Drama | Deutschland 2018 | 100 Minuten

Regie: Andreas Goldstein

Im Spätsommer des Jahres 1989 trennt sich eine Frau von ihrem Mann und fährt mit Freunden in den eigentlich für das Paar geplanten Urlaub nach Ungarn. Er reist ihr nach, um sie wiederzugewinnen. Gemeinsam suchen sie im Westen einen Neuanfang. Die Adaption des gleichnamigen Wenderomans von Ingo Schulze rafft und verdichtet die vielschichtige Vorlage. Durch unwirkliche Bilder und knappe Dialoge erweckt der tragikomische Film in lose verknüpften Episoden das stillgestellte Lebensgefühl der Wendezeit, die Sprachlosigkeit einer ganzen Generation und ihre innere Zerrissenheit eindringlich zum Leben. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Andreas Goldstein
Buch
Andreas Goldstein
Kamera
Jakobine Motz
Musik
Lars Voges
Schnitt
Jakobine Motz
Darsteller
Florian Teichtmeister (Lutz 'Adam' Frenzel) · Anne Kanis (Evelyn Schumann) · Lena Lauzemis (Katja) · Milian Zerzawy (Michael) · Christin Alexandrow (Simone 'Mona')
Länge
100 Minuten
Kinostart
10.01.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Tragikomischer Episodenfilm nach dem gleichnamigen Wende-Roman von Ingo Schulze, in der die Trennung eines Ehepaares zum Spiegel einer bleiernen Zeit wird.

Anno 1989, die DDR feiert ihren 40. Jahrestag, die Wende-Zeit zieht herauf. Doch Adam und Evelyn leben wie im Paradies. Sie besitzen ein Haus samt idyllischem Garten, in dem ein Apfelbaum steht und eine Schildkröte ihren Weg sucht. Adam ist ein Künstler im Damenschneiderhandwerk und bannt seine Kreationen auf Fotos, Evelyn arbeitet als Kellnerin. Nachrichten aus der Welt empfängt das Paar nur übers Radio.

Während andere nach Ungarn fahren, um sich in den Westen abzusetzen, geht bei ihnen alles seinen Gang. Auch sie wollen nach Ungarn, aber nur, um dort ihren Urlaub zu verbringen. Doch dann erwischt Evelyn Adam in flagranti mit einer Kundin. Erbost lässt sie ihn sitzen und macht sich mit ihrer Freundin Simone zum Balaton auf. Adam folgt ihr mit seinem alten Wartburg. Er will Evelyn zurückgewinnen. Nach einigen Wirren landen beide schließlich im Westen.

Die Beziehungskrise als Katalysator

Andreas Goldstein hat den gleichnamigen Wenderoman von Ingo Schulze gerafft und verdichtet, um zahlreiche zeitkritische Passagen gekürzt und damit nicht nur unbestimmter und geschichtsloser gemacht, sondern auch verfremdet. In lose verknüpften Episoden erzählt der Film von einem ostdeutschen Paar, das die DDR nicht aus Unzufriedenheit über den „real existierenden Sozialismus“ verlässt, sondern infolge einer persönlichen Beziehungskrise: Evelyn will ein neues Leben beginnen, weil sie von der Liebe enttäuscht wurde, nicht vom System.

Obwohl das vorderhand ein privates Motiv ist, spielt im Hintergrund freilich die Politik eine Rolle. Denn der paternalistische SED-Staat verstand sein Verhältnis zu den Bürgern nicht sachlich, sondern dachte es ideologisch als Beziehung in Form einer Gefühlsgemeinschaft. Der Film aber porträtiert das Leben in dieser „sozialistischen Menschengemeinschaft“ als desolates Dasein; die Strahlkraft der Ideologie ist aufgezehrt, durch den Hinweis auf die biblische Ursprungserzählung gilt das wohl für jede Art von Utopie.

„Adam & Evelyn“ fängt meisterhaft die gefrorene Stimmung im Land ein, die sich wie ein Eispanzer über die Beziehungen, die Sprache und das allgemeine Befinden geschoben hat. Eine „Einheit von Staat und Gesellschaft“ gibt es schon längst nicht mehr. Der Film mutete ein Gefühl der Lähmung zu, das sich vorzüglich auf die Zuschauer überträgt. Die Zeit scheint stillzustehen; in den Szenen geschieht nicht viel; ebenso wenig wird kommuniziert. Die Dialoge sind spartanisch bis absurd, nehmen kaum aufeinander Bezug, brechen plötzlich ab, die Figuren sprechen in Schablonen. Wenn sie reden, dann über Alltagsdinge, über Pläne, Wünsche und Hoffnungen, die Arbeit oder die Freiheit. Vieles bleibt ungesagt, etwa, warum Evelyn im Westen Kunstgeschichte studieren möchte. Die Beschränkung der Einzelnen wird nur angedeutet oder unterschwellig transportiert.

Bilder einer ausgebremsten, stillgestellten Welt

Die Erstarrung der Gesellschaft spiegelt sich in den unwirklichen Bildern. Die Umgebung ist zumeist wie leergefegt, menschenleer. Die Figuren werden vor Hintergründen postiert, isoliert von ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang; sie haben nur wenig Raum zur Verfügung. Wenn Adam und Evelyn mit ihrem Wartburg einmal in einer Totale zu sehen sind, dann befinden sie sich in ihrem winzig anmutenden Auto auf einer leeren Straße, als wären sie völlig allein auf der Welt, man hört nur den Anlasser drehen.

Obwohl der Film im ersten Teil ein Road Movie ist, dessen Plot sich insbesondere von Herrmann Zschoches Und nächstes Jahr am Balaton anregen lässt, wirkt er nicht so. Die Bewegung wird abgebremst, indem der Film in Fotografien denkt. Die Bilder der Kamerafrau Jakobine Motz erinnern an die Fotos von Stefan Moses, der 1989/1990 durch die DDR reiste und schwarz-weiße Stimmungsbilder der Wende einfing. Moses fotografierte vor einem Filztuch kleine Gruppen von Menschen in ihrer Arbeitskleidung, deren Gesichter melancholisch und erwartungsfroh zugleich auf den Betrachter schauen. Jakobine Motz arbeitet hingegen mit Farbe; sie setzt sie im Stil der Pop-Art gerne signalartig ein, etwa bei fließenden Stoffen oder bei Konsumgütern wie dem blauen Wartburg. Doch die grellen Farben und Muster machen die Szenerie nicht bunt und lebendig, sondern lassen sie unwirklich und befremdlich erscheinen. Es verwundert nicht, dass die Protagonisten im Westen nichts Neues erwartet. Allerdings verwandelt Goldsteins Deutung des Romans die ganze DDR in ein Tal der Ahnungslosen gegenüber dem eigenen System.

 

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