Dokumentarfilm | Deutschland 2017 | 91 Minuten

Regie: Leonhard Hollmann

Auf einer Pferdekoppel in Brandenburg behandelt eine Therapeutin Soldaten der Bundeswehr, die mit posttraumatischen Belastungsstörungen von Auslandseinsätzen zurückkehren. Der Film begleitet zwei erkrankte Soldaten und eine Soldatin bei der Pferdetherapie. Die ungewöhnliche Methode wird auch mit der schuldmedizinischen Behandlung im Bundeswehr-Krankenhaus kontrastiert. Der in seiner Perspektivierung etwas eingeschränkte Film hat seine stärksten Momente in der Annäherung von Mensch und Tier, greift mitunter aber auch auf sentimentale Gestaltungsmittel zurück. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2017
Regie
Leonhard Hollmann
Buch
Leonhard Hollmann
Kamera
Domenik Schuster · Johannes Greisle · Leonhard Hollmann
Musik
Sebastian Schmidt
Schnitt
Lena Köhler
Länge
91 Minuten
Kinostart
07.02.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Dokumentarfilm | Tierfilm
Diskussion

Dokumentarfilm über eine Therapeutin aus Brandenburg, die traumatisierte Soldaten mittels einer Pferdetherapie behandelt. Ein in seiner Perspektivierung etwas eingeschränkter Film, der sich auf individuelle Leidensgeschichten konzentriert.

Auf einer Pferdekoppel in Brandenburg soll der Bundeswehrsoldat Oliver ein Pferd führen, ohne stehen zu bleiben. Doch das Pferd Juri will nicht so, wie Oliver will. Oder andersherum: Das Pferd spiegelt ihn; weil der Mensch angespannt ist, kommt auch das Tier nicht zur Ruhe.

Pferde seien „Körpersprache-Experten“, erklärt die Therapeutin Claudia Swierczek. Als die Dorfsirene zu heulen beginnt, zuckt der Soldat kurz zusammen. „Flashbacks“ nennen sich die Momente des Wiederlebens, die sich vor allem in nächtlichen Angstträumen aufdrängen, aber auch im Alltag durch Geräusche, Bilder und Körpererinnerungen ausgelöst werden.

Pferde sind Körpersprache-Experten

Wie viele von Auslandseinsätzen zurückgekehrte Soldaten leidet auch Oliver unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. „PTBS“ wird in den Bundeswehr-Krankenhäusern mit Methoden der klassischen Schulmedizin behandelt, doch viele Soldaten sind auch danach noch immer schwer krank. In ihrer Not haben einige von ihnen den Weg zu Claudia Swierczek gefunden, die mit Pferden eine besondere Therapiemethode entwickelt hat.

Der Dokumentarist Leonhard Hollmann begleitet eine Soldatin und zwei Soldaten bei ihrem Versuch, mit Hilfe der Pferdetherapie in den Alltag zurückzufinden.

Auch Mandy, die als Sanitäterin im Kosovo war, ist traumatisiert. Sie musste zusehen, wie ein kleines Mädchen verkauft und in einen Kofferraum gesteckt wurde; intervenieren konnte und durfte sie nicht. Vor Ort hat sie zu funktionieren gelernt – „haste gemeldet, wurde erklärt, haste abgehakt“. Erst mit der Rückkehr fingen die Probleme an; bis heute hat sie mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Immerhin lernt sie durch die Therapie mit dem Erlebten zurechtzukommen.

Therapie in freier Natur

Roman, der in Afghanistan einen Menschen erschossen hat, sagt gar, dass er ohne die Pferde nicht mehr leben würde. Mitunter übernimmt der Film allzu nahtlos die Stilisierung von Swierczek als einer Art Retterfigur. Bezahlt wird die Therapie von der Bundeswehr übrigens nicht.

Die Therapie in der freien Natur wird immer wieder mit der Behandlung im Bundeswehr-Krankenhaus kontrastiert. Das Beste sei noch die Aussicht auf die Schrebergartenkolonie, meint Oliver, als er Swierczek durch die sterilen Räume führt. Schwierig sei auch, dass man sich nie auf Augenhöhe begegne; schließlich seien die Ärzte Offiziere und damit Vorgesetzte. An der Pferdetherapie schätzt Oliver vor allem die „partnerschaftliche Ebene“, das gemeinsame Arbeiten. Swierczek stellte Fragen wie: Wie geht es dir jetzt damit? Was nimmst du mit? Was macht das mit dir?

„PTBS“ wird in „Stiller Kamerad“ hauptsächlich als eine individuelle Leidensgeschichte behandelt. Auch wenn hier und da kritische Töne über den Umgang der Bundeswehr mit der Krankheit zu hören sind, fehlt eine gesellschaftliche oder politische Perspektivierung nahezu komplett.

Es fehlt eine gesellschaftliche Perspektive

Am interessantesten ist der Film, wenn die Kamera einfach nur zusieht, was zwischen Mensch und Pferd passiert. Etwa, wenn das Pferd, durch Olivers knisternde Regenjacke irritiert, die Flucht ergreift und der Soldat mit Hilfe von Fragen und Anweisungen sich schrittweise dem Pferd wieder anzunähern versucht. Doch letztlich kann der Film mit den Tieren herzlich wenig anfangen. Wann immer die Kamera das Pferd alleine in den Blick nimmt, fällt es durch die Untermalung mit sentimentaler Gitarrenmusik und den Einsatz von Drohnenaufnahmen einer Verkitschung zum Opfer. Dabei ist das, was Swierczek macht, alles andere als Ferien auf dem Ponyhof.

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