Helmut Berger, meine Mutter und ich

Dokumentarfilm | Deutschland/Österreich 2019 | 88 Minuten

Regie: Valesca Peters

Die Mutter der Filmemacherin Valesca Peters will dem in die Untiefen des Boulevards abgestürzten Schauspieler Helmut Berger zu einer ordentlichen Beschäftigung verhelfen. Ihre fixe Idee wird zum Ausgangspunkt eines dokumentarischen Porträts, das zwischen Beziehungsgeschichte und Sozialprogramm changiert. Trotz stilisierender Mittel wie inszenierter Szenen und von Berger gesprochener Off-Texte wird der Film von dem etwas aufdringlichen Vorhaben getragen, den „wahren“ Menschen hinter der Kunstfigur Berger ausfindig zu machen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland/Österreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Valesca Peters
Buch
Valesca Peters
Kamera
Patrick Jasim · Andreas Schiller
Musik
David Minor Bennett
Schnitt
Valesca Peters
Länge
88 Minuten
Kinostart
07.03.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentarische Annäherung an den Schauspieler Helmut Berger, dem die Mutter der Filmemacherin zu einer neuen Beschäftigung verhelfen will. Ein Versuch zwischen Beziehungsgeschichte und Sozialprogramm.

„Was man sich so alles über sich anschauen kann“, wundert sich der Schauspieler Helmut Berger, als er auf Youtube Aufnahmen von früher betrachtet. In einem Interview, das kurz nach dem Tod von Luchino Visconti entstand, Bergers Entdecker, Geliebtem, Freund und Ersatzvater, sieht man den fast unwirklich schönen Schauspieler mit nacktem Oberkörper und Zigarette in der Hand auf „langweilige Fragen“ Antworten schauspielern. Der heute 75-jährige Berger stimmt zu – „Genau!“ –, als der etwa halb so alte Berger enerviert eine intime Frage zum Verlust von Visconti zurückspielt. „Life goes on. Ich wein’ allein, aber nicht vor Dir, nicht vor der Presse. Nie. Das ist mein secret ... OK. Fuck you.“ „Richtig“, kommentiert da der alte, gebrechliche Mann, als habe ein anderer als er selbst gesprochen.

Die Frage, was echt und was gespielt ist an Helmut Berger, oder inwieweit das Gespielte das eigentlich Authentische an ihm ausmacht und wie viele Versionen von Berger es überhaupt gibt, zieht sich geradezu systemisch durch alle Betrachtungen des Schauspielers. Andreas Horvath versuchte diese Frage in dem Dokumentarfilm "Helmut Berger, Actor" (2016) mit den Mitteln der Exploitation und Konfrontation produktiv zu machen – und hat inzwischen eine Klage auf Schadensersatz am Hals: Der schamlose Mann, der vor der Kamera säuft, pöbelt und masturbiert, will Berger nicht gewesen sein. „Helmut Berger, wer ist das eigentlich?“, fragt sich auch Valesca Peters in ihrem eigenen Berger-Porträt. 

Halb filmisches, halb sozialpädagogisches Projekt

„Helmut Berger, meine Mutter und ich“ ist ein halb filmisches, halb sozialpädagogisches Projekt. Denn die Mutter der Filmemacherin Peters hat die fixe Idee, den in die hässlichen Bereiche des Boulevards abgestürzten Star zu „retten“ und als Schauspieler zu rehabilitieren: am besten mit einer ordentlichen Beschäftigung. Prompt ruft sie ihn an. So entsteht die Idee zu einem Dokumentarfilm, der auch der Anfang einer Freundschaft mit Höhen und Tiefen ist. „Du holst dir nicht den Protagonisten nach Hause, wenn du einen Film machst“, erklärt Peters machtlos, als die Mutter ihren neuen Freund Berger zu sich nach Niedersachsen einlädt. Und schon sitzt der Star aus „Die Verdammten“ und „Gewalt und Leidenschaft“ im Wohnzimmer des Bauernhauses.

Anfangs versucht sich die Filmemacherin am klassischen Interviewformat, wobei ihre Fragen mitunter die joviale Rhetorik von Talkshows reproduzieren – „Was hat der Verlust (von Visconti) mit dir gemacht? Hast du dich danach noch mal verliebt?“ Mit Bergers artigen Antworten kommt der Film aber nicht weiter. Doch auch die inszenierten Szenen und Off-Texte bringen nicht wirklich Neues hervor. Stattdessen wird das, was in der Begegnung mit der Figur Berger ohnehin latent ist, noch mal ausformuliert. „Uns eint doch alle der Wunsch, irgendwo anzukommen, oder? Und sei es am Ende bei uns selbst“, erzählt Berger einmal im altersweisen Tonfall.

Immer wieder ist Peters auf einen vermeintlichen Kern, den „echten“ Menschen aus, den es freizulegen und zu zeigen gilt – sei es mit Hilfe von Coaching-Methoden oder dem Besuch bei einem Hypnosetherapeuten. Auf einem Heimtrainer hört man Berger orakeln: „He tries to aaaproach the surface. To become reeeaaal.“

Bilder deutscher Bürgerlichkeit

Wo Horvath versuchte, Berger zu extremisieren, geht Peters in die gegensätzliche Richtung. Alles, was an Berger transgressiv, exzentrisch und so faszinierend unauthentisch ist, versucht der Film zu neutralisieren: in Bildern deutscher Bürgerlichkeit. Berger, der nette Onkel, bei Kaffee und Kuchen, am Gartentisch.

Im Laufe des Films rückt das Porträt in den Hintergrund. „Helmut Berger, meine Mutter und ich“ wird zum Beziehungsfilm zwischen Mutter und Star; die Filmemacherin irgendwo dazwischen – und zur Geschichte einer Freundschaft, die Bergers Sucht schließlich nicht aushält. Peters' Mutter, die Berger bis zu Albert Serras Volksbühnen-Produktion „Liberté“, wo er eine Rolle als greiser Adliger kurz vor der Französischen Revolution spielt, mit viel gutem Willen coacht, muss am Ende feststellen: „Der ist ja nicht, wie wir sind.“

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