Drama | Ägypten 2017 | 93 Minuten

Regie: Amr Salama

Die Nachricht vom Tod Michael Jacksons löst bei einem ägyptischen Imam eine schwere persönliche Krise aus. Erinnerungen an seine Jugend in den 1990er-Jahren, als er ein glühender Fan des King of Pop war, drängen unvermittelt in seine Gegenwart. Der Film wechselt zwischen den Zeiten hin und her und scheint auch mal mehr eine Komödie, dann wieder eine Tragödie zu sein, erzählt auf diese Weise aber anschaulich von den Konflikten, Perspektiven und Lebensrealitäten des modernen Ägyptens, bei der unterschiedliche Männerbilder eine Rolle spielen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SHEIKH JACKSON
Produktionsland
Ägypten
Produktionsjahr
2017
Regie
Amr Salama
Buch
Amr Salama · Omar Khaled
Kamera
Ahmad Beshary
Musik
Hany Adel
Schnitt
Ahmed Hafez
Darsteller
Ahmad El-Fishawi (Sheikh Khaled Hani) · Maged El Kedwany (Hani, Khaleds Vater) · Ahmed Malek (Khaled als Teenager) · Amina Khalil (Aisha, Khaleds Ehefrau) · Basma (Dr. Nour, die Psychaterin)
Länge
93 Minuten
Kinostart
09.05.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie
Diskussion

Die Nachricht vom Tode Michael Jacksons löst bei einem ägyptischen Imam eine schwere persönliche Krise aus, da ihn Erinnerungen an seine Jugend in den 1990er-Jahren überfallen, als er noch ein glühender Fan des King of Pop war.

Es gibt wenige historische Momente, bei denen wir uns genau erinnern, wo wir waren, als wir von ihnen erfahren haben: beim Unfall von Lady Di an einem schönen Sommertag unterwegs zum See; auf einer Party bei Freunden, als die Nachricht vom Tod von Michael Jackson um die Welt ging. In „Scheich Jackson“ steuert der Protagonist Khaled seinen Wagen prompt gegen einen Baum.

Khaled ist Imam in Ägypten; sein Glauben an Gott scheint unerschütterlich. Die Worte, die er in der Moschee spricht, die Suren, die er rezitiert und die vermeintliche Nähe zum Allmächtigen treiben ihm Tränen in die Augen – und bewegen die Gläubigen, die seinen Predigten folgen. Khaled ist glücklich verheiratet, dreht seiner kleinen Tochter aber das Internet ab, wenn sie Videos von Beyoncé schaut: das sei die Musik des Teufels, der ihr „in ihr Ohr pieselt“.

Geplagt von bedrohlichen Albträumen

Dann aber stirbt der King of Pop. Khaled hat gerade seine Tochter zur Schule gefahren, als ihn die Nachricht erreicht. Von nun an gerät sein Leben aus den Fugen: Lange Verdrängtes aus Kindheit und Jugend bahnt sich mit Macht einen Weg. Khaled wird von bedrohlichen Albträumen geplagt, die Regisseur Amr Salama als eine Reise durch die Filme und Videoclips von Michael Jackson visualisiert: von „Moonwalker“ bis „Thriller“. Khaled sucht medizinische Hilfe und landet schließlich bei der Psychologin Nour, die ihn zu seinen Ängsten und Erinnerungen befragt.

„Scheich Jackson“ springt oft in die Vergangenheit; Khaled ist in drei Lebensaltern zu sehen: als Erwachsener, als sechsjähriger Junge und als Heranwachsender in Alexandria. Gestern und Heute halten sich in etwa die Waage, ebenso Komödie und Tragödie. Als Jugendlicher war Khaled in den 1990er-Jahren Fan von Michael Jackson, übte und imitierte den Moonwalk und verliebte sich in ein musikalisch begabtes, freisinniges Mädchen.

Ein Männerbild jenseits des Machismus

Michael Jackson war populär in Ägypten; es gab Bootlegs mit seiner Musik, die zusammen mit seiner (Kunst-)Figur Verkörperungen einer freieren, westlichen Lebensweise, aber auch eines anderen Männerbildes jenseits des Machismus waren. Khaled wird als Jugendlicher nur noch Jackson genannt und reibt sich an seinem Vater, für den der King of Pop „weder Mann noch Frau“ ist. Nach dem frühen Tod der Mutter entzieht sich der Vater der Verantwortung für den Sohn, trinkt, hat Affären und betreibt ein Fitnessstudio.

Der Vater-Sohn-Konflikt gerät mitunter recht plakativ. Der Vater wird als Antagonist eindimensional und sehr unsympathisch gezeichnet, was gar nicht nötig gewesen wäre, da Khaleds Zerrissenheit zwischen verschiedenen Vorbildern und Lebensentwürfen sowie seine Hinwendung zur Religion – nicht zum Fundamentalismus, diese Möglichkeit wird als eine in der Zukunft liegende Episode angedeutet – durchaus ausgereicht hätte.

Dass die Originalmusik von Michael Jackson zu teuer war und nicht Eingang in den Film gefunden hat, löst Salama elegant und erzählt über Bewegungen, Outfits, Frisuren und angerissene Beats. Zudem halluziniert Khaled unvermittelt Michael Jacksons Doppelgänger. Dieser sorgt für surreale Szenen – etwa mit einer Tanzszene aus „Thriller“ in der Moschee.

Ein Blick auf das moderne Ägypten

„Scheich Jackson“ wirft aus ungewohnter Perspektive einen Blick auf das moderne Ägypten, auch auf die Nachwehen des arabischen Frühlings und die Genese einer Fundamentalisierung, bei der unterschiedliche Männerbilder und am Rande auch solche von Frauen eine Rolle spielen. Im Schatten des Dokumentarfilms „Leaving Neverland“ (2019) von Dan Reed um neue Missbrauchsvorwürfe gegen Michael Jackson wird es „Scheich Jackson“ allerdings schwer haben, obwohl es gar nicht um die Person von Michael Jackson und auch nicht um dessen Kunstfigur geht, sondern um den Mythos und dessen symbolische Kraft in einer bestimmten Zeit und Gesellschaftsordnung – inklusive seiner Nachwirkungen.

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