Horror | USA 2019 | 117 Minuten

Regie: Jordan Peele

Während des Sommerurlaubs an der kalifornischen Küste trifft eine afroamerikanische Familie auf identische Doppelgänger. Die mit spitzen Scheren bewaffneten Wesen wollen sie quälen und töten. Im Kampf ums Überleben sehen sich die Familienmitglieder gezwungen, sich selbst zu jagen. Der mit den Doppelungen und Dichotomien spielende Horrorfilm kombiniert stilsicher blutige Schockmomente mit einem fast luftigen Humor. Trotz mancher emblematischer Bildfindungen schöpft der Thriller das metaphorische Potenzial seiner Ideen aber nicht aus. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
US
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Jordan Peele
Buch
Jordan Peele
Kamera
Mike Gioulakis
Musik
Michael Abels
Schnitt
Nicholas Monsour
Darsteller
Lupita Nyong'o (Adelaide Wilson / Evil Adelaide) · Winston Duke (Gabriel "Gabe" Wilson / Evil Gabe) · Evan Alex (Jason Wilson / Evil Jason) · Shahadi Wright-Joseph (Zora Wilson / Evil Zora) · Elisabeth Moss (Mrs. Tyler)
Länge
117 Minuten
Kinostart
21.03.2019
Fsk
ab 16; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Horror | Thriller

Heimkino

Verleih DVD
Universal
Verleih Blu-ray
Universal
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Diskussion

Stilistisch eigensinniger Horrorthriller um eine afroamerikanische Familie, die sich im Urlaub mit mörderischen Doppelgängern konfrontiert sieht. Trotz emblematischer Bilder schöpft der Film sein metaphorisches Potenzial nicht aus.

„Finde dich selbst“, steht in großen Lettern über einem Spiegelkabinett, von dem sich Adelaide wie magisch angezogen fühlt. An der Strandpromenade von Santa Cruz hat sich das kleine Mädchen von seinen Eltern entfernt; die Mutter musste kurz weg, der Vater ist mit einem Spiel namens „Whack-a-hole“ beschäftigt. Von den bunten Lichtern der rotierenden Fahrgeschäfte gebannt, schlappt Adelaide in ihrem neuen Michael-Jackson-„Thriller“-T-Shirt mit einem glasierten Bratapfel in der Hand über den nächtlichen Jahrmarkt.

Als sie das Kabinett betritt, ist sie allein. Es ist dunkel und unheimlich, die Spiegelbilder verwirren sie. Dann steht Adelaide plötzlich sich selbst gegenüber. Nicht als „Reflexion“ (das Lacan’sche „Ich ist ein anderer“), sondern in Fleisch und Blut. Es ist eine traumatische Erfahrung. „You try to scream/But terror takes the sound before you make it ... You close your eyes/And hope that this is just imagination“, heißt es in „Thriller“.

Innen – Außen, oben - unten

Die Filme von Jordan Peele arbeiten mit Dichotomien: oben/unten, schwarz/weiß, ich/andere/r. Produktiv werden sie jedoch erst, wenn sich die Oppositionspaare auflösen – etwa durch Aneignung und Anverwandlung. In „Get Out“ überführte der afro-amerikanische Filmemacher und Comedy-Autor („Mad TV“, „Key and Peele“) die Debatte um kulturelle Appropriation in das Genre des Slasher-Films. Eine weiße (liberale) Elite verleibte sich darin getreu der Losung „Schwarz ist das neue Weiß“ den begehrenswerten schwarzen Körper ein.

„Wir“ hingegen verzichtet zwar weitgehend auf die politischen Implikationen des Vorgängerfilms (Peele betont, es sei schlicht ein Horrorfilm mit einem schwarzen Ensemble), doch die Anklänge ans Zombie-Genre finden ihre Fortsetzung, ebenso das Doppelgänger- und Schattenmotiv. Inspiriert wurde Peele durch eine Episode der US-amerikanischen Fernsehserie „The Twilight Zone“ aus dem Jahr 1960. In der Episode „Mirror Image“ spielte Vera Miles eine Frau, die an einem Busbahnhof von ihrer Doppelgängerin heimgesucht wird.

Ein Zeitsprung ins Erwachsenenleben

Inzwischen ist Adelaide Wilson eine erwachsene Frau mit zwei Kindern und einem Pausenclown von Ehemann. Doch im Urlaub an der nordkalifornischen Küste arbeitet sich ihr Kindheitstrauma wieder nach vorne. Am Strand von Santa Cruz mehren sich verdächtige Zeichen, die sich mit Erinnerungsbildern verknüpfen. Und dann steht eines Abends plötzlich diese Familie in ihrer Auffahrt. Ihre vier Mitglieder tragen rote Overalls und haben große goldene Scheren mit spitzen Klingen. Das allein wäre nicht schlimm, sähen sie nicht komplett genauso aus wie die Wilsons. Sie sind die Wilsons – nur in einer etwas anderen Ausführung. Adelaides Doppelgängerin saugt beim Sprechen wie halb im Ersticken die Luft ein; sie ist die einzige, die sprachlich kommuniziert. Der Sohn trägt eine Maske, die sein verbranntes Gesicht verdeckt; er bewegt sich wie ein Raubtier. Überhaupt sind Gestus und Habitus der monströsen Gestalten recht zombiehaft. Die Antwort auf die Frage nach der Identität fällt allerdings realitätsnah aus: „Wir sind Amerikaner.“

Die Schattenfiguren der Wilsons, deren leicht verschrobenes Schauspiel zu den Attraktionen des Films gehört (allen voran Lupita Nyong’o als Mutter und Familienoberhaupt), wollen ihnen ans Leben. Offensichtlich kommen sie aus der Kanalisation. Schon zu Anfang des Films war von tausenden Kilometern die Rede, die die Vereinigten Staaten untertunneln. Aus diesem metaphorischen Unterbewusstsein ersteigen immer weitere Doppelgänger, die mit Scheren auf ihre „Originale“ einhacken. Bald zeigt sich: Jeder Mensch hat so ein Double. Was folgt, ist ein tödliches Gemetzel, dessen Vorgeschichte vielleicht ein wenig zu deutlich ausformuliert wird.

Horror & die „Hands Across America“-Kampagne

Peele, der die Mischverhältnisse aus Stilbewusstsein, blutigem Horror und einem fast luftigen Humor weiter verfeinert, findet in „Wir“ neben der fulminanten Eröffnungsszene zu einigen unvergesslichen Bildern. Tatsächlich entwickeln die Doppelgänger in ihren roten Overalls, die ein wenig an Paul und Peter aus Michael Hanekes „Funny Games“ erinnern, eine geradezu emblematische Kraft. Auch die Zweckentfremdung der realen „Hands Across America“-Kampagne zu Horrorzwecken gehört dazu (1986 hielten sich rund 6,5 Millionen Menschen an den Händen und formierten eine Kette durch die USA, um gegen Hunger und Armut zu protestieren). Doch das Potential der meisten Motive – die USA-Anspielungen, aber vor allem das Binnenverhältnis der Doppelgänger – bleibt weitgehend ungenutzt. Dass ausgerechnet in Zeiten, in denen die Selbstfindung als Heilsversprechen gilt, das Ich zum ärgsten Feind wird, ist allerdings ein sehr guter Witz.

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