Serie | Deutschland/Österreich 2018 | Minuten

Regie: Cyrill Boss

Achtteilige Serie um einen Serienmörder im österreichisch-deutschen Grenzgebiet, der sich als Krampus verkleidet und seine Taten als gesellschaftlich-politische Korrekturen verbrämt. Der technisch versierte Täter ist dem Ermittler-Duo immer eine Spur voraus. Aus diesem Hauptplot zieht die dramaturgisch geschickt konstruierte Krimi-Serie beträchtliche Spannung, behält aber auch zahlreiche Nebenstränge im Griff. Die herausragend geschriebene, inszenierte und gespielte Serie überzeugt durch winterlich-fröstelnde Bilder, eine düster-kalte Atmosphäre und eine kongeniale Musik. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
DER PASS
Produktionsland
Deutschland/Österreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Cyrill Boss · Philipp Stennert
Buch
Cyrill Boss · Philipp Stennert · Mike Majzen
Kamera
Philip Peschlow
Musik
Jacob Shea · Bleeding Fingers Music
Schnitt
Andreas Baltschun · Lucas Seeberger
Darsteller
Julia Jentsch (Ellie Stocker) · Nicholas Ofczarek (Gedeon Winter) · Hanno Koffler (Claas Wallinger) · Franz Hartwig (Gegor Ansbach) · Julian Looman (Adam Litkowski)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Serie | Thriller
Diskussion

Achtteilige Serie um einen Serienmörder im österreichisch-deutschen Grenzgebiet, der sich als Krampus verkleidet und seine Taten als gesellschaftlich-politische Korrekturen verbrämt.

Eine schönere und subtilere Liebeserklärung hat es selten gegeben. Am Ende der achten Folge, als fast alles vorbei ist, erklärt sich der abgehalfterte Kommissar Winter (Nicholas Ofczarek) seiner Kollegin Ellie Stocker (Julia Jentsch). Und zwar, indem er ihre Rolle in den zermürbenden Ermittlungen um den sogenannten „Krampuskiller“ einordnet. Winter erzählt, wie ihm aufgegangen sei, dass es im Perchtenbrauchtum neben dem Nikolaus und dem Krampus ja auch noch „das Engerl“ gebe, das einfach nur da sei und lächle. Das habe er lange für „das ärmste Würschtel“ gehalten. Tatsächlich aber sei das „Engerl“ die wichtigste Figur in dem Dreiergespann. „Ohne des tät man die anderen beiden gar ned ertragen! Verstehst?“ Dass er damit Ellie meint, er selbst der Nikolaus und der Krampus der von beiden so lange gesuchte Serienmörder ist, versteht man auch ohne, dass es explizit ausgesprochen wird.

Auf ein passives „Engerl“ lässt sich Ellie zwar nicht reduzieren, das weiß auch Winter. Die junge Kommissarin war die treibende Kraft hinter den Ermittlungen; man muss sie auch eher als „direkt“ und „zielstrebig“ denn als „lieb“ und „sanft“ charakterisieren. Winter geht es um etwas anderes: darum, dass Ellie mit ihrer Beständigkeit und humanen Haltung die Seele der Duos war, der Fels in der Brandung, der emotionale Ankerpunkt. Das ist der zutiefst berührender Abschluss ihrer Zusammenarbeit, auch weil es wohl ein Moment des Abschieds für immer ist. Und zugleich ein formvollendetes Ende für eine beeindruckende Serie.

Ein „Percht“ bestraft die Menschen für ihre Unartigkeit

Die ungleichen Ermittler treffen das erste Mal bei einer nackten, gruselig drapierten Leiche über einem verschneiten Grenzstein zwischen Österreich und Deutschland aufeinander. Bei dem Toten handelt es sich um einen bulgarischen Schlepper, der für den Tod zahlreicher Flüchtlinge verantwortlich ist. Als kurz darauf ein korrupter Manager in seinem Chalet in den Bergen hingerichtet und auf ähnliche Weise „ausgestellt“ wird, ist klar, dass ein Serienmörder sein Unwesen treibt. Und zwar einer, der sich bei seinen Taten im bergig-waldigen Grenzgebiet beim alpenländischen Brauchtum bedient. Bei der im Winter in der Alpenregion noch immer gepflegten Tradition verkleidet man sich als wilde Kreatur, als „Percht“, und zieht durch die Gegend, um die Menschen für ihre Unartigkeiten zu maßregeln.

