Scala Adieu - Von Windeln verweht

Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 83 Minuten

Regie: Douglas Wolfsperger

Das Scala in Konstanz war über Jahrzehnte ein beliebtes Programmkino in der Innenstadt. Doch irgendwann wurden die Mieten in der Innenstadt zu hoch. Inzwischen musste das Kino einer Drogeriefiliale weichen. Der in Konstanz aufgewachsene Dokumentarist Douglas Wolfsperger erzählt sehr persönlich vom letztlich vergeblichen Kampf um das Kino, lässt Filmliebhaber und Politiker zu Wort kommen und eröffnet sinnfällige Einblicke in die ökonomischen und politischen Machenschaften einer florierenden Provinz-Metropole. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Douglas Wolfsperger
Buch
Douglas Wolfsperger
Kamera
Frank Amann · Börres Weiffenbach · Matthias Schellenberg · Kai Lehmann · Douglas Wolfsperger
Musik
Michael Lauterbach
Schnitt
Katharina Schmidt
Länge
83 Minuten
Kinostart
21.03.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Persönlich gefärbter Dokumentarfilm über den (vergeblichen) Kampf um das Programmkino Scala in der Innenstadt von Konstanz, das einer Drogeriekette weichen musste.

Man sollte sich vom albernen Untertitel des Films nicht abschrecken lassen. So etwas denkt man sich vielleicht abends nach ein paar Gläsern Wein aus, verwirft es am nächsten Morgen aber wieder. Der Dokumentarist Douglas Wolfsperger hat das erstaunlicherweise nicht getan, was vielleicht damit zu tun hat, dass der Film von einem traditionsreichen Programmkino in Konstanz handelt, das einem Drogeriemarkt weichen musste.

Wolfsberger ist in der Stadt aufgewachsen und hat im Scala, so der Name des Filmtheaters, seine ersten Kinoerfahrungen gemacht, erst Winnetou und später die deutschen Autorenfilmer gesehen. Seine Dokumentation über das Ende des Kinos ist sehr persönlich gehalten, der Regisseur erscheint immer wieder im Bild und stellt Menschen vor, die das Scala geliebt haben. Eine cinéphile Krankenschwester, die täglich dort war, einen Rentner, der mit dem Rad aus der nahen Schweiz anreiste und die Filme von Woody Allen mag, sowie die Schauspielerin Eva Mattes, die das Scala lieben lernte, als sie in Konstanz als Kommissarin in den Bodensee-„Tatorten“ vor der Kamera stand.

Eine Folge des Schweizer Konsum-Tourismus

Und dann ist da auch noch der Oberbürgermeister, der seine Stadt für den lebenswertesten Ort auf der ganzen Welt hält. Wenn auch nicht unbedingt samstags. Denn dann fallen seit ein paar Jahren die Schweizer zu Tausenden in Konstanz ein, um ihre Einkäufe zu tätigen, weil Deutschland durch die Differenz des Wechselkurses zwischen Euro und Franken für sie ein Billigland ist. In Folge des Konsum-Tourismus sind in der Innenstadt die Ladenmieten explodiert; das ist der Grund, warum schließlich auch das Scala weichen muss.

Bis Wolfsperger bei seiner Langzeitbeobachtung zu den prosaischen Hintergründen der Schließung und ihren Akteuren vordringt, dauert es geraume Zeit. Während der CDU-Bürgermeister, der in jungen Jahren ein kritisches Buch über den Raubtierkapitalismus geschrieben hat, betont, dass der neue Drogeriemarkt zur Belebung der City beitragen werde, will sich der langjährige Scala-Betreiber vor der Kamera nicht äußern. Vermutlich, weil er in der Nähe noch ein Multiplex-Kino betreibt und mit einem Investor einen dubiosen Vertrag ausgehandelt hat. Auf der anderen Seite stehen die Mitglieder einer vom Theater-Intendanten gegründeten Bürgerinitiative, die das Scala mit allerlei Aktionen zu retten versuchen.

Kinos haben keine politische Looby

So eröffnet der Dokumentarfilm in sinnfälligen Einstellungen einen oft mit launigen Kommentaren und kontrastierender Musik versehenen Einblick in die politischen und ökonomischen Geschicke einer florierenden Provinzstadt. Wobei der Konflikt über Konstanz hinausweist. In Deutschland sind Filmkunsttheater Wirtschaftsbetriebe und haben im Gegensatz zu Theatern und Museen keine politische Lobby.

Mit „Bellaria – So lange wir leben“ hat Douglas Wolfsperger schon einmal einen Film über das Aus eines Kinos in Wien gedreht. „Scala“ endet mit der Eröffnung der Drogeriefiliale und ist ein weiterer melancholischer Abgesang auf ein verlorenes Stück Kinokultur.

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