Die Blüte des Einklangs

Drama | Japan/Frankreich 2018 | 110 Minuten

Regie: Naomi Kawase

Eine Französin reist in die Wälder der Bergregion der japanischen Präfektur Nara, um eine sagenumwobene Pflanze zu finden, die nur einmal im Jahrtausend blüht. Auf ihrer Reise begegnet sie einem Eremiten, der als Beschützer der Berge in der abgelegenen Waldregion lebt. Die sakrale Bildgestaltung und der harmonische Rhythmus durchdringen ein Dasein im Einklang mit der Natur, das in der Liebesgeschichte jedoch in esoterischen Kitsch abgleitet und sich in symbolüberfrachteten Formeln eines Vergänglichkeits- und Naturpathos verliert. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
VISION
Produktionsland
Japan/Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Naomi Kawase
Buch
Naomi Kawase
Kamera
Arata Dodo
Musik
Makoto Ozone
Schnitt
Yôichi Shibuya · Naomi Kawase · François Gedigier
Darsteller
Juliette Binoche (Jeanne) · Masatoshi Nagase (Tomo) · Takanori Iwata (Rin) · Mari Natsuki (Aki) · Minami (Hana)
Länge
110 Minuten
Kinostart
14.02.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Liebesfilm
Diskussion

Eine Französin begegnet auf der Suche nach einer seltenen Pflanze in den Wäldern der japanischen Präfektur Nara einem Eremiten, der als Beschützer der Berge über die abgelegene Region wacht.

Der Einklang mit der Natur ist ein in der Filmografie von Naomi Kawase wiederkehrendes Ideal. Ob in naiven, prosaischen oder esoterisch-transzendentalen Sequenzen: Über die Natur findet Kawase zu den melodramatischen, mitunter kitschigen, aber immer von Empathie beseelten Höhen ihrer Filme.

Auch in „Die Blüte des Einklangs“ ist die Natur synonym mit den Sehnsüchten und Wünschen der Protagonisten. In den ersten Bildern des Films blickt die Französin Jeanne (Juliette Binoche) aus dem Zug auf einen Wald, der sich über eine nahe Bergkette legt. Eine Träne rinnt ihre Wange hinunter. Das ist eine Geste, die in den Naturimpressionen und der unterlegten Tonebene ihr gleichermaßen pathetisch-überhöhtes Pendant findet. Der Wald nimmt das Bild gefangen, lässt es jeden Winkel des einfallenden Sonnenlichts untersuchen, während der Wind als einziger Tonerzeuger dient.

In diesen von säuselndem Rauschen umgebenen Tableaus beginnt auch der Eremit Tomo (Masatoshi Nagase) seine tägliche Arbeit. Die mit stoischer Konzentration vollzogene Routine bringt in Verbindung mit den erhabenen Naturaufnahmen die stärksten Szenen des Films hervor. Langsam steigt die Kamera mit dem Berghüter auf, als dieser eine uralte, vom Wald fast verschluckte Felstreppe erklimmt, während sein Hund im Zickzack den gleichen Aufstieg auf Umwegen macht. Aus der schwebenden Bewegung der Kamera, dem bedächtigen Aufstieg des Mannes und dem Sprint des Hundes formt Kawase für einen kurzen Moment den natürlichen Einklang, der sonst nur als diffuse Vision herbeizitiert wird. Die fast sakrale Bildgestaltung erzeugt, verzahnt mit dem prosaischen Alltag des Berghüters, einen harmonischen Rhythmus.

Jeanne wandelt liebestrunken durch die Wälder

Diesem folgt auch Jeanne auf ihrer Reise durch Japan. Sie will ihre „Vision“ finden, eine sagenumwobene Pflanze, die exakt alle 997 Jahre blüht und dabei einzigartige Heilkräfte entfaltet. Dem meditativen Fluss der Erzählung folgend, wandelt Jeanne liebestrunken durch die Wälder, die sie schließlich direkt in die Arme von Bergwächter Tomo führen.

Ihre in diesem Moment schon vorbestimmte Liebesbeziehung stellt das emotionale Zentrum des Films dar. Auf erste Kommunikationsversuche folgt eine behutsame Annäherung beim Abendessen und, in einem plötzlichen Ausbruch der Leidenschaft, eine erste gemeinsame Nacht.

Die emotionale Entladung wird dabei vom gleichen Rhythmus aufgefangen, mit dem Kawase die Wald-, Berg und Seenlandschaft der Region immer wieder abschreitet. Eine sentimentale Unaufgeregtheit, die alsbald in esoterischen Kitsch abgleitet. Die Liebesbeziehung zwischen Tomo und Jeanne wird wie die Suche nach der geheimnisvollen Pflanze auf eine kosmologisch-surreale Symbolebene transferiert, auf der die Inszenierung jegliche Bodenhaftung verliert. Zielgerichtet steuert der Film abgedroschene Formeln eines Vergänglichkeits- und Naturpathos an.

Schwere Motive werden zu klischierten Sinnbildern verkürzt

Der heilige Wald scheint bald so von Symbolen überfrachtet wie ein Kirchensaal, den man bis unter die Decke mit Weihnachtsmarkt-Devotionalien zustellt. Viele der schweren Motive, die Kawase in die Geschichte einbaut, werden mit dem Einbrechen der symbolischen Ebene zu abgedroschenen Phrasen oder klischierten Sinnbildern verkürzt. Die Reise durch einen Tunnel drängt sich gleich mehrfach als symbolische Überfahrt vom Diesseits ins Jenseits auf. Die anfangs über kleine Gesten, wenige Worte und ein gemeinsames Abendessen erzählte Liebe zwischen Jeanne und Tomo mündet in abgehalfterte Kalendersprüche wie „Die Liebe ist so unendlich wie die Wellen eines Sees“, die Jeanne leise in den Wind flüstert.

Dort, wo Kawase den Pfad des Erzählkinos verlässt, verschwindet der so prägende Rhythmus des Films, mitsamt der inszenatorischen Konzentration hinter einem bis zur Überreife mit kitschigen Metaphern behangenem Naturgeflecht.

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