Postcards from London

Drama | Großbritannien 2018 | 90 Minuten

Regie: Steve McLean

Ein hübscher Jüngling kommt nach London und schließt sich einer Gruppe feingeistiger Escort-Männer an, die sich auf das gehobene Kunstgespräch nach dem käuflichen Sex spezialisiert haben. Doch der Neuzugang leidet an dem Stendhal-Syndrom, das ihn beim Anblick großer Kunstwerke in Ohnmacht fallen lässt. Mit einem hochartifizielles Setting und visuellen Anleihen bei Rainer Werner Fassbinder, Kenneth Anger, Wong Kar-wai und Derek Jarman lässt die Hommage an eine homosexuelle Kulturgeschichte eine vergangene Ära aufleben. Ästhetisch treffen sich queere Subkultur und Frühbarock, ohne dass die wunderschönen Bilderwelten daraus viel Kraft schöpfen könnten. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
POSTCARDS FROM LONDON
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
2018
Regie
Steve McLean
Buch
Steve McLean
Kamera
Annika Summerson
Musik
Julian Bayliss
Schnitt
Stephen Boucher
Darsteller
Harris Dickinson (Jim) · Jonah Hauer-King (David) · Alessandro Cimadamore (Jesus) · Leonardo Salerni (Marcello) · Raphael Desprez (Victor)
Länge
90 Minuten
Kinostart
13.12.2018
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Drama um einen hübschen jungen Mann, der in eine Gruppe feingeistiger Londoner Escort-Männer gerät. Eine hochartifizielle Hommage an eine homosexuelle Kulturgeschichte, deren wunderschöne Bilderwelten allerdings nur selten aus sich selbst heraus Kraft schöpfen können.

Die Illuminationen in der Darstellung des Heiligen Sebastian bei Velázquez oder Caravaggio gehören wahrscheinlich nicht zum bevorzugten Gesprächsstoff gegenwärtiger oder vergangener Stricher-Milieus. In dem vom britischen Filmemacher Steve McLean entworfenen hochkultivierten Paralleluniversum, einem zwischen Barock und queerem Underground schillernden „Wonderland“, hingegen schon.

Als der junge Kleinstadt-Boy Jim im großen, fremden London ankommt, findet er sich nach einer unbequemen Nacht in einem Pappkarton auf den Straßen der Metropole in der Runde der „Raconteurs“ wieder: einer Gruppe von feingeistigen Escort-Männern, die sich auf das gehobene „postcoitale“ Kunstgespräch spezialisiert haben. Wie sehr Jesus, Marcello, David und Victor in den schönen Künsten leben und aufgehen, deutet bereits ihre Reaktion auf den bildhübschen Neuen an. Bei seinem Anblick sehen sie sich unmittelbar an ein wunderschönes Bild in der National Gallery erinnert – „im ersten Stock, Treppe hoch, links im zweiten Raum, das dritte Bild rechts“. Es ist – natürlich – von Caravaggio.

Einführung des Neuen in die Gruppe der Kunstkenner

Nachdem Jim gelernt hat, Goya von Gauguin zu unterscheiden und Fritz Lang von Fassbinder, wird auch er feierlich zum „Raconteur“ eingeschworen: „Wir sind das älteste Gewerbe und stolz auf das, was wir tun. Unsere Mission ist es, die männliche Prostitution ins 21. Jahrhundert zu bringen, während wir den Künstlern vor uns die Ehre erweisen.“ Bald zeigt sich jedoch, dass der schöne Jim unter einer Schwäche leidet, die sich bei der Ausübung seiner neuen Profession ziemlich ungünstig auswirkt: Er kränkelt am sogenannten Stendhal-Syndrom, einer psychosomatischen Störung, die ihn beim Betrachten großer Kunstwerke erzittern und ohnmächtig werden lässt. Zudem findet er sich als Akteur in eben diesen Gemälden wieder, aus denen er nur schwer und höchst verwirrt wieder hinausfindet.

Bevor Jim am Ende aufbricht, seinen eigenen Umgang mit dem Thema Schönheit zu finden, sucht er eine Therapeutin auf, wird die Muse eines Malers und lässt sich zeitweilig bei einem Kunstauktionator beschäftigen, der sein „Talent“ geschickt für die Echtheitsprüfung von Kunstwerken einzusetzen weiß. Alle diese überspannten, aber sehr elegant eingeflochtenen Handlungsfäden sind im Gewebe des Films jedoch eher nebensächlich.

„Postcards from London“ ist vor allem eine Hommage an die schwule Kulturgeschichte einer vergangenen Ära, die eng mit dem „verschwundenen“, im Londoner West End gelegenen Stadtteil Soho verbunden ist – das Soho von Francis Bacon, Lucian Freud und dem Colony Room Club, der vor allem als Treffpunkt von schwer trinkenden (schwulen) Künstlern legendär ist. McLean versucht aber weder Ort noch Szene zu rekonstruieren, sondern schafft ein artifizielles Fantasie-Soho mit visuellen Anleihen bei Fassbinders „Querelle“ und den Filmen von Kenneth Anger, Wong Kar-wai und Derek Jarman, der sich als Regisseur seinerseits schon der Caravaggio-Figur widmete.

Alles spielt in einer künstlichen Traumwelt

Konsequenterweise wurde „Postcards from London“ ausschließlich im Studio gedreht. Neonschilder, ein zwischen Rot, Lila- und Blautönen changierendes Licht und der Wechsel aus statischen und sanft fließenden Kamerabewegungen lassen eine Traumwelt entstehen, die etwas Üppig-Gesättigtes ausstrahlt, andererseits aber mit beeindruckend wenigen Mitteln auskommt. Eine Bar, zu der die Matrosen wie der Billardtisch oder der Tresen gehören, Korridore, ein Schlafzimmer mit ein paar Fotos an der Wand (darunter Arthur Rimbaud und David Bowie), viel mehr gibt es nicht. Über Caravaggios Gemälde, deren Modelle häufig Bettler und Huren waren, wird dieses Setting mit den Straßen von Rom und Neapel imaginär verwoben.

Ihren kunst- und filmhistorischen Aufladungen zum Trotz vermögen die wunderschönen Bildwelten aber nur selten aus sich selbst heraus Kraft zu schöpfen. Wobei der britische Schauspieler Harris Dickinson als Jim zweifellos einen ebenso zeitgemäßen wie frühbarocken Sexappeal verströmt. Der Fotograf in „Postcards from London“ hat recht: „Die Kamera liebt ihn.“

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