Frühes Versprechen (2017)

Biopic | Frankreich 2017 | 131 Minuten

Regie: Eric Barbier

Biografischer Film über das Leben des jüdisch-russischen Schriftstellers, Diplomaten und Regisseurs Romain Gary (1914-1980), der mit seiner überprotegierenden Mutter, die in ihm ein Genie vermutete, in den 1930er-Jahren von Osteuropa nach Frankreich gelangte. Der chronologisch nach Garys romanhafter Autobiografie erzählte Film kreist um das enge Mutter-Sohn-Verhältnis und entfaltet ein abenteuerlich-aberwitziges Leben, dessen Tragik und Pathos durch Selbstironie und die Distanz des Ich-Erzählers aus dem Off angenehm relativiert wird. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA PROMESSE DE L'AUBE
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2017
Regie
Eric Barbier
Buch
Eric Barbier · Marie Eynard
Kamera
Glynn Speeckaert
Musik
Renaud Barbier
Schnitt
Jennifer Augé
Darsteller
Pierre Niney (Roman Kacew / Romain Gary) · Charlotte Gainsbourg (Nina Kacew) · Didier Bourdon (Alex Gubernatis) · Jean-Pierre Darroussin (Zaremba) · Catherine McCormack (Lesley Blanch)
Länge
131 Minuten
Kinostart
07.02.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Liebesfilm
Diskussion

Biografischer Film über das Leben des jüdisch-russischen Schriftstellers, Diplomaten und Regisseurs Romain Gary (1914-1980), der von seiner überprotegierenden Mutter in jenes Genie verwandelt wurde, das sie in ihm sehen wollte.

Sie ist eine Helikopter-Mutter, bei der man das Rattern der Rotorblätter förmlich hören kann. Zu Beginn von „Frühes Versprechen“ schält sich ihre Silhouette in einer albtraumhaft-surrealen Szene aus dem Schneetreiben in einer dunklen Gasse heraus. Ihr Sohn werde später reich und berühmt, die Frauen liegen ihm zu Füßen. Das ist der Schneiderin Nina völlig klar, auch wenn sich das im litauischen Wilna (später: Vilnius) noch nicht abzeichnet, wo sie als Jüdin und Fremde verfolgt wird. Den Pelzmantel, den sie ihm genäht hat, muss der Junge auch dann noch tragen, als er dafür ausgelacht wird.

Roman wird tatsächlich reich und berühmt und erfüllt die kühnen Fantasien seiner Mutter, wenngleich auch als Schriftsteller und nicht als Pianist; diese Karriere hatte sie zunächst für ihn vorgesehen. Maler hätte Roman selbst gut gefunden. Aber das durfte er nicht. Er solle sich doch nicht dem Wahnsinn und der Erfolglosigkeit verschreiben oder am Ende gar noch ein Ohr abschneiden wie Vincent van Gogh.

Eine schillernde Figur

„Frühes Versprechen“ beruht auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Romain Gary (1914-1980): Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur, Diplomat, eine schillernde Figur. In Frankreich ist das Buch Schullektüre; Gary hat unter verschiedenen Pseudonymen geschrieben, weshalb er auch den französischen Literaturpreis „Prix Goncourt“ zweimal gewinnen konnte; in zweiter Ehe war er mit der Schauspielerin Jean Seberg verheiratet.

Regisseur Eric Barbier folgt dem Protagonisten chronologisch und wählt eine Erzählung, die den Film rahmt: Gary und seine erste Ehefrau Lesley Blanch sind in der mexikanischen Pampa; sie liest Entwürfe zu „Frühes Versprechen“, während sie mit ihrem hypochondrischen Mann, der glaubt, von einer schweren Krankheit befallen zu sein, im Taxi ins weit entfernte Krankenhaus fährt. Roman/Romain beginnt zu berichten. Damit etabliert der Film einen allwissenden Erzähler, der das Geschehen aus der Distanz kommentiert und ironisiert – komische Momente und ein heiterer Grundton sind die Folge, was tragische Ereignisse oder Pathos relativiert, ohne zu trivialisieren. Das unterscheidet „Frühes Versprechen“ von anderen großen, nostalgischen Abenteuerfilmen, die sich bisweilen doch recht ernst nehmen.

Im Zentrum: die Mutter-Sohn-Beziehung

Im Film wie im Buch ist die enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn zentral; „Frühes Versprechen“ ist eine Hommage, eine Liebeserklärung mit Hang zur Selbstironie. In dem Moment, in dem Gary aufbricht, um sich der Résistance anzuschließen – kurz vorher war er schon fast auf dem Weg nach Berlin, um auf Geheiß seiner Mutter ein Attentat auf Adolf Hitler zu verüben – wird der Rhythmus ein wenig atemlos. Die Liebesgeschichte wandelt sich zum Abenteuerfilm, eine Sensation jagt die nächste; der Film dürfte locker eine Stunde länger und episch breiter sein.

Die Schauspieler tragen den Film: Charlotte Gainsbourg schafft als Übermutter den Balanceakt zwischen verstörend und liebevoll; der bald 30-jährige Pierre Niney beherrscht ein scheinbar unerschöpfliches Repertoire an Blicken, fängt die Selbstironie ein, ist sensibel und gleichzeitig ein Draufgänger. Ihm gelingt auch scheinbar mühelos der Anschluss an seine beiden „Vorgänger“, die ihn als Kind und Jugendlichen verkörpern.

Als biografischer Film erinnert „Frühes Versprechen“, insbesondere in seiner Aberwitzigkeit, an William Boyds fiktive Biografie „Eines Menschen Herz“, der eine ähnliche, wenn auch größere Zeitspanne umfasst. Dass nach massivem Beschuss ein blinder Kampfpilot sein Flugzeug landet, indem er den Anweisungen des schwer verletzten Schützen Gary folgt, könnte auch eine Erfindung des Drehbuchautors und Schriftstellers Boyd sein.

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