Tragikomödie | USA 2019 | 88 Minuten

Regie: Alex Lehmann

Eine Tragikomödie um einen Mann, der ein unauffälliges, gleichförmiges Leben zwischen einfachem Job und Freizeit-Ballspielen mit seinem besten und einzigen Freund führt. Nach einer Krebsdiagnose sieht er keine Chance auf Heilung mehr und macht sich mit seinem Freund auf, um ein Medikament zu besorgen, mit dem er seinem Leben ein Ende setzen kann - gegen den Widerstand des Freundes, der versucht, ihn vom finalen Schritt abzuhalten. Unaufgeregt taucht der Independent-Film in die bescheidene Existenz seiner Figuren und entwirft das Porträt einer platonischen Liebe zweier Männer, die aneinander und ihrem unspektakulären Alltag genug haben, bis der Tod droht, das Band zwischen ihnen zu zerreißen. Voller Respekt vor dem Gewöhnlichen und Unspektakulären setzt der Film ein sympathisch-humanistisches Gegengewicht zum Selbstoptimierungs-Hype. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
PADDLETON
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Alex Lehmann
Buch
Mark Duplass · Alex Lehmann
Kamera
Nathan M. Miller
Musik
Julian Wass
Schnitt
Chris Donlon
Darsteller
Mark Duplass (Michael) · Ray Romano (Andy) · Alexandra Billings (Judy) · Kadeem Hardison (David) · Marguerite Moreau (Kirsten)
Länge
88 Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Tragikomödie
Diskussion

Tragikomödie um einen Mann, der ein unauffälliges Leben zwischen einfachem Job und Ballspielen mit seinem einzigen Freund führt. Nach einer Krebsdiagnose sieht er keine Chance auf Heilung und will seinem Leben ein Ende bereiten, was sein Freund zu verhindern versucht.

Selbst das genügsamste Leben endet. Viel wollte Michael (Mark Duplass) nie: alte Kung-Fu-Filme schauen, Puzzle lösen, zum Abendessen Pizza, gerne auch aufgewärmt vom Vortag. Ab und zu „Paddleton“, ein Spiel, das er sich mit seinem Nachbarn und Freund Andy (Ray Romano) ausgedacht hat – eine Variante von Squash, nur dass man den Ball von der Wand in eine Stahltonne befördern muss. Dann erkrankt Andy an Krebs und entscheidet sich, seinem Leben mit einem legal erhältlichen Medikament ein Ende zu setzen. Natürlich begleitet Michael ihn durch seine letzten Tage.

Der Film von Alex Lehmann ist so zurückhaltend wie seine Hauptfiguren. Noch im Angesicht des Todes bleibt er meist unaufgeregt und fast schon nüchtern. Die Kamera ist nahe an den Figuren. Allzu viel Welt gibt es für sie ohnehin nicht; ihr Dasein strebt kaum zu Totalen und Panoramen. Ihr Alltag wird als sanfte Monotonie gezeigt: Szenen im Wohnzimmer, vom Paddleton-Spiel gegen die Wand eines alten Autokinos, einige Male von Andy bei der Arbeit. Keine Höhen und Tiefen, stattdessen bedächtiger Gleichmut, der einen nur vage greifbaren Schmerz aus der Vergangenheit betäubt: „Tranquillitas animi“. Die Anwesenheit des jeweils anderen genügt den beiden Einsamen.

Eine platonische Freundschaft

Vorsichtig porträtiert Lehmann eine Männerfreundschaft, die sich nicht nach außen richtet. Eine Männlichkeit, die nichts ausleben muss, die nicht anstachelt und erobert. Andy und Michael hadern mit der Welt. Im sozialen Umgang, vor allem mit Fremden, sind sie unsicher. Smalltalk ist die Hölle für sie. Von welchem Leben sollten sie auch berichten? Was wollen sie von anderen Menschen wissen? Zueinander können sie sprechen. Eine platonische Freundschaft, die doch irgendwie in die Liebe hineinreicht. Zumindest hält die extrovertierte Rezeptionistin Judy (Alexandra Billings) die beiden sofort für ein Paar. Was in vielen Komödien als verlachende „Gay panic“-Szene inszeniert würde, belegt hier eine besondere Verbindung. Weniger die einer stürmischen jungen Liebe, sondern mehr die über lange Zeit erwachsene eines alternden Ehepaars.

