Die Hölle

Drama | Frankreich 1993 | 102 Minuten

Regie: Claude Chabrol

Grundlos steigert sich ein Hotelbesitzer in eine Eifersucht hinein, die seine Ehe zerstört und für ihn in psychotischen Schüben endet. In einem formal präzise strukturierten Konzept reflektiert Chabrol unter subtiler Einbeziehung des Zuschauers die vergebliche Suche nach einem endgültigen, sinnstiftenden "Beweis" für nicht wahrnehmbare Veränderungen. Dabei wird die dämonische Seite der "Krankheit" Eifersucht allerdings nur ungenügend ausgelotet und durch überzogene dramaturgische Mittel streckenweise gar der Lächerlichkeit preisgegeben. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
L' ENFER
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
1993
Regie
Claude Chabrol
Buch
Claude Chabrol
Kamera
Bernard Zitzermann
Musik
Matthieu Chabrol
Schnitt
Monique Fardoulis
Darsteller
Emmanuelle Béart (Nelly) · François Cluzet (Paul) · Nathalie Cardonne (Marylin) · André Wilms (Dr. Arnoux) · Marc Lavoine (Martineau)
Länge
102 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Drama

Heimkino

Die Extras umfassen u.a. drei vom Regisseur kommentierte Einzelszenen. Der Film ist nur innerhalb der DVD Box "Claude Chabrol Collection 2" zusammen mit den Filmen "Eine Frauensache" und "Madame Bovary" erschienen.

Verleih DVD
Concorde (16:9, 1.78:1, DD2.0 frz./dt.)
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Diskussion
Eigentlich haben Nelly und Paul allen Grund zur Zufriedenheit. Ihre Ehe scheint glücklich, sexuell stimmt es zwischen den beiden, Pauls Hotelbetrieb wirft langsam Gewinn ab, und der Sohn des Paares entwickelt sich prächtig. Eine Provinzidylle, wie sie im Buche steht. Doch der kettenrauchende, stets überarbeitete Paul sorgt bald für Irritationen in dieser heilen Welt. Immer häufiger nervt das Baby, Paul leidet an Schlaflosigkeit und schluckt Tabletten, während Nelly versucht, Leben und Geschäft zusammenzuhalten. Sie wird zur guten Seele des Betriebes, bis Paul sie aus heiterem Himmel mit seiner grundlosen Eifersucht konfrontiert. Kleine Augenflirts legt er als Seitensprünge aus, wenig später steigt er ihr nach, verliert jedes Vertrauen in sie und interpretiert ihre harmlosen Besuche in der Stadt nur noch als Anlaß für exzessive Schäferstündchen. Nicht nur beider Leben wird zur Hölle und der Sohn leidet unter den (Miß-) Verhältnissen, auch auf den Hotelbetrieb hat Pauls Verhalten Auswirkungen. Doch Paul ist nicht mehr zu bremsen, steigert sich in seine fixe Idee hinein und treibt Nelly nicht nur zur Verzweiflung, sondern auch in eine Situation, in der sie durchaus bereit ist, ihm wirkliche Gründe zur Eifersucht zu liefern. Eine Beziehung ist in der Sackgasse gelandet und treibt auf ihr ausgesprochen böses Ende zu.

Pauls Eifersucht schadet nicht nur dem Geschäft, sondern löst auch psychotische Schü-be aus, die Paul jede Kontrolle über sich verlieren lassen. Aus dem einst liebenden Gatten wird der prügelnde Ehemann, der seine Frau einsperrt, später sogar ans Bett fesselt. Als der Hausarzt eine Therapie für beide verordnet, eskalieren die Ereignisse. Paul gleitet in der letzten gemeisamen Nacht in den Wahn, er vermag nicht mehr zwischen der Realität und seiner Vorstellungswelt zu unterscheiden.

Im Sommer 1964 sollte diese Geschichte bereits verfilmt werden. Romy Schneider und Serge Reggiani waren für die Hauptrollen verpflichtet, als Reggiani erkrankte, sprang Jean-Louis Trintignant ein, doch dann ereilte den Regisseur Henri-Georges Clouzot ein Herzinfarkt; die Dreharbeiten wurden abgebrochen. 30 Jahre später hat sich Claude Chabrol dieses Films angenommen, aber er hat weder sich noch der eigentlich spannenden und interessanten Geschichte, noch Clouzot einen sonderlichen Gefallen getan. Seine Inszenierung entbehrt jeder Subtilität. Er traut seinen Zuschauern anscheinend nicht zu, die Zeichen richtig zu deuten. Statt kleiner Andeutungen und Fehlinterpretationen, die das Thema unbegründete Eifersucht zumindest im Anfangsstadium ausmachen, inszeniert Chabrol einen handfesten Psycho-Albtraum. In der Schlüsselszene des Films wird dies überdeutlich: Als ein Hotelgast einen Super-8-Film vorführt, auf dem u.a. Nelly zu sehen ist, flippt Paul völlig aus. Er interpretiert nicht kleine Gesten falsch, wie das unter Eifersuchtsschüben durchaus üblich ist, sondern er sieht völlig andere Bilder. Bilder, die er schon lange verinnerlicht hat, und denen er jetzt zu ihrem Recht verhilft. Die Krankheit Eifersucht wird hier durch das klassische Krankheitsbild der Psychose überlagert, und Chabrol steuert seinen - in heiteren Farben gehaltenen - Film auf ein Psychodrama ganz anderen Ausmaßes zu. Die Schauspieler wirken in diesem Szenario der überstrapazierten Gefühle ein wenig hilflos, können den ihnen abverlangten Part teilweise nur durch die Karikatur ihrer Charaktere leisten. So hüpft Emmanuelle Béart im superkurzen Sommerkleidchen bewußt unschuldig durch die Szenerie und darf die großen Augen rollen lassen, während Francois Cluzet sich in den peinlichsten Szenen wie von Sinnen gebärden darf, den Cognac gleich literweise in sich hineinschüttet und in seiner Wut eine eher lächerliche Figur abgibt. Genau dies ist die Crux des Films: Chabrol stellt kaum die dämonische Seite des Themas dar, sondern gibt es durch seine überpointierte Inszenierung weitgehend der Lächerlichkeit preis. Daß dies nicht durchgehend beabsichtigt ist, belegen indes einige Einstellungen und Kameramanöver, die "Psycho"-Qualitäten haben: der düstere Korridor in Pauls Wohnung etwa, der, während Paul vorwärtsschreitet, mit einem langsamen Zoom und einer niedrigen Brennweite aufgenommen wird. Dies ergibt einen albtraumartigen, surrealen Effekt, der dem Thema angemessen ist, doch die Geschichte einer Bedrohung - von innen wie von außen - wird nicht konsequent durchgehalten.
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