REISS AUS - Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 125 Minuten

Regie: Lena Wendt

Ein deutsches Paar bereist zwei Jahre lang Westafrika und versucht die vielfältigen Eindrücke, die es dabei sammelt, im Anschluss in einem zweistündigen Kinofilm zu dokumentieren. Das Ergebnis ist ein schillernder, streckenweise mitreißender und bildgewaltiger Reisebericht, halb Beziehungstagebuch, halb Liebeserklärung an den afrikanischen Kontinent, der negative Klischees über Afrika gezielt entkräften will. Mitunter nimmt der Film eine sehr verklärende Perspektive ein, die insgesamt aber zu vage bleibt, um als persönlich durchzugehen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Lena Wendt · Ulrich Stirnat
Buch
Lena Wendt · Ulrich Stirnat
Kamera
Lena Wendt · Ulrich Stirnat
Musik
Helge Dube
Schnitt
Sebastian Bluhm
Länge
125 Minuten
Kinostart
14.03.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Ein deutsches Paar bereist zwei Jahre lang Westafrika und versucht die vielfältigen Eindrücke, die es dabei sammelt, im Anschluss in einem zweistündigen Kinofilm zu dokumentieren.

Der Ingenieur Ulrich Stirnat ist noch keine 30 Jahre alt, als ihm nach einem Burnout klar wird, dass er so wie bisher nicht weitermachen kann. Da trifft es sich gut, dass seine Lebenspartnerin, die Fernsehjournalistin Lena Wendt, einen Traum hat: sie will ihrem Freund Afrika zeigen, in dem sie jede freie Minute ihres Lebens verbringen möchte.

Also brechen die beiden Ende 2014 über die Straße von Gibraltar nach Marokko auf. Ihr Ziel liegt am anderen Ende des Kontinents: Südafrika. Ein halbes Jahr wollen sie sich dafür Zeit nehmen. Davon, dass es dann anders kommt als geplant, erzählt ihr Film „REISS AUS – Zwei Menschen. Zwei Jahre. Ein Traum“.

Insgesamt sind Stirnat und Wendt zwei Jahre lang in Westafrika unterwegs. Mit ihrem alten Land Rover und einem noch viel älteren Dachzelt rattern sie durch 14 Länder, kommen jedoch nie in Südafrika, dafür aber ein Stück mehr bei sich selbst an. So zumindest will es die alles andere als diskret verpackte Botschaft des Films.

Eine gewaltige dramaturgische Herausforderung

46.082 Reisekilometer und 675 Reisetage in 120 Minuten Reisefilm zu packen, stellt eine gewaltige dramaturgische Herausforderung dar; zumal, wenn man ursprünglich gar nicht die Absicht hatte, einen Kinofilm zu drehen. Da liegt es nahe, die Reisenden selbst als narratives Garn zu nehmen, aus dem der rote Faden der Filmerzählung gesponnen wird. Im Mittelpunkt stehen damit deren Erlebnisse, Begegnungen und Beobachtungen, aber auch ihre Befindlichkeiten, ihre Beziehung und ihre innere Entwicklung. In seinen besten Momenten ist „REISS AUS“ ein sehr persönlicher Film. In seinen schwächsten ein missionarisch oberflächlicher.

Wer in Gedanken mit den beiden mitreist, erlebt eine Menge Abenteuer: kleine Autopannen und gigantische Überschwemmungen in der Wüste, Korruption und Schikanen an den Grenzen. Man begegnet faszinierenden Menschen. Etwa Ziza, einem mauretanischen Musiker und Regimekritiker, der sich aus Angst vor einer Verhaftung bei einem Freund versteckt, aber trotzdem nicht aufhört, dem Präsidenten in seinen Liedern vorzuwerfen, dass er sich nicht um die Armen des Landes kümmere. Oder den Fischern im Senegal, die für einen kümmerliche Lohn jeden Tag in stundenlanger Schwerstarbeit riesige Netze an Land ziehen. Dem jungen Mädchen in der Sahara, das sagt, es würde lieber sterben als nicht zur Schule zu gehen.

Man lernt Hilfsprojekte kennen wie den Kinderhort von Mame Sy, oder Morocco Animal Aid, eine kleine Organisation, die sich ehrenamtlich um Straßenhunde und Katzen in Marokko kümmert. Man bekommt imposante Elefantenhorden zu sehen, jede Menge wilder Tiere, eindrucksvolle Landschaften, Wüsten, Steppen, Nationalparks, man erfährt aber auch, dass die Dorfbewohner am Rande der Parks es sich nicht leisten können, diese zu besuchen. Und man erlebt die Stimmungsschwankungen von Stirnat mit, der im Gegensatz zu seiner dauerfröhlichen Partnerin schnell an seine Grenzen stößt, wenn ihm die ständigen Pannen oder die distanzlosen Einheimischen immer mal wieder zu viel werden; so sehr, dass ihn die Reise zwischenzeitlich mehr erschöpft als bereichert.

Kontrakpunkte tun gut

Solche Kontrapunkte tun der Dramaturgie gut. Letztlich aber durchdringen auch diese Momente der Ernüchterung nicht die vom (alternativ)touristischen Staunen imprägnierte Oberfläche des Films. Mehrmals werfen die beiden Filmemacher in ihrem abwechselnd eingesprochenen Off-Kommentar die Frage auf, warum Stirnat sich diese ganzen Strapazen überhaupt „antut“. Die Antwort: Weil er dadurch endlich zu sich selbst findet. Was das aber heißt, bleibt unklar. Auch nach zwei Stunden gemeinsamer Leinwandreise hat man die beiden Protagonisten nur dürftig kennengelernt. Er: nach innen gekehrt, launisch. Sie: die immer lacht. Viel tiefer geht es nicht.

Weil sie so vieles zu erzählen haben, bleibt den beiden reisenden Regisseuren stets zu wenig Zeit. Ihre im Voice-over etwas holprig formulierten Weisheiten und Erkenntnisse klingen eher banal oder geraten betont augenzwinkernd: „Fazit: Ich tanze zu wenig“ – auch wenn die Bilder eine andere Sprache sprechen.

Die pauschale Begeisterung, die vor allem Wendt dem Kontinent und seinen Bewohnern entgegenbringt, ist eurozentrisch geprägt, wenn individuelle und kulturelle Unterschiede aus einer wohlmeinenden Perspektive heraus nivelliert werden. Musikalisch untermalt von traditionellen Beats und folkloristischen Rhythmen, verschwimmen die vielen Staaten und Regionen des riesigen Erdteils zu einem einzigen fiktiven „Afrika“-Land voll lachender Kindergesichter und tanzender Frauen.

Die Kehrseite der „Afrika“-Klischees

Um das Stereotyp vom Elendskontinent zu entkräften, mit dem man vor allem Hunger, Krankheit und Krieg assoziiert, kreieren die Filmemacher ein neues Klischee, wenn sie die die ihnen entgegengebrachte Gastfreundlichkeit generalisieren. Überall treffen sie die „großartigsten Menschen“, die sie dann nach einigen Wochen, Tagen oder manchmal auch nur Stunden wieder als „gute Freunde“ verlassen.

Es ist nicht so, dass Stirnat und Wendt Probleme, Konflikte und Schattenseiten grundsätzlich ausblenden würden. Stets aber sind sie bemüht, dem etwas Positives entgegenzusetzen. Ihr Bild von Afrika fällt dadurch subjektiv und einseitig aus. Immerhin aber verdeutlichen sie damit, dass dies auch für die negativen Vorstellungen gilt, mit denen Afrika in Europa meistens in Verbindung gebracht wird.

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