Yours in Sisterhood

Dokumentarfilm | USA 2018 | 101 Minuten

Regie: Irene Lusztig

Die Zeitschrift „Ms.“ gilt als das erste feministische Mainstream-Magazin der USA. Eine Flut von Leserinnenbriefen, die in den 1970er-Jahren an die Redaktion geschickt wurde, landete unveröffentlicht in einem Archiv. Der Film leiht einem Teil dieser Briefe, die unter anderem von sexueller Belästigung, Körperbildern, Diskriminierung am Arbeitsplatz, Rassen- und Klassenzugehörigkeit handeln, erstmals eine Stimme. Er holt Frauen Briefe lesend vor die Kamera und befragt sie nach ihren Reaktionen. Dadurch entsteht ein vielstimmiges, von Konfliktlinien durchzogenes Bild eines historischen, aber auch höchst gegenwärtigen weiblichen Erfahrungsraums. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
YOURS IN SISTERHOOD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Irene Lusztig
Buch
Irene Lusztig
Kamera
Irene Lusztig
Musik
Maile Colbert
Schnitt
Irene Lusztig
Länge
101 Minuten
Kinostart
06.12.2018
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

US-Amerikanerinnen verlesen Briefe, die in den 1970er-Jahren an die Frauenzeitschrift „Ms.“ geschickt wurden und von sexueller Belästigung, Körperbildern, Diskriminierung am Arbeitsplatz, Rassen- und Klassenzugehörigkeit handeln.

1974 schreibt eine 13-jährige Leserin aus Middletown an das feministische Magazin „Ms.“, dass sie sich im Netz einer sexistischen Gesellschaft gefangen fühle. Sie befürchte, dass selbst die eigenen Freundinnen sich einer Welt verschrieben hätten, in der sie nicht sie selbst sein könnte. Zum Schluss erklärt sie, dass sie trotz aller Widerstände weiter für ihre Überzeugungen einstehen werde und weist auf das beigelegte Gedicht hin, das „ich Ihnen und gleichgesinnten jungen Frauen zur Kenntnis bringen möchte“. Geradezu manifesthaft appelliert sie darin an die „Kinder von Maybelline“, die sich Lippenstift, Lidschatten, Puder und gepolsterten BHs unterworfen hätten, sich ihr anzuschließen: „Werdet eine Schwester der Freiheit.“

Vorgelesen, verkörpert, von seinem untoten Dasein in einem Archiv erlöst und in die Öffentlichkeit zurückgebracht wird dieser Brief von einem etwa gleichaltrigen Mädchen, das in einem Marvel-T-Shirt in einem Vorgarten in Middletown, Connecticut, steht. Man spürt sofort, dass die Worte in der Vorleserin ein Echo finden. Es sei heute eigentlich noch immer so, antwortet sie nach kurzer Überlegung auf die aus dem Off kommende Frage, ob sie mit dem Brief etwas anfangen könne.

Jeder Brief eine unerhörte Stimme

„Ms.“, 1972 von Gloria Steinem und Dorothy Pitman Hughes als Monatszeitschrift gegründet, gilt als das erste US-amerikanische feministische Mainstream-Magazin. Als in den 1970er-Jahren die zweite Welle der Frauenbewegung eine breitere Öffentlichkeit erreichte und der Slogan „Das Private ist politisch“ auf den unterschiedlichsten Ebenen manifest wurde, flatterten unzählige Leserinnen-Briefe in die Redaktion von Ms. Nur wenige wurden abgedruckt, der Rest wanderte ins Archiv, jeder Brief eine ungehörte Stimme. Jetzt aber hat sich die Filmemacherin, bildende Künstlerin und Archivforscherin Irene Lusztig diesen zwischen 1972 und 1980 geschriebenen Briefen filmisch angenähert.

In den Jahren 2015 bis 2017 filmte Lusztig 306 Frauen in 32 US-Bundesstaaten beim Lesen von Briefen, die in jenem Zeitraum zwischen 1972 und 1980 aus ihrer Stadt an „Ms.“ geschrieben worden waren. Eine Auswahl davon ist im Film „Yours in Sisterhood“ zu sehen. Die Teilnehmerinnen, die wie die Briefeschreiberinnen das gesamte Spektrum sexueller Orientierungen und religiöser oder ethnischer Zugehörigkeit abdecken, stehen auf Gehwegen, in Gärten und Parks, an Straßenkreuzungen oder vor Einfamilienhäusern und sprechen lesend direkt in die Kamera. Sie tragen diese Briefe, die vermutlich überwiegend an einem Tisch in einem Haus oder einem Apartment oder möglicherweise sogar im Verborgenen geschrieben wurden, buchstäblich nach draußen. „Dear Ms.“, „Dear Sisters“, „Dear Editors“ oder „Gentle People“: damit beginnt jeder „Auftritt“. Da das Schriftstück nicht zu sehen ist, gestaltet sich jeder verlesene Brief zu einer Art öffentlicher Rede.

