Victory Day

Dokumentarfilm | Deutschland/Litauen 2018 | 94 Minuten

Regie: Sergei Loznitsa

Eine distanziert-nüchterne Beobachtung der Feier der russischen Diaspora am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park in Berlin am 9. Mai, dem Siegestag der Roten Armee über Nazi-Deutschland. Vom frühen Morgen an dokumentiert die Kamera in statisch-strengen Einstellungen das Geschehen auf dem Gelände: den Einzug von Besuchergruppen mit Blumen und Stalin-Porträts, folkloristische Prozessionen von Frauen in Trachten und deren patriotische Kriegsgesänge, Männer in sowjetischen Uniformen etc. Eine Zeremonie, die ungebrochen der Sowjet-Mythologie huldigt und die eine identitätsstiftende Kontinuität zwischen der sowjetischen Großmacht und dem heutigen Russland beschwört, wobei sich auf erschreckende Weise Geschichtsverklärung mit Geltungsbedürfnis vermischt. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DEN' POBEDY
Produktionsland
Deutschland/Litauen
Produktionsjahr
2018
Regie
Sergei Loznitsa
Buch
Sergei Loznitsa
Kamera
Jesse Mazuch · Sergei Loznitsa · Diego García
Schnitt
Danielius Kokanauskis
Länge
94 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Distanziert und nüchtern beobachtet Sergei Loznitsa eine Anlage, die zur Kulisse eines riesigen Menschenauflaufs wird: das sowjetische Ehrenmal im Treptower Park am 9. Mai, dem Siegestag der Roten Armee über Nazi-Deutschland. Die imposante Gedenkstätte ist alljährlich Schauplatz einer Feier der russischen Diaspora aus Berlin, die der sowjetischen Mythologie huldigt. Ungeachtet der Verbrechen der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg, die bis heute nicht in den russischen Erinnerungsdiskurs integriert werden: die Teilung Polens und die Ermordung seiner militärischen Elite, der Krieg gegen Finnland, die Okkupation der baltischen Staaten, massenhafte Deportation von Polen und Balten in den Gulag sowie Stalins vernichtende Politik gegenüber der eigenen Bevölkerung und Armee.

Vom frühen Morgen an dokumentiert die Kamera im statisch-strengen Einstellungen das Geschehen auf dem Gelände um den Ehrenmal: den Einzug von Besuchergruppen mit Blumen und Stalin-Porträts, folkloristische Prozessionen von Frauen in Trachten und deren patriotische Kriegsgesänge; Männer in sowjetischen Uniformen, die bei Wodka „Hurra“ skandieren, nationalistische Ansprachen halten und Selfies verschicken; gespenstisch anmutende Exerzitien von Kindern, die Schritte für eine Militärparade einüben, und den martialischen Auftritt des ultranationalistischen Rockerclubs „Nachtwölfe“ aus Moskau mit sowjetischen und russischen Fahnen, deren Wahlspruch „Wo wir sind, ist Russland“ bewusst usurpatorisch-furchteinflößend klingen soll.

In einer Atmosphäre, in der sich Geschichtsverklärung mit Geltungsbedürfnis mischt, wird nicht nur eine identitätsstiftende Kontinuität zwischen der sowjetischen Großmacht und dem heutigen Russland als ihrem Nachfolgestaat beschworen. Der skurrile Gedenkmarathon dient auch individueller Selbstaufwertung der im besiegten Deutschland gestrandeten Besucher über das imperiale Geschichtsnarrativ der alten Sowjetunion und des neuen Russlands, das in militärischer Großmannssucht und Propaganda sein Heil sucht. Ein erinnerungspolitisch befeuertes Spektakel, in dem sich mehr Gegenwart als Vergangenheit manifestiert.

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