Captain Marvel (2019)

Abenteuer | USA 2019 | 124 Minuten

Regie: Anna Boden

In den 1990er-Jahren spielende Vorgeschichte der Filme um die Marvel-Comichelden, die mit Captain Marvel eine neue Protagonistin einführt. Als Kriegerin eines außerirdischen Imperiums landet die Figur, die nach einem traumatischen Ereignis an Gedächtnisverlust leidet, auf der Erde. Dort weckt sie die Aufmerksamkeit der Antiterror-Organisation S.H.I.E.L.D. und begibt sich auf die Spuren ihrer Vergangenheit, während es eine Invasion feindlicher Aliens aufzuhalten gilt. Actionreich-amüsante Ausdehnung des Marvel-Kinokosmos, die wendungsreich von der Reifung zur selbstbewussten, unabhängigen Heldin erzählt. Dabei unterhält der Film mit genüsslichen Referenzen an die 1990er-Jahre und deutet auch den gewandelten Zeitgeist in den USA an. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Anna Boden · Ryan Fleck
Buch
Anna Boden · Ryan Fleck · Geneva Robertson-Dworet · Jac Schaeffer
Kamera
Ben Davis
Musik
Pinar Toprak
Schnitt
Debbie Berman · Elliot Graham
Darsteller
Brie Larson (Carol Danvers / Captain Marvel) · Samuel L. Jackson (Nick Fury) · Jude Law (Yon-Rogg) · Annette Bening (Dr. Lawson / Mar-Vell) · Lashana Lynch (Maria Rambeau)
Länge
124 Minuten
Kinostart
07.03.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 12.
Genre
Abenteuer | Action | Fantasy | Science-Fiction

Heimkino

Verleih DVD
Walt Disney
Verleih Blu-ray
Walt Disney
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Diskussion

In den 1990er-Jahren angesiedeltes Prequel der Comicverfilmungen um die Avengers und Co., das mit Carol Danvers alias Captain Marvel die erste weibliche Titelheldin im „Marvel Cinematic Universe“ einführt.

Sie habe es nicht nötig, ihm etwas zu beweisen, erwidert Carol Danvers alias Captain Marvel (Brie Larson) in einer Schlüsselszene lässig auf die Herausforderung eines männlichen Kontrahenten, sich auf einen sportlichen Nahkampf mit ihm einzulassen – und katapultiert den Typen lässig mit einem der Energiestrahlen, die sie aus ihren Händen entfesseln kann, quer übers Gelände. Im Film markiert das die abgeschlossene Selbstfindung der Figur, von der man zuvor in Rückblenden gesehen hat, dass sie sich seit ihrer Kindheit immer wieder genau damit abgerackerte: zu beweisen, dass sie genauso hart sein kann wie die Jungs. Um Captain Marvel zu werden, muss Carol Danvers indes zunächst lernen, sie selbst zu werden – was gar nicht so einfach ist, da sie sich nach einem traumatischen Bruch in ihrer Vergangenheit, einhergehend mit einem nahezu kompletten Gedächtnisverlust, sozusagen verloren hat.

Zu Beginn des Films des Regie- und Autorengespanns Anna Boden und Ryan Fleck (Half Nelson) lernt man die Frau, aus der schließlich Captain Marvel werden wird, als 'Vers kennen, eine mit energetischen Kräften begabte Kriegerin des außerirdischen Kree-Imperiums, das Fans des Marvel Cinematic Universe bereits aus dem ersten Guardians of the Galaxy-Film und vor allem aus der Serie Agents of S.H.I.E.L.D. kennen – was bedingt, dass diese Fans von dem großen „Turning Point“, auf den der Plot von „Captain Marvel“ zusteuert, kaum überrascht sein dürften (ohne dass dies das Vergnügen auf dem ebenso actionreichen wie amüsanten Weg dorthin groß schmälern würde). Zusammen mit ihrem Mentor Yon-Rogg (Jude Law) und einem Trupp von Kree-Kämpfern gerät sie auf einem Planeten an den Rändern des Reiches in ein Scharmützel mit mehreren Skrull, einer mit den Kree verfeindeten Spezies, die als Gestaltwandler ihre Gegner trickreich zu täuschen verstehen. 'Vers gerät in deren Gefangenschaft; ihr gelingt jedoch bald die Flucht, und schließlich verschlägt es sie auf die Erde der 1990er-Jahre. Dort begibt sie sich auf die Suche nach der Wissenschaftlerin Dr. Lawson (Annette Bening), an die sie vage Erinnerungen in sich trägt und hinter der auch ihre Gegner aus irgendeinem dubiosen Grund her sind. Was sie schließlich findet, ist Aufschluss über ihre eigene, irdische Vergangenheit.

