Robin Hood (2018)

Abenteuerfilm | USA 2018 | 116 Minuten

Regie: Otto Bathurst

Neuerliche Verfilmung des Robin-Hood-Stoffes, in dem der nach seiner Rückkehr vom Kreuzzug traumatisierte Titelheld zum charismatischen Anführer eines Aufstandes gegen das Bündnis aus Kirche, Geld und Macht wird. Doch nicht der Sheriff oder der Kardinal, sondern ein Nebenbuhler entwickelt sich zum auch politisch gefährlichsten Gegenspieler. Der extrem temporeich inszenierte und über weite Strecken wie in Trailer geschnittene Film spielt mit der Rhetorik eines „Linken Populismus“, weist erzählerisch aber spürbare Lücken auf und belässt den Protagonisten bewusst in einer Vieldeutigkeit. – Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
ROBIN HOOD
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Otto Bathurst
Buch
Ben Chandler · David James Kelly
Kamera
George Steel
Musik
Joseph Trapanese
Schnitt
Joe Hutshing · Chris Barwell
Darsteller
Taron Egerton (Robin Hood) · Jamie Foxx (Little John) · Jamie Dornan (Will Scarlett) · Eve Hewson (Lady Marian) · Ben Mendelsohn (Sheriff von Nottingham)
Länge
116 Minuten
Kinostart
10.01.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
– Ab 16.
Genre
Abenteuerfilm | Historienfilm
Diskussion

Extrem temporeiche, schnell geschnittene Adaption des bekannten Robin-Hood-Stoffes, die mit der Rhetorik eines „Linken Populismus“ spielt und sich an ein dezidiert junges Publikum richtet.

„Männer in Strumpfhosen“ – zumindest die modischen Herausforderungen jedes Robin-Hood-Films hat niemand so präzise benannt wie Mel Brooks in seinem "Robin Hood"-Film aus dem Jahr 1993. Aber auch sonst ist der Stoff nicht einfach, wenngleich sich die Robin-Hood-Geschichte im Vergleich zu anderen Mantel-Degen-Klassikern als äußerst langlebig erwiesen hat. Ivanhoe und Francis Drake, die Drei Musketiere und andere Helden scheinen einem anderen Zeitalter anzugehören und sind längst von der Leinwand verschwunden.

Woher kommt die Attraktivität des Outlaws aus Mittelengland, über den immer wieder Filme und Serien gedreht werden – auch wenn einige davon in den letzten zwei Jahrzehnten an der Kinokasse keinen Erfolg hatten. Was vielleicht auch daran lag, dass die Darsteller nicht jugendlich oder beweglich genug für die Rolle waren, ob nun Kevin Costner („Robin Hood – König der Diebe“) oder der eher ungelenke Russel Crowe als bogenschießender Springinsfeld in Ridley Scotts Robin Hood. Am gelungensten erscheinen immer noch der Errol-Flynn-Klassiker von Michael Curtiz aus dem Jahr 1938 ("Robin Hood - König der Vagabunden") und die britische Fernsehserie (1955-1960) mit Richard Greene in der Titelrolle. Ein heutiges Publikum dürfte den Stoff allerdings am ehesten durch den Disney-Animationsfilm von 1973 kennen ("Robin Hood").

Occupy Nottingham!

Strumpfhosen trägt Taron Egerton ("Kingsman") als Robin in der Neuverfilmung von Otto Bathurst keine mehr. Er bevorzugt Lederjacke und eine echte Kapuze (engl. „Hood“); bei seinen Raubzügen schiebt er sich ein blaues Halstuch vor den Mund, sodass sein Gesicht komplett verdeckt ist, ähnlich wie bei den derzeit so erfolgreichen maskierten Superhelden. Die Figur wirkt abstrakter, gewissermaßen entpersönlicht – und ist aber gerade dadurch in Massenszenen und schnellen Actionsequenzen leicht identifizierbar. Ein wenig erinnert dieser Robin an die kapuzentragende Hauptfigur des Computerspiels „Assassins Creed“ und seine Verfilmung aus dem Jahr 2016.

„Vergiss die Historie, dies ist keine Gute-Nacht-Geschichte“: Bruder Tuck (Tim Minchin), hier Priester in Nottingham und eine der beständigen Figuren in der Robin-Hood-Mythologie, leitet den Film als Erzähler ein. Der neue „Robin Hood“ soll einer für die Gegenwart sein. Das bedeutet, dass er ein jugendlicher, dynamischer-frischer, idealistischer Held ist, der sich zwar für die Armen interessiert, aber noch ein bisschen mehr für seine Freundin Marian (Eva Hewson). Andererseits ist er ein politischer Rebell, und auch der Film ist durchaus politisch gemeint: als Metapher für den sozialen Aufstand gegen Ungerechtigkeit. Dieser Robin ist mehr Outlaw denn je, und er erinnert im Kino an V for Vendetta und in der Realität an einen Anführer bei einem G-20-Protest: „Occupy Nottingham“!

Vergessen kann man freilich nur, was einmal gewusst wurde. Auch wenn die Macher die historischen Kenntnisse der jugendlichen Zielgruppe des Films zu Recht bezweifelt haben, setzen sie mehr voraus, als es die Einleitung des Mönchs vermuten lässt: In der ersten Szene verliebt sich Robin of Loxley in Marian. Zwei Filmminuten später sind sie schon ein Paar, und Robin erhält eine Art Einberufungsbefehl. Man muss wissen, was die Kreuzzüge sind, um sich nicht zu wundern, dass er sich – „Vier Jahre später“ – im Orient in einem harten Stellungskrieg befindet, der im Nahkampf auf Leben und Tod ausgetragen wird. In einem Hinterhalt wäre Robin um ein Haar getötet worden, doch sein Heerführer Norton rettet ihm das Leben. Diese Ereignisse verbinden drei Figuren für den Rest des Films: Robin, der kurz darauf verwundet nach England heimkehren kann, Norton und seinen arabischen Angreifer, der ihm heimlich folgt.

