Komödie | Italien 2016 | 94 Minuten

Regie: Alessandro Aronadio

Ein namenloser Philosoph erwacht mit einem nervtötenden Pfeifen im Ohr und durchlebt einen Tag voller Merkwürdigkeiten. Nach ebenso skurrilen wie irritierenden Begegnungen mit Ärzten, Vertretern der Kirche, einem Rap-Musiker, der Lebensgefährtin und seiner Mutter erkennt er schließlich, dass er sich zu sehr von der Welt und seinen Mitmenschen zurückgezogen hat. Das unorthodoxe Lehrstück über Ängste und Neurosen der Gegenwart setzt sich mit seiner matten Komik und in Schwarz-weiß dezidiert von den „typischen“ italienischen Komödien ab. Der zwischen Humor und Groteske lavierende Film will aber dezidiert nicht witzig sein, sondern tendiert zu kontrastarmer Melancholie. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ORECCHIE
Produktionsland
Italien
Produktionsjahr
2016
Regie
Alessandro Aronadio
Buch
Alessandro Aronadio · Valerio Cilio
Kamera
Francesco Di Giacomo
Musik
Santi Pulvirenti
Schnitt
Roberto Di Tanna
Darsteller
Daniele Parisi (Lui) · Silvia D'Amico (Alice) · Rocco Papaleo (Padre Giancarlo) · Pamela Villoresi (Rosanna) · Ivan Franek (Nikolaj)
Länge
94 Minuten
Kinostart
14.03.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie
Diskussion

Nervtötendes Ohrensausen begleitet einen namenlosen Philosophen durch einen Tag voller Merkwürdigkeiten. Das unorthodoxe Lehrstück über Ängste und Neurosen setzt sich mit seiner matten Komik dezidiert von den „typischen“ italienischen Komödien ab.

Es sei besser zu verbrennen als zu verschwinden, gibt ein Musiker dem trübseligen Protagonisten mit auf den Weg. „Kammus“, schiebt er hinterher und meint Albert Camus, wo doch eigentlich Kurt Cobain genannt sein will. Der Ratschlag des kiffenden Rappers wirkt maßlos deplatziert, denn sein Adressat, ein als Aushilfslehrer arbeitender namenloser Philosoph, sieht dermaßen erschöpft und geknickt aus, dass an „brennen“ nicht zu denken ist.

Sätze, Gespräche und Aktionen verzwirbeln sich

Der von Daniele Parisi gespielte Antiheld war am Morgen mit einem nervtötenden Ohrensausen erwacht. In der Komödie von Alessandro Aronadio stolpert er durch einen Tag voller Merkwürdigkeiten. Sätze, Gespräche und soziale Interaktionen verzwirbeln sich ohne Sinn und Verstand – wie Witze, denen unterwegs die Pointe abhandenkommt.

Alles beginnt mit einem Zettel an der Kühlschranktür, den seine Freundin hinterlassen hat: „Dein Freund Luigi ist tot, tut mir leid. P.S. Ich habe den Wagen genommen.“ Nur dass der Mann mit dem Pfeifen im Ohr gar keinen Freund diesen Namens hat.

Der Film reiht Situationen von ermatteter Komik aneinander. Ein Zigarre rauchender Ohrenarzt, der pedantisch auf der Bezeichnung „Otolaryngologe“ beharrt, überweist den Protagonisten an den Internisten, der zuerst Hermaphrodismus und dann gleich noch eine Schwangerschaft diagnostiziert, um schließlich in schallendes Gelächter auszubrechen. Ein Arbeitskollege bequatscht ihn mit Lebensratschlägen, dabei will er nur seine Wohnung für ein Sex-Date nutzen. Bei einem Bewerbungsgespräch bietet ihm die Redakteurin einer Pin-Up-Zeitschrift eine Kolumne unter dem Titel „Eckchen des Philosophen“ an. Später sucht er seinen ehemaligen Professor auf, der völlig absorbiert vor der Spielkonsole sitzt.

Zusammenziehen und ein Kind bekommen

Meist verlaufen sich die Situationen im Leeren; der geplagte Philosoph wirkt wie abgetrennt von Umwelt und Mensch. Erst als er erkennt, wie sehr er sich hinter seiner vermeintlichen Kompromisslosigkeit verschanzt, bricht in ihm etwas auf. Zusammenziehen und ein Kind bekommen: Was er zuvor aus Pessimismus abgelehnt hat, kann er sich plötzlich vorstellen.

Angesichts des vorherigen Schlingerkurses durch Humor und Groteske wirkt die moralische Pointe zwar etwas simpel. Doch der Film ist letztlich zu unorthodox, um als Lehrstück klassifiziert zu werden.

„Ohrensausen“ ist selten wirklich witzig und will es ganz offensichtlich auch gar nicht sein. Gedreht in strengem Schwarz-weiß und im 1:1-Bildformat, das sich erst im Laufe der Erzählung weitet, setzt sich der Film allein schon ästhetisch von den „typischen“ italienischen Komödien ab, die mit satten Farben und burleskem Humor stets etwas Üppiges, Vitalistisches ausstrahlen.

Lange Pausen, fragende Gesichter

Die Erzählweise des italienischen Regisseurs Alessandro Aronadio ist eher trocken; es gibt lange Pausen, und die Gesichter tendieren zu jener Form von Ausdrucklosigkeit, die man sonst eher aus den Filmen von Aki Kaurismäki kennt. Zu einer poetischen Verdichtung gelangen die kontrastarmen Wirklichkeitsverrückungen jedoch nie. Die Neurosen und Ängste der Figuren sind alltags- und gegenwartsnah, bleiben aber doch auch auf Distanz.

Kommentar verfassen

Kommentieren