Komödie | USA/Großbritannien/Schweiz/Frankreich 2019 | 95 Minuten

Regie: Harmony Korine

Ein nicht mehr junger Dichter kifft sich in den sonnigen Florida Keys durchs Leben. Mehr als Sonne und Strand, Gras und Sex braucht er nicht für sein Glück. Der selig vor sich hinschaukelnde, zugleich aber auch hypervulgäre Film entwirft ein candyfarben-regressives Porträt eines schillernden Lebenskünstlers, der ohne Eifer, Fleiß oder Produktivitätsdruck im Augenblick verweilt, was eine gewisse Distanz zu seiner Umwelt miteinschließt. Die emphatischen, schön anzusehenden Beobachtungen kommen ohne dramaturgische Verdichtungen aus, lassen hinter der improvisiert erscheinenden Inszenierung aber doch viel Ambition erkennen.

Filmdaten

Originaltitel
BEACH BUM
Produktionsland
USA/Großbritannien/Schweiz/Frankreich
Produktionsjahr
2019
Regie
Harmony Korine
Buch
Harmony Korine
Kamera
Benoît Debie
Musik
John Debney
Schnitt
Douglas Crise
Darsteller
Matthew McConaughey (Moondog) · Isla Fisher (Minnie, Moondogs Frau) · Snoop Dogg (Lingerie) · Zac Efron (Flicker) · Jonah Hill (Lewis)
Länge
95 Minuten
Kinostart
28.03.2019
Fsk
ab 16; f
Genre
Komödie

Heimkino

Verleih DVD
Constantin
Verleih Blu-ray
Constantin
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Diskussion

Hypervulgäres Porträt eines nicht mehr jungen Lebenskünstlers, der an der Küste Floridas kiffend durchs Leben schaukelt. Mehr als Sonne und Strand, Gras und Sex braucht der regressive Poet scheinbar nicht zum Leben.

Über Moondog heißt es einmal, er habe Windeln getragen, bis er acht Jahre alt war. Man kann sich das lebhaft vorstellen. Wie sich der kleine Moondog in den gepolsterten Höschen, die sich bisweilen mit warmem Inhalt füllten, gut aufgehoben fühlte.

Auch rund 30 Jahre später erinnert der durch die sonnigen Florida Keys stolpernde Kiffer (Matthew McConaughey) noch immer an ein fröhlich glucksendes Kleinkind. Nicht nur durch seine wiederholten Stürze auf den Boden, eine Art Torkeln und Purzeln, das gleichermaßen komisch wie seltsam anmutig wirkt; der Schauspieler bewegt seinen Körper dabei so elastisch, als sei er aus Gummi.

Zwischen Topfschlagen und Reiterspiel

Auch das sexuelle Leben des „Poeten“ hat bei allem Ausschuss von Testosteron stets etwas Kindlich-Regressives. „I’m a bottom-feeder, baby“, erklärt er seiner Frau, bevor er tief in ihrem Schoss versinkt; als er in einem Burger-Laden eine andere von hinten nimmt, haut er dabei beschwingt mit einem Pfannenwender auf ihr Hinterteil, was ein bisschen wie eine Mischung aus Topfschlagen und Reitspiel aussieht.

Doch vor allem hat sich der nicht mehr junge Lebenskünstler eine naive Glückseligkeit bewahrt, die ganz der Gegenwart verhaftet ist. Die etwas abgedroschen klingende Philosophie des „Leben im Moment“ findet in dem von der Sonne gegerbten Mann mit der gebleichten Mähne und den bunten, halb offen stehenden Hawaii-Hemden eine glaubhafte Verkörperung.

Nach seinem dunkel-hynotischen Girlstrip „Spring Breakers“ (2012) entwirft Regisseur Harmony Korine sieben Jahre später eine candyfarbene Sonnenseite mit einem männlichen Protagonisten. Auch in „Beach Bum“ arbeitet der Filmemacher mit einer flachen, fluiden Dramaturgie, die in alle Richtungen fließt. Die Erzählung folgt dem stets bekifften, immer bestens gelaunten Moondog von Boot zu Bar zu Strand zu Bar zu Strand zu Boot. Meist passiert wenig. Einmal findet er ein kleines weißes Kätzchen, ein anderes Mal wirft er einen Mann aus seinem Rollstuhl. Er hat Sex, raucht Joints, trifft Freunde oder trägt ein paar Verse vor – das alles irgendwann auch in Frauenkleidern (Morgenmäntel mit Flokati, geblümte Badeanzüge). Manchmal sieht man Moondog auch schreiben, meist mit gespreizten Beinen, eine alte Schreibmaschine im Schritt, irre lachend, trunken vor Schreib- und sonstigem Glück. Ein Buch wird eher nicht daraus.

Ein selig schaukelnder, hypervulgärer Film

„Beach Bum“ ist ein selig vor sich hinschaukelnder Film, der oft aber auch etwas gleichgültig an einem vorbeisegelt. Die Immersion von „Spring Breakers“ weicht hier einer empathischen Beobachtung ohne Verdichtungspunkte. Weder lässt sich Moondog von festlichen Anlässen wie der Hochzeit seiner Tochter noch von tragischen Ereignissen, etwa dem tödlichen Unfall seiner Frau, aus dem Flow bringen. Der Film tut es auch nicht.

Bei aller Hypervulgarität ist das alles schön anzusehen. Die 35mm-Bilder von Benoît Debie, der schon „Spring Breakers“ fotografierte und als Kameramann auch für Gaspar Noé arbeitet, haben softe, fast flauschige Texturen; die Farben – Aquablau, Apfelgrün, Pink, Sonnengelb, Fuchsia, Türkis – strahlen die Künstlichkeit von Airbrush-Malereien aus.

Korine liebt seinen Moondog. Er betrachtet ihn ohne Vorurteile – und ohne moralisches Korrektiv. Allein Moondogs Umfeld versucht, den Abstürzenden sanft auf einen etwas „geraderen“ Weg zu bringen, einen professionellen Ehrgeiz in ihm zu wecken; schließlich steht er im Ruf, ein poetisches Genie zu sein oder gar mehr – „er ist von einer anderen Dimension“. So erklärt seine Frau testamentarisch, dass er nur erbe, wenn er innerhalb eines Jahres sein seit Jahren geplantes Buch vollende, während seine Tochter ihn in die Entzugsklinik schickt. Auch ein von Jonah Hill gespielter Literaturagent taucht auf.

Zu viel Ambition

Moondog ist eine anachronistische Figur, ohne Eifer, Fleiß und Produktivitätsdruck. Sonne und Meer, Strand und Boote, Gras und Drinks und Sex: Mehr braucht er nicht für sein Glück. Nicht mal als Protestfigur lässt er sich in den Dienst nehmen, denn Widerstand ist ihm ebenso fremd wie Tragik.

Mit diesen Voraussetzungen hätte „Beach Bum“ ein schön anarchischer Film werden können. Doch hinter der oft improvisiert wirkenden Inszenierung blitzt doch allzu oft Ambition auf. Korine hatte ein stattliches Budget zur Verfügung, mehr als in den vorherigen Projekten; die „production values“ wirken mitunter so ausgestellt wie das Virtuosentum von Matthew McConaughey.

Wenn dieser Film eines sicherlich nicht ist, dann das: ein „Bum“.

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