Dokumentarfilm | Frankreich/Spanien 2017 | 85 Minuten

Regie: Emilio Belmonte Molina

In einer assoziativen Suchbewegung folgt der Dokumentarfilm der Tänzerin Rocío Molina bei Proben am Théâtre National de Chaillot in Paris, in denen sie neue Formen eines experimentellen Flamenco einstudiert. Die spanische Ausnahmekünstlerin dekonstruiert die Schrittmuster und setzt sie wie Skulpturen wieder zusammen. Der Film verbindet Ausschnitte aus den Proben zu expressiven Collagen, in denen sich der grenzüberschreitende Furor von Molinas Improvisationskunst als pure Energie niederschlägt. Deutlich wird dabei auch, wie viel Hingabe, Mut und Arbeit hinter dem „Caída del Cielo“ betitelten Tanzprogramm steckt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
IMPULSO
Produktionsland
Frankreich/Spanien
Produktionsjahr
2017
Regie
Emilio Belmonte Molina
Kamera
Dorian Blanc · Thomas Brémond
Länge
85 Minuten
Kinostart
14.02.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Tanzfilm
Diskussion

In einer assoziativen Suchbewegung folgt der Dokumentarfilm der Tänzerin Rocío Molina bei Proben am Théâtre National de Chaillot in Paris, wo sie ihre Formen eines modernen Flamenco einstudiert. Weniger historisch als visuell zeigt der Film, wie viel Hingabe und Mut zur Grenzüberschreitung in ihrer Kunst zum Ausdruck kommen.


Rocío Molina gehört zu den erfolgreichsten zeitgenössischen Flamenco-Tänzerinnen der Welt. Ihr radikaler Zugang zu dieser tief in der andalusischen Kultur verankerten Tanzkunst ist bei Traditionalisten aber nicht unumstritten. Denn Molina öffnet die seit dem 19. Jahrhundert etablierten Choreografien, löst die Folge der Schrittmuster auf, fragmentiert sie, improvisiert mit ihnen und verschiebt sie sogar in den Kontext der Bildenden Kunst. In atemberaubenden Kostümen setzt sie sich wie eine Skulptur in Szene, die langsam zum Leben erwacht und den Raum in einen hochenergetischen Zustand versetzt. Wo der Tanz beginnt und endet, wird dabei so provokativ in Frage gestellt wie die Grenze zwischen Bühne und Publikum.

Molina interessiert sich auf ganz unterschiedlichen Ebenen für Grenzen und ihre künstlerischen Überschreitungen. Traditioneller Tanz trifft bei ihr auf eine Performance-Kunst, die manchmal an Marina Abramovic erinnert, aber auch mit multimedialen Elementen wie Video-Displays arbeitet, mit denen sie beim Tanzen interagiert. Thematisch setzen sich die Inszenierungen oft mit transgressiven Momenten wie Geburt und Tod auseinander.

Der Regisseur Emilio Belmonte stammt selbst aus Andalusien und widmet sich in seinem Langfilmdebüt der anspruchsvollen Aufgabe, Molinas einzigartige Ausstrahlung und spontane Tanzchoreografien ins Filmische zu übersetzen. Sein Fokus liegt dabei weder auf einer historischen Herleitung der Flamenco-Tradition noch auf einem biografischen Porträt der Tänzerin. Er betrachtet Molina vielmehr selbst als Erforscherin ihrer künstlerischen Disziplin und versteht auch „Impulso“ als eine Form von „artistic research“. Er folgt Molinas unterschiedlichen Proben in achronologischer Weise, ohne am Ende die Aufführung als Ergebnis zu präsentieren. Sein assoziatives Patchwork will eher nachvollziehbar machen, wie Molina mit ihrem Körper arbeitet und welche Erfahrungen sie mit den Tanzperformances in sich und anderen auszulösen versucht.

