Unknown User: Dark Web

Horrorfilm | USA 2018 | 93 Minuten

Regie: Stephen Susco

Ein Mann entdeckt auf einem neuen Laptop verstörende Videos und eine ominöse Software. Bei einem Online-Spieleabend mit Freunden wird daraus blutiger Ernst, als das virtuelle Handeln unversehens in schmerzhafte Wirklichkeit umschlägt. Der Desktopfilm verlässt allerdings nicht die Ebene der grafischen Oberfläche eines Betriebssystems, was zu plumpen Spannungsmomenten führt und eine zynische Erzählhaltung ummantelt, die ihre blassen Figuren in ein unglaubwürdiges Melodrama stößt. Statt im Grauen der digitalen Sphäre verliert sich der Horrorthriller eher in den Untiefen einer aufdringlichen Inszenierung. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
UNFRIENDED: DARK WEB
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Stephen Susco
Buch
Stephen Susco
Kamera
Kevin Stewart
Schnitt
Andrew Wesman
Darsteller
Colin Woodell (Matias) · Stephanie Nogueras (Amaya) · Betty Gabriel (Nari) · Rebecca Rittenhouse (Serena) · Andrew Lees (Damon)
Länge
93 Minuten
Kinostart
06.12.2018
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horrorfilm
Diskussion

Desktopfilm über einen Online-Spieleabend, aus dem unversehens blutiger Ernst wird, als das virtuelle Handeln in schmerzhafte Wirklichkeit umschlägt.

Desktopfilme, ein zumindest auf dem Papier recht experimentelles Konzept, wurden vom Publikum bislang ohne großen Widerstand angenommen. Dass sich Geschichten vollständig auf der grafischen Benutzeroberfläche eines Betriebssystems abspielen, wirkt alltäglich; der Blick auf die Welt durch Computerbildschirm und Browserfenster ist längst vertraut. Die Vorreiterrolle des Horror-Genres stellt dabei keinen Zufall dar, sondern zeugt vom Unbehagen der Menschen im Umgang mit neuen Technologien, von Zweifeln angesichts der Omnipräsenz des mächtigen Kommunikationswerkzeugs Internet, welches längst Beziehungen und Leben prägt.

„Unknown User: Dark Web“ setzt den finanziell erfolgreichen Horrorfilm „Unknown User“ aus dem Jahr 2015 fort. Allerdings gibt es keinerlei inhaltliche oder erzählerische Verbindungen zum Vorgängerfilm; alle Figuren sind neu. Statt Lewan Gabriadze führt nun Stephen Susco Regie, der als Drehbuchautor von Filmen wie „Texas Chainsaw 3D“ in Erscheinung getreten ist. Geblieben sind lediglich die Mac-OS-Oberfläche, Skype als zentrales Kommunikationsmittel und ein ziellos wütender Nihilismus.

Etwas scheint mit den neuen Computer nicht zu stimmen

Die Handlung des Horrorthrillers ist nicht kompliziert und erst recht nicht komplex. Matias (Colin Woodell) ist in den Besitz eines neuen Laptops gelangt. Der Online-Spieleabend mit seinen Freunden scheint gerettet. Nur der Streit mit seiner taubstummen Freundin Amaya (Stephanie Nogueras) trübt seine Laune. Sie wirft ihm vor, sich nicht ausreichend auf ihre Beziehung einzulassen. Doch dieses Problem verblasst schnell, als Matias plötzlich merkwürdige Facebook-Nachrichten von jungen Frauen erhält. Etwas scheint mit seinem neuen Computer nicht zu stimmen. Auf der Festplatte finden sich verstörende Videos und eine Software mit dem ominösen Namen „The River“. Ein Fremder macht aus dem Spieleabend mit Freunden blutigen Ernst. Wer wird die Nacht überleben?

Aggressiv verortet sich der Film immer wieder neu in der Gegenwart. Mit hoher Frequenz fallen Schlagwörter des zeitgenössischen Internet-Diskurses: Dark Web, Blockchain, Kryptowährung, Swatting, und so weiter. Begleitet werden sie von sehr auffälligen Erklärungen. Das Drehbuch ist sichtlich bemüht, die zunehmend abstrusen Entwicklungen nachvollziehbar zu machen. Wirklich von Bedeutung sind die angerissenen Themenfelder aber ohnehin nicht; die meisten entpuppen sich als austauschbare MacGuffins. Sie dienen lediglich dazu, einen virtuellen Raum mit eigener Sprache und Codes zu kreieren. Wie schon im paranormalen Vorgänger gibt es keine Trennung zwischen „Web“ und „Dark Web“ – einmal vernetzt, ist man in der Welt von „Unknown User“ verloren.

