Drama | USA 2018 | 96 Minuten

Regie: Clint Eastwood

Ein 90-jähriger Blumenzüchter, der einst Frau und Kind verlassen hat, erliegt der Versuchung, für ein mexikanisches Kartell mit seinem klapprigen Laster Drogen über die US-amerikanische Grenze zu transportieren. Der Film erzählt schnörkellos und durchweg erheiternd die Geschichte eines Außenseiters, der im hohen Alter mit anderen Augen auf die verpassten Gelegenheiten seines Lebens zurückblickt. Die auf einer „wahren Geschichte“ beruhrende Story nimmt sich durch die Inszenierung von Clint Eastwood wie eine melancholische Reflexion über die Heldenfiguren seiner eigenen Karriere aus. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
THE MULE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Clint Eastwood
Buch
Nick Schenk
Kamera
Yves Bélanger
Musik
Arturo Sandoval
Schnitt
Joel Cox
Darsteller
Clint Eastwood (Earl Stone) · Bradley Cooper (Colin Bates) · Taissa Farmiga (Ginny) · Alison Eastwood (Iris) · Andy Garcia (Laton)
Länge
96 Minuten
Kinostart
31.01.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 14.
Genre
Drama | Kriminalfilm
Diskussion

Ein 90-jähriger Lilienzüchter erliegt der Versuchung, für ein mexikanisches Kartell Kokain in die USA zu schmuggeln, gerät dabei aber in Situationen, die ihn zwingen, über die verpassten Chancen seines Lebens nachzudenken.

Die Helden gehen in sich und reflektieren über sich und die Welt. Nach Robert Redford in „Ein Gauner & Gentleman ist es nun Clint Eastwood, der das Medium, in dem er so viel Erfolg hatte, dazu benutzt, sich selbst einen Spiegel vorzuhalten. Aus Dirty Harry ist ein Dirty Old Man geworden, ein 90-jähriger Lilienzüchter, der in einer finanziellen Notlage der Versuchung nicht widerstehen kann, für ein mexikanisches Kartell Drogen in seinem klapprigen Laster über die Grenze zu schmuggeln.

Man kann Eastwoods neuen, schnörkellos geradeaus erzählten Film als Komödie über ein Schmugglerdasein und die Schwächen des Systems betrachten, das Donald Trump derzeit ebenso naiv mit einer fünf Milliarden Dollar teuren Grenzmauer zu reparieren versucht. Einleuchtender aber erscheint die Interpretation, dass es sich hier um eines jener seltenen Alterswerke handelt, die den verpassten Gelegenheiten im Leben nachspüren.

Erst spät geht Earl ein Licht auf

Earl, so heißt Eastwoods alternder Held, hat nämlich eine Vergangenheit, die hinter der erheiternden Schmugglerstory stets gegenwärtig ist. Er hat einst seine Familie verlassen und sich seitdem weder um seine Frau noch um Tochter oder Enkel gekümmert. Unter den Blumenzüchtern ist Earl zu einer kleinen Berühmtheit geworden, die er ohne Bedauern über sein verpatztes Privatleben genüsslich ausgekostet hat. Erst als er pleite geht und er zufällig wieder mit Frau und Tochter konfrontiert wird, geht ihm so etwas wie ein Licht auf. Aber auch dann dauert es noch geraume Zeit, bis er erkennt, was ihm im Leben alles entgangen ist.

Die Versöhnung mit seiner Tochter und die Schlussszene am Sterbebett seiner Frau mögen ebenso melodramatisch wie die Treffen mit den Drogenschmugglern naiv sein; doch Clint Eastwood macht klar, warum ihn diese Geschichte zu einer Verfilmung gereizt hat. Auch er scheint seine Karriere nicht mit Revolverhelden beenden zu wollen, sondern schickt den zahllosen Dirty Harrys und Männern ohne Namen einen alten Mann hinterher, dem die Fähigkeit zuwächst, mit anderen Augen auf seine Vergangenheit zurückzublicken.

Augenzwinkernde, mitunter sogar satirische Story

Bis es so weit ist, bekommt man im Kino eine augenzwinkernde, manchmal sogar ansatzweise satirische Story zu sehen, bei der man sich gut unterhalten, manchmal aber auch ein wenig für dumm verkauft fühlt. Zum ersten Mal seit sechs Jahren tritt Eastwood nicht nur als Regisseur, sondern auch als Darsteller auf. Er spielt diesen Earl mit demselben Understatement, mit dem er einst seine schießfreudigen Helden ausgestattete. Mit Robert Redford hat er gemein, dass ein Blinzeln seiner Augen mehr auszudrücken weiß als ein ganzer Dialog. Und wenn seine Gangart so aussieht wie die von Jimmy Stewart, dann ist das nicht zufällig, sondern zieht beabsichtigte Parallelen zum Genre des auch nicht immer realitätstreuen Westerns einer glorreichen vergangenen Kinozeit. Die mexikanischen Schmuggler und Kartellbosse entsprechen den marodierenden Banditen und gewissenlosen Ranchern der Western-Epoche, wie auch die Abgesandten von Polizei und FBI den Sheriffs und Deputies jener Filme ähneln. Eastwood vergisst seine Herkunft auch dann nicht, wenn er sich über sie lustig macht.

Raue Oberfläche, gutes Herz

Wie so vieles, was heute ins Kino kommt, behauptet auch „The Mule“, auf einer wahren Geschichte zu beruhen. Sam Dolnick schrieb im Jahr 2014 für das „New York Times Magazine“ die Story eines gewissen Leo Sharp auf, eines 90-jährigen Kriminellen, der für das Sinaloa-Kartell zum unauffälligen Drogentransporteur wurde. Drehbuchautor Nick Schenk, mit dem Eastwood schon bei „Gran Torino“ zusammengearbeitet hat, machte aus Sharp den scheinbar ahnungslosen „Esel“, der Eastwood nun Gelegenheit gibt, alle seine guten und schlechten Eigenschaften auszubreiten, fast wie ein reuiger Sünder im Beichtstuhl. Man nimmt es diesem Earl alias Clint nicht übel, wenn er sich wie ein Rassist anhört oder wenn ihm die Folgen seiner Schmuggelfahrten völlig gleichgültig zu sein scheinen. Unter der rauen Oberfläche pocht ein gutes Herz, auf das man sich bei Eastwood stets verlassen kann. Das scheint ihm an Earls Story am wichtigsten gewesen zu sein.

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