Mark Duplass spielt seine Figur matt und abgekämpft. Michael wirkt immer, als wäre er gerade erst aufgestanden; jedes Lächeln wird von den melancholischen braunen Augen hintergangen. Genau wie bei Andy wirkt sein Bart immer ein wenig ungepflegt. Beide bewegen den Körper, als hätten sie ihn weder ganz verstanden noch je wirklich geliebt. Alles an ihnen ist ungelenk und ein wenig eingesunken. Auch wenn die beiden Männer 20 Jahre trennen, geben sie sich gleichermaßen wie große Kinder. Das ist allerdings keine alberne Geste des Trotzes, sondern ein Schutzmechanismus. Sanft verglühend verkörpern sie das diametrale Gegenteil zu Neil Youngs Spruch „It’s better to burn out than to fade away.“

Das Gegenteil von Selbstoptimierung

„Paddleton“ wirft eine ähnliche Frage auf wie Paterson von Jim Jarmusch: Sind ein gleichförmiger Alltag und die ewige Wiederholung Beweis für ein ärmlich-gescheitertes Leben – oder können sie als Ritual und stoische Haltung geadelt werden? Liegt das Glück nur jenseits des ewig neuen Horizonts oder auch in den eigenen vier Wänden? Sind Andy und Michael defekt, verschwenden sie ihr Leben, könnten sie mehr sein?

In einer Ära unter dem Diktat der ewigen Selbstoptimierung fällt die Antwort überraschend deutlich aus: Sicher, die beiden Männer könnten mehr sein, vielleicht mehr Freunde finden, Reisen unternehmen und die Welt sehen. Vielleicht würde sie das sogar glücklicher machen. Aber es gibt keine Verpflichtung, keinen Zwang. Es liegt ein Wert in einem kleinen Glück, im Sein. Eine klare Absage an den nietzscheanischen „Übermenschen“ oder Sloterdijks „Übungsethik“, ein ruhiger Humanismus in inhumanen Zeiten.

Michael besitzt ein T-Shirt mit einem halbfertigen Galgenmännchen-Rätsel. Es lässt sich nicht lösen, wie er irgendwann feststellt. Das ärgert ihn aber nicht, im Gegenteil: Es freut ihn sogar. Sinnsuche spielt für die Protagonisten keine große Rolle.

Die Würde des Gewöhnlichen

Aus dem eigentlich trivialen Geplapper der durchschnittlich eloquenten und gebildeten Zeitgenossen lassen sich viele Sorgen und Fragen herauslesen. Beiläufig diskutieren sie über das Leben nach dem Tod und ihren Platz in der Welt, später offenbaren sich sogar zaghaft die Probleme, die Michael zu seiner halben Weltflucht veranlasst haben. Wenn am Ende des Films das Unvermeidliche kommt und zumindest ein Teil des Schutzumschlags um die Figuren wegbricht, dann wird deutlich, dass sich die Tragödie nie ganz aus dem Leben verbannen lässt. Ein rührendes Finale.

Man muss „Paddleton“ nicht unbedingt lieben. Filmisch hat das Drama wenig zu bieten, an keiner Stelle ist es innovativ oder visuell besonders ansprechen. Von großer Kunst ist es ohnehin weit entfernt. Der Film ist so mittelmäßig wie seine Protagonisten, Form und Funktion stehen in Einklang. Aber gerade das macht ihn so sympathisch. Es ist eine interessante Frage: Soll man von Kunst, Kunsthandwerk, Unterhaltung & Co. mehr erwarten als von Menschen? Kunst lässt sich, zumindest theoretisch, leichter und umfassender formen. Ein Teil von ihr entsteht aus dem Nichts oder zumindest aus der freien Fantasie. Könnte man das Durchschnittliche und Gewöhnliche im Kino wirklich so akzeptieren oder sogar lieben, wie es jenseits der Leinwand manchmal notwendig ist?

Alfred Hitchcock hat einmal gesagt, dass das Drama das Leben sei, „aus dem man die langweiligen Abschnitte herausgeschnitten“ habe. Viel hätte er von „Paddleton“ nicht übrig gelassen. Aber wenn man das Mittelmaß in der Kunst wirklich akzeptiert, dann ist der Film wohl eines der besseren Argumente dafür.

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