Biopic | Großbritannien/Luxemburg/USA 2017 | 120 Minuten

Regie: Haifaa Al-Mansour

Biografisches Drama über die englische Schriftstellerin Mary Shelley und die Umstände ihres Debütromans „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, der ihr über die Enttäuschungen und Schicksalsschläge der Lebensgemeinschaft mit dem Dichter Percy Shelley hinweghilft. Der in eine dunkle, „gothic“-hafte Atmosphäre getauchte Film erzählt ihre Lebensgeschichte als Akt weiblicher Selbstermächtigung, was nicht mit dem konventionellen Liebesplot harmoniert, der um Verlust und Scherz kreist, aber keinen Weg in den literarischen Kosmos der Romanautorin findet. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
MARY SHELLEY
Produktionsland
Großbritannien/Luxemburg/USA
Produktionsjahr
2017
Regie
Haifaa Al-Mansour
Buch
Emma Jensen · Haifaa Al-Mansour
Kamera
David Ungaro
Musik
Amelia Warner
Schnitt
Alex Mackie
Darsteller
Elle Fanning (Mary Shelley) · Ben Hardy (John Polidori) · Stephen Dillane (William Godwin) · Maisie Williams (Isabel Baxter) · Douglas Booth (Percy Shelley)
Länge
120 Minuten
Kinostart
27.12.2018
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Biopic | Drama | Historienfilm
Diskussion

Biografisches Drama über die englische Schriftstellerin Mary Shelley und die Umstände ihres Debütromans „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“.

Das schlechte Wetter, das in Filmen über die Zeit der englischen Romantik eigentlich nichts Außergewöhnliches ist, hat in dem biografischen Film von Haifaa Al-Mansour über die Schriftstellerin Mary Shelley neben den naheliegenden stimmungsvollen Effekten noch andere Aufgaben. Der gleich in der ersten Szene grollende Donner, der die 16-jährige Mary Godwin von ihrem Lieblingsschreibplatz forttreibt, dem Grab ihrer Mutter auf dem örtlichen Friedhof, deutet das Genre der Gruselgeschichte bereits an, in dem die künftige Autorin ihre literarische Heimat finden wird.

Rund zwei Jahre später, wenn Mary schon mit dem verheirateten Dichter Percy Shelley zusammenlebt, wirken sich die widrigen Witterungsbedingungen noch in einem anderen Sinne günstig auf ihre Kreativität aus. Mary ist zusammen mit Shelley und ihrer Stiefschwester Claire bei dem englischen Dichter George Byron am Genfer See zu Gast. Strömender, nicht enden wollender Regen zwingt die Gruppe für Tage ins Haus. Aus Langeweile, Gereiztheit und Überdruss schlägt Lord Byron schließlich einen literarischen Wettbewerb vor – die Initiation zu „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, einem der bedeutendsten Romane der britischen Literatur.

Spekulation auf produktive Parallelen

Die Regisseurin Haifaa Al-Mansour umgeben zwei Superlative. 2012 drehte sie den ersten saudi-arabischen Film, der vollständig in ihrem Heimatland realisiert wurde; „Wadjda" war zudem der erste saudi-arabische Film, der je von einer Frau inszeniert wurde. Dass „Mary Shelley“ ein Auftragsprojekt ist, merkt man dem Film durchaus an. Man kann jedenfalls nicht behaupten, dass die Kombination von Regisseurin und Filmstoff irgendwie zwingend wäre, sie erscheint sogar fast ein wenig fern – und dann auch wieder nachvollziehbar. Fern deshalb, da Al-Mansour, das räumt sie offen ein, Mary Shelleys Geschichte gänzlich fremd ist. Offensichtlich spekulierten die Produzenten darauf, dass sich zwischen einer saudi-arabischen Künstlerin mit beschränkten Rechten und einer weiblichen Autorin, die sich in der Männerwelt des 19. Jahrhunderts zu behaupten hatte, produktive Parallelen auftun. Al-Mansour bemüht sich dann auch sichtbar, die Geschichte um Mary Shelley als eine weibliche Selbstermächtigung zu erzählen – etwa wenn sie in der Darstellung von männlichem Egoismus beziehungsweise männlicher Ignoranz nichts auszulassen versucht. Doch gleichzeitig soll „Mary Shelley“ eben auch ein großer, leidenschaftlicher Liebesfilm sein. Beides zusammen aber verträgt sich nicht miteinander.

Mary Godwin wird schreibend in den Film eingeführt; aus dem Off hört man das Kratzen der Feder. Doch noch weiß das rebellische Mädchen nicht wohin mit dem „Feuer in der Seele“. In Percy Shelley glaubt die Tochter des Sozialphilosophen William Godwin und der wenige Tage nach ihrer Geburt verstorbenen Schriftstellerin Mary Wollstonecraft einen Gleichgesinnten getroffen zu haben. Gemeinsam mit Claire verlässt sie gegen den Willen des Vaters ihr Elternhaus, um Shelley zu folgen. Doch schon bald weicht der anfängliche Rausch der Ernüchterung. Shelleys Ideal der freien Liebe entpuppt sich als billiger Vorwand für seinen grenzenlosen Egoismus; auch mit Geld weiß er nicht umzugehen. Als ihr gemeinsames Kind stirbt, stürzt Mary in eine Depression. Erst mit dem Schreiben des zunächst unter Pseudonym veröffentlichten Frankenstein-Romans findet sie endgültig zu sich.

Doch auch an diesem Punkt verknüpft Al-Mansour die kreative Emanzipation äußerst ungünstig mit der Liebesgeschichte. Kurz nachdem Mary zum ersten Mal in der Buchhandlung ihres Vaters der Öffentlichkeit als die wahre Autorin von „Frankenstein“ präsentiert wurde, gibt es mit Percy noch an Ort und Stelle eine schwülstige Versöhnungsszene.

„Frankenstein“ entsteht aus den großen Dramen des Lebens

Überhaupt interessiert sich der Film weitaus mehr für die Liebeskonstellationen und offenen Beziehungsmodelle als für die Entstehung des Romans; immerhin wird Marys Berührung mit den Experimenten von Erasmus Darwin erwähnt, der glaubte, mittels Galvanisation tote Objekte ins Leben rufen zu können. Welche Quellen, konkreten Orte oder Begebenheiten sonst noch eine Rolle spielten, erfährt man nicht. Das Monster „Frankenstein“ entsteht hier nahtlos aus den großen Dramen des Lebens: Verlust, Liebesschmerz, Entbehrung.

Visuell lässt sich „Mary Shelley“ ganz von der Stimmung dunkler Romantik affizieren. Alles ist üppig ausstaffiert und mit einem Touch „Goth“ versehen. Eine Berührung mit einer (auch literarisch) anderen Welt gibt es nicht. Mary Shelleys Errungenschaft, sich in ein Genre vorzuwagen, dass für Frauen als das am wenigsten „angemessenste“ galt, im Unterschied etwa zur realistischen Erzählweise, wird dadurch kleiner gemacht. Man bekommt das Gefühl, alles sei schon dagewesen. Mary Shelley musste es nur noch aufschreiben.

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