Dieses Motiv nimmt auch der Mörder mit der Krampusmaske für sich in Anspruch. In seiner eigenen Lesart ist er nur konsequent darin, „schuldige“ Menschen zu bestrafen. Vom narzisstisch-sadistisch geprägten Weltbild des Serienmörders erfährt man schon früh; bereits in der dritten Folge der insgesamt achtteiligen Serie wird hier enthüllt, wer der gesuchte Killer ist. Seine „Zentrale“ hat er in einer abgelegenen Blockhütte im Wald eingerichtet, in der er sich als naturverbundenes Gegenbild zur oberflächlich-eitlen Moderne gefällt.

Ein Wettlauf zwischen Polizei und Täter

„Der Pass“ erzählt davon, wie der Mörder seinen Verfolgern immer wieder (knapp) entschlüpft, wie die Ermittler falschen Fährten nachgehen, etwa einen Sekten-Guru, der vom Ende der Zivilisation und der „roten Jahreszeit“ faselt und sich als „Gott des Waldes“ inszeniert. Weitere Themen werden vertieft, etwa die Verknüpfungen zwischen Politik, Polizei und Presse, der ambivalente Charakter von Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit, die Rechtlosigkeit und das Ausgeliefertsein von „illegalen“ Migranten.

Es geht auch um die Desillusionierung und mafiöse Verstrickung des Kommissars Winter sowie die zum Scheitern verurteilte Affäre zwischen Ellie und ihrem Chef Claas Wallinger (Hanno Koffler). Alle inhaltlichen Stränge behalten Buch und Regie (Cyrill Boss und Philipp Stennert) gut unter Kontrolle. Dem klugen und dramaturgisch geschickt aufgebauten Drehbuch gelingt es, aus dem Wettlauf zwischen Polizei und Täter eine enorme Spannung zu ziehen; es verliert aber auch die anderen Themen nicht aus dem Blick und erzählt diese parallel zum Hauptplot.

Die beiden Regisseure sowie der Kameramann Philip Peschlow kreiieren mit großem Stilbewusstsein und einer ausgeklügelter Farbdramaturgie starke, kinotaugliche Bilder: die farbreduzierten Aufnahmen der winterlich abweisenden Bergregion lassen regelrecht frösteln. Einen nicht geringen Anteil an diesem Effekt haben auch der raffinierte Schnitt und die dunkle Musik. Gelungen sind auch alle anderen Gewerke, das Szenenbild, die von dem Münchner Künstler Veit Kowald entworfenen Krampus-Masken, die Kostüme; insbesondere Ofczareks Dauer-Outfit aus verknittertem Anzug und schwerem Fellmantel erzählt viel über diesen derangierten, suchtkranken Ermittler, der sich eigentlich schon längst aufgegeben hatte.

Eine herausragende Produktion

Auch jenseits des Kostüms hat Ofczarek die abgründigere, interessantere Rolle; bei Julia Jentsch dauert es länger, bis sie ihrer Figur der Ellie neben der Geradlinigkeit ein paar weitere Facetten abgewinnt. Was weniger der Schauspielerin anzulasten ist, die wie das gesamte Ensemble überzeugend spielt. Die leichte „Blässe“ ihrer Figur ist so ziemlich der einzige Kritikpunkt.

Der Titel bezieht sich nicht nur auf das geografische Setting, einen Übergang über einen Gebirgszug, sondern auch auf eine Perchtengruppe, die man ebenfalls „Pass“ nennt. Inspirieren ließen sich die Macher angeblich von der skandinavischen Erfolgsserie „Die Brücke“, wie man dem Abspann entnehmen kann, doch außer den Grundzügen der polizeilichen Zusammenarbeit über Grenzen hinweg sowie den (vermeintlich) politisch-gesellschaftskritischen Motiven des Täters ist davon nicht allzu viel zu spüren. Der Alpenthriller erinnert mit seiner finsteren (Natur-)Stimmung eher an die erste Staffel der US-Serie „True Detective“, ohne allerdings an deren philosophische und atmosphärische Tiefe heranzureichen. Nichts desto trotz handelt es sich bei „Der Pass“ um eine herausragende Produktion, die einen noch lange nach dem Ende in ihrem düster-kalten Griff hat.

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