Die erste weibliche Solo-Titelfigur im „Marvel“-Kosmos

Man kann in Carols eingangs zitierter „Nothing to proof“-Haltung auch einen hintersinnigen Kommentar zu ihrer Rolle als erste weibliche Solo-Titelfigur in Marvels Kino-Universum sehen: Den Beweis, dass Frauen solch einen Helden-Job souverän stemmen können, kann sich „Captain Marvel“ tatsächlich getrost schenken – den haben andere vor ihr erbracht, von Wonder Woman der Konkurrenz DC bis hin zu Marvels TV-Serien-Heldin Jessica Jones. Es hat vergleichsweise lange gedauert, nämlich über zehn Jahre seit dem ersten Iron Man-Film, bis neben Captain America, Thor, Ant-Man und all den anderen männlichen Titelhelden des „Marvel Cinematic Universe“ mit „Captain Marvel“ nun endlich eine Frontfrau etabliert wird – obwohl mit der seit 2010 etablierten Black Widow schon lange eine würdige Kandidatin bereitsteht.

Aber immerhin haben Marvel-Chef Kevin Feige und seine Mitstreiter eine fiktionale Welt kreiert, in der starke Frauen schon längst ganz selbstverständlich mitmischen, von den „Avengers“- beziehungsweise „Guardians of the Galaxy“-Mitgliedern Black Widow, Scarlet Witch und Gamora über selbstbewusste Power-Partnerinnen wie Pepper Potts (Iron Man) und Wissenschaftlerin Jane Foster (Thor) bis zu Nebenfiguren wie S.H.I.E.L.D.-Agentin Maria Hill oder Black Panthers Leibwächterin Okoye. Nicht zu vergessen die für den Gesamteindruck nicht unwichtigen Statisten: Wenn etwa im ersten Avengers-Film eine Institution wie das World Security Council vorgestellt wird oder in Captain America: Civil War ein politisches Gipfeltreffen in Wien inszeniert wird, dann sitzen neben den mächtigen Anzugträgern immer auch mächtige Kostümträgerinnen, die unterschwellig vermitteln, dass Frauen in diesem Erzählkosmos auf Augenhöhe mit den Männern agieren.

Dass „Captain Marvel“ dieser Tendenz jetzt die Krone aufsetzt, liegt nicht nur an der charismatischen Titelfigur selbst, sondern auch daran, dass einmal mehr auch noch verschiedene andere weibliche Charaktere eingebunden werden. So erfährt die ursprüngliche „Captain Marvel“-Figur der in den späten 1960er-Jahren gestarteten Comicvorlagen in der Figur Dr. Lawsons eine schöne weibliche Umdeutung. Und anstatt Carol als emotionalen Background eine Liebesgeschichte mit auf den Weg zu geben, spielt eine liebevolle Beziehung zu einer (afroamerikanischen) besten Freundin und deren kleiner Tochter (die ebenfalls den Comic-Transformationen von „Captain Marvel“ entliehen ist) eine zentrale Rolle.

Zurück in die 1990er-Jahre

Daneben bekommen aber auch die Männer Raum zum Glänzen. Dass die Geschichte ein in den 1990er-Jahren angesiedeltes Prequel zu den „Avengers“-Filmen liefert, bietet nicht nur den Aufhänger für liebevolle Referenzen an das Jahrzehnt – wenn Carol zum Beispiel anfangs bei ihrer Landung auf der Erde in eine „Blockbuster“-Videothek kracht und es mit einem Pappaufsteller von Arnold Schwarzenegger und Jamie Lee Curtis in True Lies zu tun bekommt. Es liefert auch eine Steilvorlage, um Samuel L. Jackson alias Nick Fury, Leiter von S.H.I.E.L.D. , als sein jüngeres Selbst auf den Plan treten zu lassen – was dank computergestütztem Lifting erstaunlich gut funktioniert: Jackson bestreitet einen Gutteil des „Comic Relief“, indem er seine Figur als humorvolles Gegenstück zur Alphamännchen-Persona des älteren Fury anlegt, der weiblichen Hauptfigur erst im Weg, dann zur Seite steht und eine verblüffende Liebhaberei für Katzen offenbart. Und auch Agent Phil Coulson (Clark Gregg), der seit dem ersten „Avengers“-Film aus dem Kinouniversum von Marvel verschwunden war, in der Serie "Agents of S.H.I.E.L.D." aber zum Leading Man aufstieg, darf einen kleinen Cameo-Auftritt mit deutlich mehr Haupthaar hinlegen.

Die Verlagerung in die 1990er-Jahre bringt generell einen Tonfall wohliger Nostalgie in den Film. Das Auftauchen der Heldin auf der Erde ist für Nick Fury der noch ziemlich harmlose „erste Kontakt“ mit der Erkenntnis, im Weltall nicht alleine zu sein; der Schatten der Sorge angesichts dessen, was da draußen an potenziellen Feinden sein könnte, hat noch keine Falten in sein Gesicht gegraben. Die Figur dieses hier so offen-entspannten S.H.I.E.L.D.-Agenten, der später ein allen gegenüber misstrauischer Sicherheits-Stratege werden wird, dessen „Geheimnisse noch Geheimnisse haben“, erzählt auch vom sich wandelnden Zeitgeist in den USA vom Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Kriegs über die Zäsur von 11.9.2001 in den „War on Terror“ hinein. Der wird den Figuren des Marvel Cinematic Universe in fantastisch überhöhter Form dann demnächst in „Avengers: Endgame“ bevorstehen. Aber immerhin nun nach der Einführung von Captain Marvel mit einer Extradosis weiblicher Power.

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