Heterogenität & Revolution

In Nottingham ist Robin doppelt traumatisiert: durch den Krieg und durch den Verlust seines privaten Glücks. Denn sein Wohnsitz ist zerstört, und da er für tot erklärt wurde, hat sich Marian mit dem Minenarbeiter Will (Jamie Dornan) zusammengetan. Die Stadt sieht aus wie eine Fabrik während der Frühindustrialisierung. Es gibt riesige Schmiedeöfen; große Massen von Arbeitern werden unter miserablen Bedingungen sklavengleich ausgebeutet.

Auch die Herrenklasse wirkt erstaunlich modern: Den Sheriff von Nottingham (Ben Mendelsohn) sieht man vor dem Spiegel, wie er sich die Haare bürstet, was ihn gegenüber dem Naturburschen Robin als „Decadent“ ausweist; er führt ein Bündnis aus Kirche, Militär und Kapital an, hält demagogische Reden, in denen er gegen Moslems wettert („Sie hassen uns: unsere Freiheit, unsere Religion, unsere Kultur“), und trägt Ledermäntel, die in ihrem Feldgrau und ihrem Schnitt an deutsche Wehrmachtsoffiziere erinnern. Offenkundig soll der Sheriff als Mischung aus einem Faschistenführer der 1930er-Jahre und den reaktionären Verführern unserer Tage erscheinen.

Doch das Potenzial für einen Aufstand ist da: Marian leitet eine Armenküche und brütet mit Will und Tuck über einem Aufstandsplan. Was noch fehlt, ist ein charismatischer Anführer: Robin, als eine Art „Dark Knight“, ebenso von Rache angetrieben wie von dem Wunsch nach Gerechtigkeit. Angeleitet wird er darin zunächst nur von dem „Mohr“, der ihm aus Arabien gefolgt ist und sich jetzt John (Jamie Foxx) nennt – eine innovative Variante des „Little John“ aus anderen Robin-Hood-Geschichten. Auch John will Rache – für die Kreuzzüge und die Hinrichtung seines Sohnes.

Eine arabische Figur

Die Einführung einer arabischen Figur, wie sie auch schon Morgan Freeman in „Robin Hood – König der Diebe“ verkörperte, tut der Geschichte gut. Damit wird beispielsweise erklärt, warum Robin als Bogenschütze so viel besser ist als alle anderen – es liegt am Vorsprung durch Technik: John gibt Robin einen kürzeren arabischen Bogen und unterrichtet ihn im Gebrauch dieser beweglicheren, historisch belegten Waffe, die mit ihrer stärkeren Durchschlagskraft zudem auch Rüstungen durchdringt.

Die Figur des Robin ist in vieler Hinsicht bewusst heterogen gehalten. Erst durch den „Mohr“ als Lehrer und durch eine arabische Waffe wird er zum Helden. Ihn treibt persönliches Leid an, aber auch ein soziales Gewissen. Er ist zur Gewalt bereit und beschreibt sich als „Führer einer Revolution“, fleht dann aber: „Kein Töten mehr!“

Sein eigentlicher Antagonist ist weder der Sheriff von Nottingham noch der von F. Murray Abraham gespielte Kardinal, sondern der mit Marian liierte Will. Die beiden konkurrieren nicht nur um die Liebe der Frau, sondern auch in politischen Dingen. Will wird als sozialer Aufsteiger „aus der Gosse“ gezeichnet, der Angst um seine mühsam errungenen Positionen hat; ihm werden reformistische Argumente in den Mund gelegt: „All deine Proteste führen zu nichts, wir müssen uns arrangieren, mit den Mächtigen verhandeln“. Robin hingegen verfällt ein ums andere Mal in die Rhetorik eines „Linken Populismus“: „Man ist nur machtlos, wenn man sich für machtlos hält“, „Das ist unser Kreuzzug“, „Wir sind das Volk, nicht die Untertanen“.

Schnell geschnitten wie ein Trailer

Erzählerisch weist der Film immer wieder narrative Lücken auf und wirkt sprunghaft; auch bei genauerem Nachdenken lassen sich grundsätzliche Widersprüche in der Motivation der Figuren nicht aufklären. Seine Stärken liegen im Visuellen: Gedreht in der Innenstadt von Dubrovnik, in Paris und vor großartigen ungarischen Naturpanoramen sieht man hier Wagenrennen, Verfolgungsjagden über die Dächer und durch die Straßen von Nottingham, Demonstrationen und Straßenkämpfe im Martial-Arts-Stil; alles schnell geschnitten, in einem Tempo, das sich im letzten Drittel noch steigert. 60 Prozent des Films sind nahezu wie ein Trailer montiert – mit allen Vor- und Nachteilen. Das legt nahe, dass dieser Robin Hood kein Klassiker wie die Verfilmung von Michael Curtiz werden kann. Ein kurzweiliges „Guilty-Pleasure“ mit vielen Schauwerten ist er aber allemal. Zudem könnte dieser ernsthaften, auf ihre Art liebevollen, aber nie beflissenen Herangehensweise das gelingen, was Ridley Scott misslungen ist: einen klassischen Stoff für ein junges Publikum zu erzählen.

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