Drama | USA 2018 | 98 Minuten

Regie: Jaron Albertin

Ein verschlossener Eigenbrötler, der auf einer Mülldeponie in Fulton County im US-Staat Georgia arbeitet, soll sich plötzlich um seinen ihm unbekannten Sohn kümmern, der zehn Jahre alt ist, 125 Kilo wiegt und kein Wort sagt. Als sich Vater und Sohn nach langen Anlaufschwierigkeiten anzunähern beginnen, meldet das Jugendamt Zweifel ab, ob der labile Mann für den Jungen ausreichend sorgen kann. Das sperrige Drama setzt auf Leerstellen und konfrontiert mit Situationen, die kein stimmiges Ende finden. Die blassen Farben und kühlen Bilder spiegeln die Gleichgültigkeit und Empathielosigkeit der Menschen, erschweren aber auch die Identifizierung mit den Figuren. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
WEIGHTLESS
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2018
Regie
Jaron Albertin
Buch
Enda Walsh
Kamera
Darren Lew
Musik
J. Ralph · Andreas Lucas
Schnitt
Eric Nagy
Darsteller
Julianne Nicholson (Janeece) · Alessandro Nivola (Joel) · Siobhan Fallon Hogan (Carol) · Marc Menchaca (Cody) · Matthew Miniero (Ryan)
Länge
98 Minuten
Kinostart
31.01.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama
Diskussion

Ein verschlossener Eigenbrötler soll sich plötzlich um seinen ihm unbekannten Sohn kümmern, der zehn Jahr alt ist, 125 Kilo wiegt und kein Wort sagt.

In der Dämmerung erfasst die Kamera einen kleinen See, im Hintergrund ist schemenhaft eine hügelige, waldbedeckte Landschaft zu erkennen. Ein Mann entsteigt dem Wasser, geht auf das Ufer zu und schlägt mit geballten Fäusten verzweifelt auf den Boden. Bis ihm die Tränen kommen.

Ein irritierender Beginn, dessen Bedeutung sich erst am Schluss erschließt und doch einen Ausblick auf das Ende erlaubt. Es ist nicht das letzte Mal, dass man als Zuschauer in Situationen geworfen wird, die mitunter isoliert dastehen und kein stimmiges Ende haben.

Zehn Jahre, 125 Kilo, sagt kein Wort

In der folgenden Szene lernt man die Hauptfigur genauer kennen: Joel, ein Mann mit seelischen Wunden, schweigsam, verschlossen, emotionslos. Der Eigenbrötler arbeitet auf einer Mülldeponie in Fulton County im US-Staat Georgia. Das Leben steht still, und Joel ist nicht willens oder in der Lage, ihm eine neue Richtung zu geben. Doch dann ein Anruf: Seine Ex-Frau ist spurlos verschwunden. Fortan muss Joel sich um den gemeinsamen Sohn Will kümmern, den er nie kennengelernt hat. Der Bub ist zehn Jahre alt, wiegt 125 Kilo und sagt kein Wort. Er geht auch nicht zur Schule, sondern hockt den ganzen Tag, von Joel lieblos allein gelassen, zuhause.

Der Nachbarstochter Carla gelingt es trotzdem, sich mit dem Jungen anzufreunden und ihn zum Sprechen zu bewegen. Mit der Zeit beginnt Joel, seine Vaterrolle anzunehmen. Allerdings hegt das Jugendamt Zweifel, ob er ausreichend für Will sorgen kann. Der mentale Zustand des Mannes sei zu labil. Ob eine Pflegefamilie nicht die bessere Lösung wäre?

Der Film macht es dem Zuschauer nicht leicht

Der Regiedebütant Jaron Albertin macht es dem Zuschauer nicht leicht. Nach seiner eigenen Kurzgeschichte, die er zusammen mit Charlotte Colbert geschrieben hat, setzt Albertin viele Leerstellen. Warum Joel wie ein Fremder durch sein Leben schleicht, wird erst spät aufgelöst; die Andeutung eines Arztes, dass er geistig labil sei, kommt recht überraschend. Irritierend ist auch die Herzlosigkeit und Lebensuntüchtigkeit, mit der er zunächst auf seinen leiblichen Sohn reagiert. Ihn nur vor den Fernseher zu setzen, anstatt ihn zur Schule zu schicken, zeugt von großer Gleichgültigkeit.

Alessandro Nivola spielt diesen Joel sehr zurückgenommen, ohne Gesten und mit unbewegtem Gesicht. So macht er es einem schwer, sich mit der Figur zu identifizieren, geschweige denn, sich um ihn zu sorgen – fast so, als würde sich die Verhärmtheit seiner Gefühle auf den Zuschauer übertragen. Joels Ex-Frau ist einfach weg, ohne dass das Drehbuch dafür Gründe benennen würde; fortan ist sie – in einer etwas zu gewollten Idee – nur noch auf Überwachungsvideos zu sehen. Will hingegen versteckt sich am liebsten, indem er sich eine braune Einkaufstüte über den Kopf stülpt. Doch die Welt lässt sich nicht auszuschließen, zumindest weiß das die kleine Carla, die mit ihrer Offenheit und Neugier ein positives Gegengewicht zu den anderen Figuren bildet. Das gilt nicht für die anderen Kinder der Nachbarschaft, die in ihrer ängstlichen Ungeduld einen unter einem Dach verborgenen Bienenkorb einfach abbrennen (und so einen Brand auslösen), anstatt zu warten, bis sich ein Erwachsener der Sache annimmt.

Blasse Farben, kühle Konturen

Die Rücksichtslosigkeit und Gleichgültigkeit der Menschen teilt sich auch in den Bildern mit. Die Farben sind blass, die Konturen kühl. Albertin und sein Kameramann Darren Lew entwerfen keine Landschaften, in denen die Menschen aufgehoben sind oder sich wohlfühlen – auch wenn sie aus der Perspektive eines Greifvogels, dessen linker Flügel im Bildausschnitt zu sehen ist, recht verführerisch aussehen. Das Schwerelose des Filmtitels hat sich da längst als bittere Ironie entlarvt.

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