Improvisation als energetisches Ereignis

Flamenco funktioniert noch stärker als andere Tanzformen über den Rhythmus und darüber, dass die Tanzenden zu einem Instrument werden, das mit dem Gesang und der Gitarrenmusik in Kommunikation tritt. Dieser wechselseitige Austausch auf der Bühne produziert eine unglaubliche Energie, die schon den traditionellen Flamenco zu einem ungeheuer emotionalen und erotischen Tanz macht. Durch ihre Improvisationen öffnet Molina dieses Setting, was allen Beteiligten große Konzentration und Sensibilität abverlangt. Das ist durchaus riskant, denn es erzeugt bei jedem Auftritt eine singuläre Konstellation, die stark davon abhängt, wie sich die gesamte Atmosphäre im Raum entwickelt und ob die Musiker in der Lage sind, sich mit der Tänzerin nur über ihre Ausdrucksformen abzustimmen.

Doch im bloßen Impuls, der noch nicht Gedanke oder Absicht ist, so Molina, liege eine Wahrheit, deren Medium sie jedes Mal aufs Neue zu werden versuche.

Ein solcher Ereignischarakter prägt Molinas Choreografien, die aber keineswegs aus dem Nichts kommen. Um den Rahmen für die späteren Improvisationen zu schaffen, arbeitet das Team täglich viele Stunden zusammen, um sich aufeinander einzustimmen und ein gemeinsames Repertoire aus Bewegungen und Musik zu entwickeln. Aus der Leere am Beginn jeder Aufführung entwickelt sich dann unter großer Anspannung schließlich eine enorme Vitalität.

Die Monstrosität der Kräfte

Was Molina in sich selbst und bei den Zuschauern freisetzt, kann eine tiefe, mitunter beängstigende Wirkung erzeugen. Ihre eigene Mutter bricht bei ihrem Auftritt vor der Kamera in Tränen aus, da sie sich um ihre Tochter sorgt und Angst davor hat, dass die Künstlerin monströse Züge annehmen könnte. Doch dieser Selbstverlust ist für Molina eine notwendige Bedingung, um auf die Ebene jener Kräfte zu kommen, die sie in ihrem Körper bündelt und zum Ausdruck bringt. Rhythmus, Bewegung und Musik werden zu einer Sprache, die über das Sagbare hinausgeht und eine große Intensität überträgt.

Bilder von Francisco de Goya, die sich mit Gewalt oder dem Grotesken beschäftigen, sind dabei durchaus auch eine Quelle der Inspiration.

Die Stärke, die Molina nicht nur beim Tanzen ausstrahlt, ist eine zutiefst weibliche Kraft. Ironischerweise erfüllt Molina aber nicht die gängigen Schönheitsideale, die man von Flamenco-Tänzerinnen erwartet. Klein und muskulös wirkt sie wie eine Kriegerin im Kampf mit den Elementen, die aber genau weiß, wie sie ihren Körper einsetzen muss, um den größtmöglichen Effekt zu erzeugen. Zugleich ruht sie auf eine Weise in sich, wie es wahrscheinlich nur wenige Menschen vermögen.

Belmontes Ansatz, den Film zumeist unkommentiert auf die körperlichen Momente zu fokussieren, wird zwar der Tanzkunst Molinas gerecht, lässt aber doch genuin filmische Momente vermissen, die das Energetische in eigenständige Bilder übersetzen würden. Die assoziativen Anschlüsse der Szenen korrespondieren mit dem ephemeren Charakter des Tanzes, verlieren aber deutlich an jener Spannung, die Molina in ihren Auftritten durch kontinuierliche Steigerungen erzeugt. „Impulso“ bleibt zu sehr konventionellen Formen des Dokumentarischen, was dem Film zwar zu einem durchaus gelungenen Eindruck von Molinas künstlerischer Arbeit verhilft, ihn selbst aber nicht in einer angemessen künstlerischen Form auf sie antworten lässt.

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