Buch
Julian Fellowes · Tim Rose Price
Kamera
Sebastian Winterø
Musik
Hugo de Chaire
Schnitt
Peter Christelis
Darsteller
Max Irons (Charles Hayward) · Stefanie Martini (Sophia de Haviland) · Glenn Close (Lady Edith de Haviland) · Honor Kneafsey (Josephine Leonides) · Christina Hendricks (Brenda Leonides)
Länge
115 Minuten
Kinostart
29.11.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Kriminalfilm | Literaturverfilmung | Mystery-Film
Diskussion

Gepflegte, im Dekor schwelgende Verfilmung eines Kriminalromans von Agatha Christie, dem es trotz eines illustren Ensembles an Spannung und Atmosphäre mangelt.

Die feuerroten, perfekt manikürten Fingernägel stören kaum beim Aufziehen der Spritze. Offensichtlich hat die Person, die sie schmücken, Routine in dem, was sie tut. Als die geheimnisvolle Flüssigkeit in den Venen von Aristide Leonides verschwindet, scheinen die Nägel der einzige Hinweis auf die Identität eines Täters zu sein. Sie sind das Einzige, was der Zuschauer in Großaufnahme zu sehen bekommt. Sie gehören zu jener Person, die den Tycoon das letzte Mal lebend angetroffen hat.

„Das krumme Haus“ beginnt wie so viele Filme und Romane aus jener Zeit, in der mit Fedora, weißem Hemd und Kaufhausanzug gekleidete Detektive nach Mördern suchten. Eine gutmütige Sekretärin kündigt dem ins dunkel ausgestattete, spärlich beleuchtete Büro schlendernden Charles Hayward an, dass eine Kundin in seinem Zimmer säße, die ihren Namen nicht genannt habe. Hayward kennt sie nur zu gut; in Kairo hatte er einst ein Verhältnis mit der jungen Frau aus bestem Hause. Aber Sophia Leonides ist nicht gekommen, um alte Bande aufzufrischen; sie will den Mord an ihrem Großvater aufklären, bevor es die Polizei in aller Öffentlichkeit tut.

Der aufstrebende, aber wenig begüterte Kriminalist nimmt sich dieses Falls natürlich an. Schließlich war sein Vater ein verdienstvoller Mann bei Scotland Yard, und der amtierende Chief Inspector Taverner ist Hayward wohlgesonnen. Also reist er voller Erwartungen zum Anwesen der Leonides, in dem ihn eine ebenso illustre wie dekadente Familie erwartet, in der alle Gründe gehabt hätten, den alternden Familienvorstand in Jenseits zu befördern.

Der Film kennt seine Vorbilder

Man kann dem Regisseur Gilles Paquet-Brenner nicht vorwerfen, dass er die Vorbilder nicht kennen würde. All die Ensemblestücke aus den 1970er- und 1980er-Jahren, mit ihren sensationellen Anhäufungen berühmter Stars, denen man förmlich ansieht, dass es ihnen Spaß macht, in prächtigen Kostümen aus alten Zeiten zu morden und beim Morden von Meisterdetektiven überführt zu werden. Bei jenen gepflegten Verbrechen in der (britischen) Gesellschaft, die Agatha Christie wie keine Zweite zelebriert hat. Ihre Vorlagen sind von Sidney Lumet („Mord im Orient-Express“), Guy Hamilton („Das Böse unter der Sonne“) oder jüngst von Kenneth Branagh („Mord im Orient Express“) in schwelgerischen Kostümdramen mit verschmitzten Detektiven und spannender Handlung verfilmt worden.

„Crooked House“ ist von Agatha Christie 1949 allerdings nicht mit Hercule Poirot konzipiert worden. Vielmehr steht ein junger dynamischer Wahrheitsfinder namens Charles Hayward dem ganzen „Cluedo“ vor. Der Schauspieler Max Irons gibt diese Figur eher leidend und unsicher denn forsch oder gar souverän – was für den Film ein großes Manko ist, denn der attraktive Jüngling kommt gegen das geballte Charisma der adeligen Missetäter nicht an. Das ist vom Drehbuch zwar durchaus so intendiert, fällt dem Film aber auf die Füße und ist zudem ein Indiz dafür, dass es dem Regisseur nicht wirklich um die Aufklärung eines Falles zu tun ist.

Die Darsteller werden fast selbst zum Mobiliar

In „Das krumme Haus“ wird vielmehr posiert. In wunderbarem Ambiente gefällt sich die leicht angestaubte Hollywood-Garde im altenglischen Landhausstil und gerät dabei fast selbst zum Mobiliar zwischen Empire und Jugendstil. Während man Glenn Close in der Rolle der alternden Grande Dame Lady Edith de Haviland wenigstens die gewünschte Nähe zur chronisch überspielenden Norma Desmond aus Billy Wilders „Boulevard der Dämmerung“ zugesteht, wirkt die sich in dekadentem Weltschmerz ergehende Gillian Anderson als Hausdrache Magda Leonides derart penetrant, dass man sich eher an billiges Provinztheater denn an gepflegte High-End-Krimikost erinnert fühlt. Die Männer, allen voran Terence Stamp als Chief Inspector Taverner und Julian Sands als Philip Leonides werden so derart unscheinbar inszeniert, als hätten sie zu dem ganzen Mummenschanz ohnehin nichts Substantielles beizusteuern. Bleiben die erfrischend-bissige Amanda Abbington als Pointengeberin Clemency sowie die famose Christina Hendricks als Frau mit den roten Fingernägeln und tragische Witwe – die nunmehrige Hauptverdächtige Brenda. Sie füllt den an Gepflegtheit überladenen Film mit Eleganz, Grandezza und einer Opernhaftigkeit, die perfekt zu ihrem völlig übertriebenen Charakter passen will.

Nur wer war es am Ende? Natürlich nicht der Gärtner! Da dem Film die Lösung auf eigentümliche Weise egal zu sein scheint, würde man jeden nur erdenklichen Clou hinnehmen. Passend zu Gleichgültigkeit des Zuschauers präsentieren die Macher im letzten Viertel hopplahopp eine Begründung, die in ihrer Offensichtlichkeit überrascht und zugleich enttäuscht. Der Roman ist nicht der beste aus der Feder von Agatha Christie; der Film passt da gut ins Bild, und das titelgebende Haus spielt nicht einmal atmosphärisch eine Rolle. Was für eine Verschwendung!

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