Eingangs wird das Internet als primär unvollkommenes Werkzeug gezeigt. Matias scheitert daran, sich mithilfe einer Gebärdensprache-Software mit Amaya zu unterhalten. Mit der technischen Hilfe versucht er notdürftig zu überspielen, dass er sich nicht die Mühe gemacht hat, diese Sprache zu erlernen. Der Freundeskreis des Paars trifft sich nicht mehr physisch, sondern lebt mit der Illusion von Nähe. Das wird ihnen dann zum Verhängnis, wenn sie attackiert werden. Frühere Horrorfilme mussten die Isolation noch wenig glaubwürdig erzwingen: Die Figuren teilten sich auf, um Spukhäuser und Kellergewölbe allein zu erforschen. Die Trennung übernimmt jetzt das Netz.

Desktopfilme arbeiten sich unweigerlich auch am Verlust der physischen Realität im Alltag ab. Die Figuren existieren nur noch im virtuellen Raum. Man sieht sie in Videoaufnahmen, auf Skype, YouTube oder Facebook. Der einzige Beweis für Matias’ physische Existenz sind Tippgeräusche, das Klackern seiner Tastatur. Die Finger fungieren als Schnittstelle; das Wort „digital“ leitet sich vom lateinischen Wort „digitus“ ab: Finger. Interessanterweise verspürt der Film sichtlich Phantomschmerz und entwickelt eine eigene Version von „Körpersprache“. Etwa, wenn der Mauszeiger zögerlich eine Schaltfläche umspielt oder unsicher über ihr schwebt – das Äquivalent eines unentschlossenen Gesichtsausdrucks oder eines nachdenklichen Kratzens am Kopf.

Das Antlitz verdoppelt sich im Blick auf den Screen

Matias’ Gesicht ist oft im Bild zu sehen, wird durch die Laptopkamera auf ihn zurückgeworfen. Der Film geht nicht weiter darauf ein, aber man sieht einem Menschen dabei zu, wie er sich selbst beobachtet. Im Handlungsverlauf wird sich Matias vom Bildschirm lösen und in die Welt hinausziehen. Der Kamerablick verharrt weiterhin starr auf dem Desktop. Genau wie VR-Experiences zwingt auch der Desktopfilm Regisseure eigentlich dazu, die Rolle des Zuschauers neu zu definieren. Die Kamera ist nicht frei, es gibt keine klaren Schnitte, mit denen Zeit und Raum überbrückt werden. Wer ist hier an den Laptop gefesselt, wer schaut und warum? Bei Hitchcock blickte der unbewegliche James Stewart durch „Das Fenster zum Hof“ in die Fenster seiner Nachbarschaft, unfähig, in die jeweiligen Ereignisse einzugreifen. Eine Metapher für den passiven Filmzuschauer. „Unknown User“ findet hingegen keine befriedigende Antwort auf diese Grundfrage der gewählten Form.

Horror entsteht in „Unknown User: Dark Web“ immer da, wo virtuelles Handeln unmittelbare Folgen hat, wo der große Schöpfungsmythos vom konsequenzfreien, anonymen Online-Spielplatz Lügen gestraft wird. „Unknown User“ impliziert eine Welt der „hackbaren“ Körper und Identitäten, ein realexistierendes Cyborgtum. Wenn Matias’ Freunden etwas zustößt, dann durch den Zusammenprall von Cyperspace und Meatspace: Einem wird der eigene YouTube-Kanal zum Verhängnis, andere werden mit ihren per Webcam mitgeschnittenen Geheimnissen bedroht. Das „Dark Web“ wird als großer Schwarzmarkt gezeigt, auf dem wirklich alles verkauft werden kann.

Der Hauptschurke tritt gesichtslos auf. Wo er erscheint, wird das Bild mit Artefakten verfremdet. Ein wandelnder Glitch, die Personifizierung der Unwägbarkeiten im Netz. Er ist gleichzeitig der Fremde, der Daten und Identität stiehlt, und der Fehler im System.

Zwei Fenster stehen für die Optionen eines Dilemmas

Der Film mag von einem technisch-formalen Standpunkt auch interessant sein, doch als Genrekino überzeugt er wenig. Der Regiedebütant Stephen Susco inszeniert plumpe Spannungsmomente, in denen die Technik immer genau jenen Regeln folgt, die gerade benötigt werden. Die blassen Figuren entwickeln sich nicht, sondern werden plötzlich in lächerliches Melodrama hineingestoßen. Dann erscheinen neben einer Figur beispielsweise zwei Fenster, die für die beiden Optionen eines Dilemmas stehen. Eine plumpe, aufdringliche Inszenierungsstrategie. Selbst wenn es um den Angriff auf die Körper der Figuren gehen soll, werden sie durchgängig wie Videospielcharaktere behandelt. Das passt zur zynischen Erzählhaltung, steht dem Affekt jedoch im Weg. „Unknown User: Dark Web“ funktioniert nicht, oder kehrt zumindest die angedachte Wirkungsweise um. Wo dem Digitalen eine grauenhafte physische Wirkung verliehen werden soll, wird lediglich alles Physische grauenhaft digital.

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