Drama | Deutschland 2018 | 102 Minuten

Regie: Philipp Hirsch

Fünf Jugendliche, drei Jungs und zwei Mädchen, wollen die Zivilisation hinter sich lassen. Mit einer großen Portion Naivität, aber nur mangelhafter Ausrüstung folgen sie den Hinweisen eines mysteriösen Anführers, die sie auf einer Art Schnitzeljagd in die Berge lotsen. Die visuell ambitionierte Mischung aus Jugendkomödie, Horrorthriller und Sozialstudie versagt sich eine vielschichtigere Figurenzeichnung und die emotionale Entwicklung innerhalb der Gruppe und befeuert den Trip stattdessen durch exzessive dramaturgische Wendungen, die überdies Anleihen bei filmischen Vorbildern nehmen. Eine verspielte, aber ästhetisch sehr uneinheitliche Annährung an die Generation Y. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Philipp Hirsch
Buch
Thomas Böltken · Philipp Hirsch
Kamera
Ralf Noack
Musik
Johannes Lehniger · ComixXx
Schnitt
Jan Ruschke
Darsteller
Matti Schmidt-Schaller (Glocke) · Milena Tscharntke (Judith) · Tom Gronau (Elias) · Matilda Merkel (Steffi) · Enno Trebs (Paule)
Länge
102 Minuten
Kinostart
17.01.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama | Thriller
Diskussion

Fünf Jugendliche, die die Zivilisation hinter sich lassen wollen, folgen den Hinweisen eines mysteriösen Anführers, und begeben sich auf einen Trip in die Berge.

Es passiert viel. Und es passiert schnell. Glocke zündet ein Auto an, hält eine Rede auf die Lage der Nation, stürzt in ein Dixi-Klo. All das kursiert sofort im Netz: die brennende Luxuslimousine, die Ansprache und der fäkalienverschmierte Junge, der nur noch eines will – „Raus“. Das Spielfilmdebüt von Philipp Hirsch begleitet eine Gruppe Jugendlicher auf ihrem Weg dorthin.

Doch ein von der Zivilisation unberührtes Arkadien zu finden, ein Abtauchen „Into the Wild“ ist vielleicht in den Weiten Alaskas möglich – in Deutschland aber ist das gar nicht so einfach. Das sorgt für komische Momente, als sich die drei Jungs und die beiden Mädchen auf den Weg machen. In der ersten Nacht, die sie zwischen Felsen im Freien verbringen, regnet es wie aus Kübeln. Ein Gemeinschaftsgefühl kommt erst auf, als sie sich unter einer Plane zusammendrängen. Am Morgen tut sich die Aussicht hinter den Felsen auf. Im gar nicht weiten Tal ballen sich Häuser und eine Fabrik.

Über Vergangenes soll nicht gesprochen werden

Die fünf haben sich im Internet zu dem Trip verabredet. Initiiert wurde das Abenteuer von einem ominösen Friedrich, der auf Holztafeln Hinweise hinterlässt und von einer abgelegenen Hütte spricht, weit oben in den Bergen; er verspricht ein „Zurück zur Natur“, ein ursprüngliches Leben, fern vom „Youtube“-Zynismus, der wohl nicht nur Glockes Leben prägt. Die Vergangenheit der anderen bleibt weitgehend im Dunkeln; es zählt zum Regelkatalog, über das, was hinter einem liegt, nicht zu sprechen. Den Reichsadler in Steffis Tattoo über dem Po und ihr blaues Auge nehmen dennoch alle zur Kenntnis.

Regisseur Philipp Hirsch, der gemeinsam mit Thomas Böltken auch das Drehbuch geschrieben hat, lässt seine Figuren philosophieren – aber nur ein bisschen, ebenso wie die unterschiedlichen Charaktere eher angedeutet werden. Steffi reagiert heftig und impulsiv, Judith scheint als einzige ernsthaft politisch interessiert zu sein; sie träumt von einer besseren Welt. Elias ist ein pedantischer Typ mit Hang zur Arroganz, Paule extrovertiert und sarkastisch.

Verwöhnte Wohlstandskinder in der Natur

Visuell ist „Raus“ spielerisch und ambitioniert. Nahaufnahmen und schnelle Schnitte im Stil sozialer Medien kontrastieren mit Naturimpressionen. Vorbilder sind nicht von der Hand zu weisen: Am Anfang sprechen die Jugendlichen im Wald selbst vom „Blair Witch Project“; David Hamilton steht Pate, wenn Glocke und Judith im satten Grün nackt zueinander finden und dabei ironisch weichgezeichnet werden.

Das Überleben der verwöhnten Wohlstandskinder in der Natur, eine Vertiefung der Beziehungen, eine langsame Entwicklung von Figuren und Konflikten: das würde womöglich ausreichen. Doch Regie und Drehbuch kurbeln das Geschehen dramaturgisch recht hölzern an, indem sie Abenteuer applizieren. Ein übertrieben unfreundlicher Hüttenwirt taucht auf, ebenso ein frauenfeindlicher Biker.

Im letzten Drittel wechselt der Film mit Horroranleihen so abrupt wie abwegig die Tonart – eine ikonische Szene aus „The Wicker Man“ wird neben William Goldings Roman „Herr der Fliegen“ zitiert –, um dann wieder zur Tagesordnung zurückzukehren. Diese Brüche, Ausflüge in andere Genres, wirken eher unausgegoren als durchdacht. Der Weg ist hier nicht das Ziel.

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