Abenteuer | USA 2019 | 112 Minuten

Regie: Tim Burton

Die Hoffnungen eines Zirkusdirektors, mit einem Elefantenbaby sein Unternehmen vor dem Ruin zu retten, gehen nicht auf, weil das Tier mit übergroßen Ohren zum Gespött der Menschen wird. Erst als die Kinder eines Artisten erkennen, dass der Vierbeiner fliegen kann, avanciert er zum Star und weckt Begehrlichkeiten eines Konkurrenten. Mit großem Aufwand realisierte Neuverfilmung des Trickfilmklassikers aus dem Jahr 1941, die in einer Mischung aus Realfilm und Computeranimation einen nahezu naturalistischen Blick auf die in der Depressionszeit nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelte Geschichte wirft. Erst in der zweiten Hälfte entwickelt sich in Ansätzen jener Zauber, der das Original zum zeitlosen Klassiker werden ließ. - Ab 10.

Filmdaten

Originaltitel
DUMBO
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Tim Burton
Buch
Ehren Kruger
Kamera
Ben Davis
Musik
Danny Elfman
Schnitt
Chris Lebenzon
Darsteller
Colin Farrell (Holt Farrier) · Michael Keaton (V. A. Vandevere) · Danny DeVito (Max Medici) · Eva Green (Colette Marchant) · Alan Arkin (J. Griffin Remington)
Länge
112 Minuten
Kinostart
28.03.2019
Fsk
ab 6; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 10.
Genre
Abenteuer | Familienfilm | Fantasy
Diskussion

Mit großem Aufwand realisierte Neuverfilmung des Disney-Trickfilmklassikers (1941) um einen Elefanten mit überdimensionierten Ohren. In einer Mischung aus Realfilm und Computeranimation wirft der Film einen nahezu naturalistischen Blick auf die in der Depressionszeit nach dem Ersten Weltkrieg angesiedelte Geschichte.

Wenn ein Regisseur gezeigt hat, was in einem Film „magisch“ sein kann, dann ist das Tim Burton. Dem inzwischen 60-jährigen kalifornischen Filmemacher ist es zusammen mit dem Filmkomponisten Danny Elfman immer wieder gelungen, den erwachsenen, rationalen Blick auf die Dinge mit kindlichem Staunen zu versöhnen: in der derben Fantastik von „Beetlejuice“ (1988), in der verklärten Vorstadtidylle von „Edward mit den Scherenhänden“ (1990) oder dem überbordenden Kampf der Feiertage in „Nightmare before Christmas“ (1993). Selbst wenn Elfman einmal nicht seinen akustischen Feenstaub über der Leinwand versprühte wie in der schwarz-weißen Trashwelt von „Ed Wood“ (Musik von Howard Shore) oder beim blutroten Slasher-Musical „Sweeney Todd (Musik: Stephen Sondheim), brachte Burton die Leinwand zum Glühen.

Wer also wäre prädestinierter als Tim Burton, um eine der traumhaftesten Trickfilmfabeln der Filmgeschichte erneut zu verfilmen? Die Geschichte vom kleinen Dumbo gehört eigentlich zu den tragischsten Stoffen, die Disney je für einen Kinderfilm adaptiert hat. Auch das scheint für den kreativen Geist von Burton gerade richtig, der die grausam-ernsten Momente in der Welt des Märchens stets besonders schätzte. Nichts liegt Burton ferner, als das Publikum mit Honig zu betäuben. Er will es vielmehr im Wechsel von Bitterkeit und Süße berauschen. Burton ist eher Grand Guignol als Komödiant. Von daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass er diese Hässliche-Entlein-Variation sogar noch um eine handfeste Kapitalismuskritik ergänzt.

Das Land sehnt sich nach Zerstreuung

Ort der Handlung sind die USA kurz nach dem ersten Weltkrieg. Eine Welt, die nach Zerstreuung dürstet. In ihr hat sich der Familienzirkus von Max Medici zu bescheidener Größe entwickelt. Die Truppe tingelt durch die Lande, um mit Akrobatik und Tierdressur die Gedanken der Menschen zu zerstreuen. Doch der Betrieb hat unter den Umständen gelitten. Der einstige Star Holt Farrier ist verstümmelt aus dem Krieg zurückgekehrt, mit nur einem Arm und innerlich zerbrochen. Doch irgendwie muss es weitergehen. Medici hat vorgesorgt und von seinen letzten Ersparnissen eine schwangere Elefantendame erworben. Zusammen mit ihren Neugeborenen und Farrier soll das Tier für neuen Aufwind sorgen. Doch als sich der kleine Pummel aus dem Baum seiner Mutter schält, ist das Entsetzen groß. Das Baby ist viel zu klein, hat aber riesige Ohren! Das verschüchterte Tier ist höchstens als Clown-Ersatz zu gebrauchen. Verspottet, getriezt und von der verzweifelten Mutter getrennt, muss der kleine Elefant nun um jeden Preis „funktionieren“.

