Wintermärchen (2018)

Drama | Deutschland 2018 | 129 Minuten

Regie: Jan Bonny

Die Beziehung eines jungen Paares ist von erstickender Langeweile, Frust und der gewalttätigen Fantasie geprägt, als eine Art Untergrundorganisation „Ausländer“ abzuknallen. Doch erst als ein Dritter zu dem Duo stößt, schlägt die passive Aggressivität in blutige Aktionen um. Der schwer auszuhaltende Film wählt eine extreme Binnenperspektive auf das rätselhafte Verhalten des Trios und lässt nicht nur naheliegende Neonazi-Klischees außen vor, sondern verweigert jede Form von Entwicklungspsychologie. Anstatt sich politisch in die Pflicht nehmen zu lassen, beharrt er darauf, Gewaltbereitschaft als Normalität auszubuchstabieren.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Jan Bonny
Buch
Jan Bonny · Jan Eichberg
Kamera
Benjamin Loeb
Musik
Lucas Croon
Schnitt
Stefan Stabenow · Christoph Otto
Darsteller
Jean-Luc Bubert (Maik) · Thomas Schubert (Tommi) · Ricarda Seifried (Becky) · Judith Bohle (Susann) · Stefan Lampadius (Yves)
Länge
129 Minuten
Kinostart
21.03.2019
Fsk
ab 16; f
Genre
Drama
Diskussion

Zwei Männer und eine Frau ziehen mordend durch die Gegend und knallen „Ausländer“ ab. Der schwer erträgliche Film wählt eine extreme Binnenperspektive auf das rätselhafte Verhalten des Trios und lässt nicht nur naheliegende Neonazi-Klischees außen vor, sondern verweigert sich jeder Erklärung.

Tommi und Becky sind ein Paar und leben offenbar seit längerem im Untergrund. Manchmal veranstalten sie im Wald Schießübungen, manchmal hantieren sie dort auch mit Sprengsätzen, fahren mit dem Auto durch die Stadt und diskutieren über mögliche Ziele von Drive-by-Shootings. „Ausländer“ sollten es schon sein. Doch immer wieder findet Tommi einen guten Grund, nicht zu schießen.

Manchmal funktionieren seine mühevoll gebastelten Sprengsätze auch nicht richtig. Manchmal ist auch der Sex des Paares nicht sonderlich aufregend. Dann ist mit Händen zu greifen, wie frustrierend so ein Leben im Untergrund sein kann, so unglamourös wie funktionelle Kleidung, die die nicht sonderlich trainierten Körper des Paares mehr bedeckt als schmückt. Auch ist die provisorisch eingerichtete Wohnung viel zu eng, um nicht in Trübsinn zu verfallen oder in Aggressionen zu flüchten.

In der Beziehung hat Becky das Sagen, während Tommi zumeist wie ein geschlagener Hund durchs Bild schleicht, was Becky nur noch wütender macht. Wenn es mit dem Döneressen auch nicht klappt, bricht Becky auf offener Straße schon mal in Tränen aus. Zumeist steht Tommi dann als Opfer ihrer Aggressionen bereit.

Der Mann als Opfer einer Frau

Schon in seinem Kinodebüt „Gegenüber“ hat Regisseur Jan Bonny eine solche gewaltförmige Beziehung, in der ein Mann zum Opfer einer prügelnden Frau wird, ausbuchstabiert. Doch bevor der neue Film „Wintermärchen“ zur Wiederholung wird, kommt Maik ins Spiel und vervollständigt das Trio. Maik ist aus anderem Holz als Tommi geschnitzt. Er, der gewiss kein Intellektueller, sondern ein Macher ist, findet die von Tommi und Becky gerne vorgetragene Vorstellung, im Untergrund zu leben, viel zu pathetisch. Mit Maik, der seine eingestandenermaßen „dicken Eier“ durchaus vorzeigt, kommt eine neue Dynamik ins Spiel.

In seinen Studien zu Formen der Vergesellschaftung hat der Soziologe Georg Simmel ganze Abschnitte „dem Dritten“ gewidmet. Das Dritte kann die Spannung zwischen Gegensätzen auf die Spitze treiben und Kontinuität zwischen widerstreitenden Tendenzen etablieren. Fast könnte man sagen, dass „Wintermärchen“ zahlreiche Überlegungen Simmels „bebildert“. Dank Maik, der sich sogleich instinktiv mit Becky verbündet, kann die Gruppe Tommis Passivität überwinden und die leerlaufende Frustration endlich durch Taten aufheben, auch wenn Tommi bei den folgenden Mordanschlägen auf Supermärkte und Büros rasch an seine Grenzen stößt.

Da die Morde von den Männern begangen werden, kommt es zur Allianz zwischen ihnen, die sich auch sexuell manifestiert, was Becky dazu bringt, kurzzeitig in ihr gutbürgerliches Elternhaus zurückzukehren.

