Jota - mehr als Flamenco

Dokumentarfilm | Spanien 2017 | 84 Minuten

Regie: Carlos Saura

In 21 musikalischen Bildern entfaltet die expressive Mischung aus Musical und kultureller Dokumentation die enorme Vielfalt und den Facettenreichtum der aus Aragonien stammenden Tanzkultur der Jota. Die zu Unrecht als traditionalistisch verrufene Volksmusik hat sich in den letzten Jahrzehnten im Jazz oder Flamenco als durchaus anschlussfähig entpuppt. Der Film von Carlos Saura zeichnet diese Entwicklungen nach, porträtiert bekannte Interpreten der Jota und integriert die unterschiedlichsten Aspekte zu einer betörend kreativen Hommage. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
JOTA DE SAURA
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2017
Regie
Carlos Saura
Buch
Carlos Saura
Kamera
Paco Belda
Musik
Alberto Artigas · Giovanni Sollima
Schnitt
Carlos Saura Medrano
Länge
84 Minuten
Kinostart
06.12.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Tanzfilm
Diskussion

Expressive Mischung aus Musical und kultureller Dokumentation, mit der Spaniens Altmeister Carlos Saura sich der enormen Vielfalt und dem Facettenreichtum der aus Aragonien stammenden Tanzkultur der Jota annähert.

In einer Ballettschule in Zaragoza lernen Kinder die ersten Tanzschritte und Rhythmen kennen. „Das habt ihr gut gemacht“, lobt sie Miguel Ángel Berna, einer der bekanntesten spanischen Tänzer, der der „Jota“, der Volksmusik Aragoniens ein künstlerisches Profil gegeben hat.

Aus der spanischen Region Aragón am Ebro stammte neben dem Maler Francisco de Goya (1746-1812) und dem Filmemacher Luis Buñuel (1900-1983) auch Carlos Saura, der am 4. Januar 1932 in Huesca am Fuß der Pyrenäen geboren wurde. Sauras Musikfilme sind nur ein Teil seines weitgespannten Oeuvres. Weltbekannt wurde in den 1980er-Jahren seine Flamenco-Trilogie: Mit „Bluthochzeit“, „Carmen“ und „El amor brujo“ adaptierte er zusammen mit dem Tänzer Antonio Gades drei klassische Vorlagen von Federico Garcia Lorca, Georges Bizet und Manuel de Falla als modernes Tanztheater. Später entstanden seine „Musikfilme ohne Handlung“ (Saura), etwa „Sevillanas“, „Iberia“, „Tango“, „Fados“ oder „Flamenco, Flamenco“, in denen er mit eigenwilligen künstlichen Räumen und Projektionsflächen und oft mit der wunderbaren Lichtführung des italienischen Kameramanns Vittorio Storaro die Lebendigkeit und die Fusionsfähigkeit von Musik und Tanz unterstrich.

In 21 musikalischen Bildern zeigt der Film das Facettenreichtum der Jota

Saura hat selbst über Jota, dessen Begriff sich vermutlich von dem arabischen Wort „Xotar“ (springen) ableitet, einmal gesagt, dass dies „wunderschöne Folklore, aber in ihrer Zeit stehengeblieben“ sei. In seinem Film beweist der experimentierfreudigste spanische Regisseur nun aber, wie fusionsfähig die Volksmusik seiner Heimat ist. In 21 musikalischen Bildern entfaltet der Film ihre enorme Vielfalt und ihren Facettenreichtum: von den arabischen Klängen, über ihren Einfluss auf die klassische Musik im Fandango von Luigi Boccherini bis zum Volksfest im Abschlussbild, bei dem sich die Generationen und die sozialen Schichten im Tanz vermischen.

In anderen Szenen fusioniert die Jota mit dem Flamenco in einer beeindruckenden Darstellung der Tänzerin Sara Baras oder mit der keltisch geprägten Musik der nordwestspanischen Region Galizien und ihres bekanntesten Interpreten Carlos Nuñez.

Saura nimmt aber auch Bezug auf die Geschichte der Region und ganz Spaniens. So widmet er eine Episode der spanischen Schauspielerin Imperio Argentina (1910-2003) und zeigt Ausschnitte aus dem Film „Nobleza Baturra“ (1935), einem Folkloredrama von Florián Rey, mit Imperio Argentina als Jotasängerin. Dieser Film begeisterte seinerzeit auch Adolf Hitler, weshalb er die spanische Filmdiva und den  Regisseur Florián Rey 1938 nach Babelsberg holte und dort einige spanische Folkloredramen drehen ließ.

Hommagen ans eigene Werk

Saura bezieht sich durchaus auf die ranzig-konservative Tradition der Jota, die von der politischen Rechten zum Inbegriff der spanischen Nationalkultur deklariert wurde, und setzt sie in einen progressiveren Kontext. So integriert er als Hommage an seinen Landsmann Francisco de Goya und den Schauspieler Francisco Rabal (1926-2001) eine Szene aus seinem eigenen Film „Goya“ (1999), als der greise Freigeist im französischen Exil sich erhebt und mühsam eine Jota tanzt.

In einer Hommage an den 1935 in Zaragoza geborenen spanischen Liedermacher José Antonio Labordeta präsentiert er dessen Lied „Rosa Rosae“ in einer typischen katholischen Grundschule aus der frühen Franco-Zeit. Während der Priester vor dem Kreuz und dem Bild des Diktators lateinisch betet, werden Bilder aus dem spanischen Bürgerkrieg auf die weiße Wand projiziert, die Luis Buñuel 1937 für die spanische Republik montierte.

Sauras Film ist dabei niemals indoktrinierend, sondern voller Assoziationen und Anspielungen. Dem entsprechen auch Bildgestaltung und Szenenbild, wenngleich nicht Vittorio Storaro hinter der Kamera stand, sondern Paco Belda für die dunkleren Grundtöne verantwortlich zeichnet. Die Szenografie ist ebenso lebendig und vielseitig wie in Sauras früheren Musikfilmen: Hinter den Musikern wurden große Stellwände errichtet, mit weißem Stoff bezogene Aluminiumrahmen, auf die Bilder oder Farben projiziert werden. Der Film entwickelt sich auf unterschiedlichen Tanzflächen und Bühnen und endet in einem großen Dorffest, wobei die Siedlung mit wenigen Pinselstrichen auf die weißen Wände skizziert ist. Eindringlich vermittelt Saura das Bild ständigen Wandels, er zeigt die Jota-Musik als geradezu organisch-kreativen Prozess und erschafft ein überwältigendes musikalisches und visuelles Gesamterlebnis.

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