Hier beginnt sich das Drehbuch der zweistündigen Neuverfilmung signifikant von der sechzigminütigen Trickfilmvorlage „Dumbo, der fliegende Elefant“ zu lösen. Denn nicht ein kleiner Mäuserich wird zum wichtigsten Begleiter des Elefanten, sondern Farriers halbverwaiste Kinder Milly und Joe. Sie wissen, was es bedeutet, allein und ohne Eltern überleben zu müssen. Sie besitzen das Einfühlungsvermögen, um den Ausgestoßenen zu mögen, und sie erkennen, dass der kleine Racker ein besonderes Geheimnis in sich trägt.

Mehr Action, mehr Abenteuer

Im Original startet Dumbo erst in den letzten fünf Minuten in die Lüfte und eröffnet damit die Aussicht, dass die Melange aus Ablehnung und Schinderei ein Ende hat und dem Tier eine glücklichere Zukunft winkt. Soweit darf es der Drehbuchautor Ehren Kruger in der Realverfilmung nicht treiben. Die tragische Geschichte verlangt nach Verdichtung, nach Action und Abenteuer. Deshalb kommt der herzlose Zirkusmogul V.A. Vandevere ins Spiel. Der hat Wind davon bekommen, dass sich in der Provinz eine Sensation anbahnt, weil sich ein als Clown verkleideter Mini-Elefant mittels seiner übergroßen Ohren in die Lüfte erhebt. Wie und warum, weiß keiner. Deshalb begibt sich Vandevere mit großer Entourage aufs Land, um Max Medici ein Angebot zu unterbreiten, dass er nicht ablehnen kann.

Was als „freundliche Übernahme“ beginnt, entpuppt sich als knallharte Abwicklung eines Familienbetriebs. Max Medici wird in die Verwaltung von Vandeveres megalomanen Vergnügungsparks „Dreamland“ weggelobt, die restliche Belegschaft wider alle Versprechungen hinausgeworfen. Es geht ausschließlich um Dumbo. Der soll fliegen. Dafür soll Vandeveres herzige Geliebte Colette Marchant sorgen, die glamouröse, erfolgsverwöhnte Trapezkünstlerin. Doch es werden auch Holt und seine Kinder gebraucht, weil der kleine Dumbo nur ihnen vertraut. In der auf Profit getrimmten Überwältigungsmaschinerie des V.A. Vandevere fehlt aber noch etwas Wesentliches: nämlich die Liebe einer Mutter!

Auf Tim Burton und Danny Elfman ist Verlass

„Dumbo“ kommt schwer in Gang. Zu viel muss etabliert und erzählt werden. Zu viel Technik und Düsternis beschwert die Geschichte, die zwar in einer realen Welt verortet ist, aber zugleich dem monochrom-unwirklichen Zwielicht des Steampunk-Genres und der zeitgenössischen Gesellschaftsdepression verhaftet erscheint. Es braucht Zeit und viel Aufwand, bis der kleine Elefantenjunge die Herzen von Milly und Joe und die des Publikums erobert. Auch inszenatorisch überwiegt zunächst Kälte, weil die vielen Musicalnummern und witzigen Kabinettstückchen fehlen, die das Original aus dem Jahr 1941 von der ersten Minute an beseelen. Der neue „Dumbo“ scheint erwachsen zu sein, mehr Drama als Märchen, und das nicht nur, weil die Tiere 2019 nicht mehr sprechen. Der Kampf innerhalb der „Unterhaltung“-Sparte, die der Film so spannend wie rasant thematisiert, droht die Magie des Stoffes zu erdrücken.

Doch glücklicherweise gibt es die wunderbare Fantasie von Tim Burton, die emphatische Musik des Danny Elfman und den herzerweichend animierten kleinen Elefanten, die im letzten Drittel doch noch für Hochgefühle sorgen. „Dumbo“ ist erwachsen geworden; als „Realfilm“ wirken einige Passagen fesselnder und aufwühlender als in der Animation. Daher sollten sich empfindsamere Gemüter aus der jüngeren Zuschauerschaft nicht unbegleitet auf das Abenteuer einlassen. Auch wenn es dem Team Burton/Elfman am Ende doch gelingt, all den hässlichen Fratzen etwas Magisches entgegenzusetzen, das Staunen macht. Und man darf gewiss sein, dass die Liebe auch hier nicht nur als Trostpflaster fungiert.

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