„Wintermärchen“ ist kein NSU-Film

Ein Trio – zwei Männer, eine Frau –, das „Ausländer“ mordend durch die Lande zieht, lässt zwangsläufig an den NSU denken. Aber „Wintermärchen“ ist kein Film über den NSU, eine, wie Bonny angemerkt hat, "schmutzige Fantasie". Man versteht durchaus, warum Bonny die extreme Binnenperspektive auf diese Triade gewählt hat: um wohlfeile Erklärungen für das rätselhafte Verhalten der drei zu vermeiden. Es gibt in „Wintermärchen“ nicht nur keine Neonazi-Klischees, sondern auch keine spekulative Entwicklungspsychologie. Keine Geschichte, nur die Gegenwart der Körper. Gerade die radikale Zurückhaltung des Films, seine Konzentration auf das forciertes Elend in der Interaktion und der "Action" des Trios setzt dann aber das randständige Ausrufezeichen, wenn genervt darüber lamentiert wird, dass die Öffentlichkeit vom Treiben der Drei keine Notiz nimmt oder wenn sie gemeinsam überlegen, wie die Nachwelt ihre Taten einst als Mythos heroisieren wird.

Das Dumme daran ist, dass der extrem unangenehme Film, der nur dank der bewundernswert wagemutigen Darsteller funktioniert, darüber zur zutiefst boulevardesken Anmutung verkommt. Wäre der Film eine Schlagzeile, würde die „Das Sexleben des Terror-Trios“ lauten. Unterm Strich bleibt jedoch nur eine übergroße Frustration, die in Aggression umschlägt, die sich mal nach innen, mal nach außen richtet. Wenn das Trio schließlich nicht nur wechselnden Sex, sondern auch gemeinsamen Sex hat, dann wohnt den Bildern in Reminiszenz an den alten Hippie-Slogan „The Family that lays together, stays together“ fast schon eine utopische Qualität inne.

Der Filmtitel legt nahe, den Film auch als Reaktion auf jenen mythenumkränzten „entspannten Patriotismus“ der Ganzkörper-Beflaggung beim „public viewing“ zu begreifen, der seit der Fußball-WM 2006 salonfähig geworden ist. Wobei „public viewing“ ursprünglich ja nicht nur das gemeinsame Betrachten von Sportereignissen, sondern die öffentliche Zurschaustellung von Leichen meint, was eine in diesem Zusammenhang durchaus böse Pointe wäre.

Zu leicht – oder zu schwer

Es bleibt dem Temperament des Zuschauers überlassen, inwieweit es sich „Wintermärchen“ zu leicht oder zu schwer macht. In gewisser Weise bezieht der Film eine ästhetische Gegenposition zu Christopher Roths RAF-Pop-Märchen "Baader", indem er durch extreme Nähe Distanz herzustellen versucht. Dieses Verfahren funktioniert, wenn die Stumpfheit der Akteure profiliert werden soll und dem Trio nicht einmal ein "großer" Abgang gegönnt wird. Andererseits wirken Brüche - das Trio als Teil eines größeren Netzwerks, das Reflektieren auf den Nachruhm, der Anschlag auf ein Polizeifahrzeug, die Auseinandersetzung mit Beckys Mutter - als pointierte Deutungsangebote. Fatal: eine eingeflüsterte Cover-Version des Ärzte-Songs „Schrei nach Liebe“ bestätigt am Schluss das gewählte Verfahren des „Leerstellens“ dann allerdings nachdrücklich. Die drastische Aneinanderreihung sozialpädagogischer Plattitüden, die den Songtext auszeichnen („Deine Eltern hatten niemals für dich Zeit“) und (hoffentlich) als Kritik einfachster Erklärungsmuster rechter Gewalt kenntlich machen, verfehlen das künstlerische Projekt „Wintermärchen“ komplett, wenn man die „friedlichen“ Bilder der sexuellen Triaden-Utopie nicht als Angebot einer „Lösung“ akzeptieren will. Doch gerade dann, wenn die Liedzeilen den Film verfehlen, ist der Song ein zwingender Hinweis darauf, dass der Film die Gewaltbereitschaft als Normalität erzählen, aber nich erklären will – ohne sich „politisch“ in die Pflicht zu nehmen.

Während man in Umkehrung von Truffauts Diktum hässlichen Menschen dabei zusieht, wie sie fortgesetzt hässliche Dinge tun, obwohl sie so gar keine Eigenschaften oder Konturen haben und erst recht keinen „Diskurs“ pflegen, bleibt reichlich Zeit, an andere Filme zu denken: an „Die dritte Generation“ von Rainer Werner Fassbinder, „Terror 2000“ von Christoph Schlingensief oder „Die Terroristen“ von Philip Gröning. Filme, die mehr zu bieten haben als „Wintermärchen“ – und sei es nur etwas weniger Hysterie oder eine lustige Verschwörungstheorie.

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