„Enough is Enough“

Jede Briefeschreiberin hat ihre eigene Geschichte, ihren eigenen Tonfall, doch die Erfahrungen, über die berichtet wird, ähneln sich strukturell. Es sind Widerfahrnisse, die Wut auslösen, Bitterkeit, Einsamkeit, Widerstandsgeist oder auch ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Solidarität. Meist geht es um sexuelle Belästigung, Diskriminierung am Arbeitsplatz, um Unterdrückung innerhalb der Kleinfamilie oder Rollendiktate. Eine angehende Polizistin aus Iowa, die auf eine gescheiterte Ehe zurückblickt und auf ein schlecht bezahltes Arbeitsleben, verzweifelt langsam darüber, dass sie als Frau in ihrem erlernten Beruf einfach keinen Job findet – „Jetzt sind für mich alle Männer Chauvi-Schweine. Ich frage mich, wie ich mich wehren kann.“ Eine Frau aus Minnesota schildert, wie sie nach einem Unfall, in den sie als Radfahrerin verwickelt war, von der Polizei sexistisch beleidigt wurde. Immer wieder fallen Formulierungen wie „enough is enough“.

Es gibt aber auch Briefe, hinter denen Geschichten weiblicher Selbstermächtigung stehen – wenn etwa eine Leserin von ihrem lange Zeit eher trübsinnigen sexuellen Leben erzählt und sich dann auf entspannte Weise zu den Freuden der Masturbation bekennt. Vier Schreiberinnen im Film begegnen 40 Jahre später erstmals ihren eigenen Briefen. Eine Frau, die als 16-jährige Schülerin ihre lesbische Identität entdeckte und sich auf unglaublich differenzierte, reife Weise fragt, ob sie Mut und Stärke genug haben wird, diese zu leben, ist von ihrem früheren schreibenden Ich sichtlich berührt.

Einige Briefe sind Repliken auf andere Briefe – oder auf Texte, die in „Ms.“ erschienen sind. So erfährt man auch einiges über die Inhalte der Zeitschrift. Da geht es um eine Sonderausgabe über Männer, Artikel zu Linda Lovelace, Karen Silkwood, Krebsoperationen oder eine Geschichte mit dem Titel „Mein Papa tut nicht arbeiten“. Darin kritisiert eine schwarze Frau wütend die in dem „widerlichen Geschmiere“ zu Tage tretenden rassistischen Stereotype.

Die in den Briefen angesprochenen Debatten sind hochaktuell

Dass die Geschichte des Feminismus nicht nur eine Geschichte der Differenz ist – eine Leserin benutzt die Formulierung „Wachstumsschmerzen“ –, sondern auch eine der Intersektionalität, also unterschiedlicher Diskriminierungsformen wie Rassismus, Sexismus etc., der eine Person ausgesetzt ist, wird in einer ganzen Reihe von Briefen deutlich: wenn etwa eine amerikanische Ureinwohnerin einen Artikel, der eine Anti-Waffen-Politik betrifft, als einen Angriff auf ihre Kultur begreift oder eine Chicana, eine in den USA lebende Mexikanerin, beklagt, dass ihre Erfahrungen in der Zeitschrift nicht vorkämen. Diese Debatten, die sich an der Vorherrschaft einer weißen bürgerlichen „Elite“ entzünden, sind hochaktuell – wie überhaupt alle in den Briefen angesprochenen Themen.

Trotz seiner im Grunde einfachen, formal eher schlichten Form ist der Film so komplex und polymorph wie es die Stimmen der im Film zu hörenden Frauen und Mädchen in der Summe eben auch sind: „Yours in Sisterhood“ ist feministische Archivarbeit und Geschichtsschreibung, Consciousness-Raising, Reise- und Porträtfilm und vor allem ein Dialog: zwischen Briefeschreiberin und Zeitschrift beziehungsweise Leserinnenschaft, zwischen der Stimme des Briefs und der Person, die sie verkörpert, wie auch zwischen Briefeschreiberin und Betrachterin. Und zwischen weiblicher Erfahrung in den 1970er-Jahren und einer Gegenwart, die nicht zuletzt durch die #MeToo-Bewegung auf eine andere Wahrnehmung und Sensibilität zählen kann, was die Ausgrenzung, Unterdrückung und den Missbrauch von Frauen betrifft.

Das Mädchen im Marvel-T-Shirt hat natürlich recht: Es ist heute eigentlich noch immer so.

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