Playground

Drama | Polen 2016 | 79 Minuten

Regie: Bartosz M. Kowalski

Beruhend auf einem realen Kriminalfall aus den frühen 1990er-Jahren in Großbritannien, schildert der Film die Ausschreitungen zweier zwölfjähriger Jungen, die in der Peripherie einer polnischen Stadt an einem Nachmittag zunächst eine Mitschülerin quälen und dann einen kleinen Jungen entführen und grausam ermorden. Ohne Psychologisierung setzt der drastische Film seine Zuschauer den Ereignissen mit schonungsloser Nüchternheit aus und bettet sie ein ins Porträt einer sozial zutiefst gespaltenen Gesellschaft. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
PLAC ZABAW
Produktionsland
Polen
Produktionsjahr
2016
Regie
Bartosz M. Kowalski
Buch
Bartosz M. Kowalski · Stanislaw Warwas
Kamera
Mateusz Skalski
Musik
Kristian Eidnes Andersen
Schnitt
Mateusz Skalski
Darsteller
Nicolas Przygoda (Szymek) · Przemyslaw Balinski (Czarek) · Michalina Swistun (Gabrysia) · Patryk Swiderski (Kleiner Junge) · Pawel Brandys (Gabrysias Vater)
Länge
79 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16
Pädagogisches Urteil
- Ab 18.
Genre
Drama

Heimkino

Verleih DVD
EuroVideo (Reihe Kino Kontrovers)
Verleih Blu-ray
EuroVideo (Reihe Kino Kontrovers)
DVD kaufen
Diskussion

Ein schonungslos nüchternes Drama, das ohne jede Psychologisierung und mit höchster Drastik den (authentischen) Mord zweier Zehnjähriger an einem kleinen Jungen rekapituliert.

Es wird böse enden. Dieses ureigenste Kinogefühl, das von umstrittenen Autorenfilmern wie Michael Haneke oder Ulrich Seidl seit Jahrzehnten intensiv gepflegt wird, vermittelt sich auch in dem fiktionalen Erstlingsfilm von Bartosz M. Kowalski. Im Zentrum dieses wahnsinnig fordernden Films, der wie ein Faustschlag in die Magengrube in Szene gesetzt ist, stehen drei Schulkinder: Szymek (Nicolas Przygoda), Czarek (Przemyslaw Balinski) und Gabrysia (Michalina Swistun) begegnen sich im Laufe eines höchst bitteren Nachmittags zuerst als Schulkameraden, dann als (Nicht-)Liebespaar und schließlich in einer brutalen Opfer- und Täterverteilung, in der die Dämme des sozialen Miteinanders brechen.

Diese krude Personenkonstellation mündet am Ende des Films in eine unerträgliche Torture-Porn-Szene, in der die beiden desillusionierten Schulfreunde Szymek und Czarek aus sozialem Überdruss und purer Langweile einen etwa dreijährigen Jungen aus einer Shoppingmall entführen und in der Nähe einer Bahnstrecke brutal erschlagen. Die Kamera nimmt dieses grausige Geschehen, das thematisch an Andres Veils Neo-Nazi-Studie „Der Kick“ (2002) erinnert, aus etwa 20 Metern Entfernung auf, und zwar so, dass man als Zuschauer förmlich anwesend ist.

Die semidokumentarischen Bilder vergegenwärtigen ein grausames Geschehen

In ästhetisch absolut strengen und lange nachhallenden Bildern rekurriert der Film auf den realen Mordfall an dem zweijährigen James Bulger, der 1993 in der englischen Stadt Bootle von zwei 10-Jährigen grausam zu Tode gebracht wurde.

„Playground“ fiktionalisiert diese wahre Geschichte, transferiert sie aber beinahe durchgängig semidokumentarisch in verstörende Kinobilder, die Kowalski und sein Co-Autor Stanislaw Warwas auch formal streng durchstrukturieren. In sechs voneinander getrennten Mini-Kapiteln („Gabrysia“, „Szymek“, „Czarek“, „Schule“, „Ruinen“, „Playground“), die sich nur in der letzten Einstellung kurzzeitig miteinander verbinden, erzählt der polnische Nachwuchsregisseur kühl-distanziert und vollkommen ironiefrei von einer tiefen Spaltung innerhalb der polnischen Gesellschaft. In der städtischen Peripherie, in der der Film spielt, gibt es neben wenigen neureichen Aufsteigern im schmucken Eigenheim nur kleine Familienbetriebe (wie etwa den Metzgerladen) sowie eine große Zahl gesellschaftlich weitgehend abgehängter Familien, die in ihren klitzekleinen Sozialbauten ums Überleben kämpfen.

Gemeinsam mit dem Kameramann Kristian Eidnes Andersen hat Kowalski einen sehr speziellen Kino-Look gewählt, der auf blasse Farben setzt und in einer Mixtur aus statischen Erzählblöcken und partiellen Overshoulder-Aufnahmen durchwegs seine filmische Machart reflektiert. „Playground“ (Originaltitel: „Plac Zabaw“), der lediglich im Filmtitel etwas Spielerisch-Kindliches assoziiert, entpuppt sich bereits in den ersten der quälend langen 79 Minuten als knalllharte Gewaltstudie, die kaum zu ertragen ist und den Betrachter sprachlos zurücklässt, sofern man es überhaupt aushält, bis zur letzten Minute hinzusehen.

Tiefes Unbehagen, wenn Kinder Kinder terrorisieren

Nach der Uraufführung auf dem Filmfestival in San Sebastián spaltete Kowalskis filmisches Skandalon die Kritik in zwei Hälften, zumal viele den Saal bereits während der Vorführung tumultartig verließen. Was wohl nicht nur an der dargestellten Gewalt an sich lag, als vielmehr daran, dass hier Kinder Kinder terrorisieren, misshandeln und töten, was im Kino selten zu sehen ist und tiefes Unbehagen evoziert. „Der Film soll roh sein, so brutal – für den Kopf –, dass man es fast nicht mehr aushält. So ist es in der Realität“, äußert sich Bartosz M. Kowalski im Bonusmaterial des Films, der in der Reihe „Kino Kontrovers“ als DVD und Blu-ray erschienen ist. „Das Ende des Films sollte so schmerzvoll wie möglich sein und den Zuschauer eben nicht mit einem guten Gefühl entlassen.“

Dieses Ziel hat Kowaski, der zuvor zwei Dokumentarfilme („A Dream in the Making“ und „Unstoppable“) realisierte, erreicht: „Playground“ ist ein bösartiger Film, dessen Abgründigkeit durch die filmästhetisch schonungslos nüchterne Sprache noch potenziert wird, die ohne Psychologisierung und in überwiegend statischen-fröstelnden Einstellungen keinen Wimperschlag des Grauens auslässt.

Kommentar verfassen

Kommentieren