Monsieur Claude 2

Komödie | Frankreich 2018 | 99 Minuten

Regie: Philippe de Chauveron

Fortsetzung der französischen Erfolgskomödie um ein gutbürgerliches Ehepaar, dessen vier Töchter allesamt Männer aus anderen Kulturkreisen geheiratet haben. Als diese aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen ans Auswandern denken, wollen ihnen die Alten das Land und seine Kultur wieder schmackhaft machen. Die holzschnittartige Boulevardkomödie wirbt für Toleranz und die Überwindung ethnischer Grenzen, verfestigt diese aber gerade durch die Reduktion individueller Vielfalt auf Klischees und Schablonen. Unterhalb der oberflächlichen Story scheint ein eher konservatives Gesellschaftsbild als rückwärtsgewandte Utopie patriotischer Versöhnung auf. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
QU'EST-CE QU'ON A ENCORE FAIT AU BON DIEU?
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Philippe de Chauveron
Buch
Philippe de Chauveron · Guy Laurent
Kamera
Stéphane Le Parc
Schnitt
Alice Plantin
Darsteller
Christian Clavier (Claude Verneuil) · Chantal Lauby (Marie Verneuil) · Ary Abittan (David Benichou) · Medi Sadoun (Rachid Benassem) · Frédéric Chau (Chao Ling)
Länge
99 Minuten
Kinostart
04.04.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Komödie
Diskussion

Fortsetzung der französischen Erfolgskomödie, in der das gutbürgerliche Ehepaar ihren ans Auswandern denkenden Schwiegersöhnen das Land und seine Kultur wieder schmackhaft machen will.

„Was haben wir dem Herrgott nur getan?“, lautet der französische Originaltitel von „Monsieur Claude und seine Töchter“, der im Jahr 2014 selbst in Deutschland über 4 Millionen Menschen ins Kino lockte; in Frankreich waren es 12 Millionen! Diese offen humoristisch gemeinte Frage stellte sich ein katholisch-konservatives, sehr bürgerliches Paar kurz vor der Rente, das begreifen muss, dass seine vier Töchter allesamt Franzosen aus nichtkatholischen oder migranten Familien heiraten werden, einen Afrikaner, einen Chinesen, einen Muslim und einen Juden.

Seit der Premiere des Films gab es in Frankreich mehr als einmal gute Gründe, die Titelfrage ernsthaft zu stellen. Nach den Massakern in der „Charlie Hebdo“-Redaktion oder vom 13. November 2015, aber auch nach „kleineren“ Terrorakten verlangte es Mut und Zivilcourage, öffentliche Witze über Terror, über Moslems und Burka-Trägerinnen zu machen. Genau dies geschieht auch in „Monsieur Claude 2“: Ohne Furcht rührt der Film an Verdrängtes.

Vermeintlich unpolitischer Unterhaltungsfilm

Regisseur Philippe de Chauveron verpflichtete erneut die Schauspieler des ersten Teils und erzählt die Story einfach weiter, als hätte sich nicht alles verändert. Genau das ist die Botschaft dieses vermeintlich unpolitischen Unterhaltungsfilms: „Wir bleiben dieselben; wir stehen zu uns.“ Oder wie es im Film heißt: „Vive la France!“, einem Beharren auf dem Unveränderlichen, den klassischen Werten und Traditionen des „France profonde“, des „tiefen“ Frankreichs, das von den Zumutungen der Moderne noch unberührt und geschützt ist.

Oder eben doch nicht. Denn auch das „Vive la France!“ ist hier ein Lacher.

„Monsieur Claude 2“ setzt ein paar Jahre nach dem Ende des ersten Teils ein. Der traditionsbewusste Opa Claude und seine Frau Marie ergehen sich in einem luxuriösen Rentnerdasein, während die jüngere Generation der Töchter und vor allem die Schwiegersöhne unter der Wirtschaftskrise leiden. Präzise, wenn auch nicht übermäßig lustig skizziert der Film den sozialen Wandel. In Claudes Provinzheimat Semur macht die letzte Fabrik gerade dicht; auch die einzige Bankfiliale schließt. In seiner Anwaltskanzlei sieht sich sein moslemischer Schwiegersohn nur noch mit Burka-Trägerinnen konfrontiert, die das öffentliche Tragen der Burka einklagen wollen; in Frankreich ist die Burka aus dem öffentlichen Raum verbannt. In der Konsequenz wollen alle vier Schwiegersöhne mit ihren Familien auswandern.

Ohne Geld hat man keine Chance

Komödien sind allerdings auf Tempo angewiesen. Das fällt „Monsieur Claude 2“ auch deshalb schwer, weil jeder Einfall vervierfacht werden muss: Nicht ein Schwiegersohn macht frustrierende Erfahrungen und sehnt sich nach Emigration, sondern alle vier, einer nach dem anderen. Das ermüdet so sehr wie der generelle Schematismus der Handlung, das ängstliche Bemühen um die gleiche Berücksichtigung aller Gruppen – was im Konkreten völlig unangemessen ist, denn der Antisemitismus, der in Frankreich extrem gestiegen ist, kommt hier gar nicht vor. Auch die Islamophobie wird unterspielt und allenfalls in der Nebenhandlung um einen afghanischen Gärtner abgehandelt.

In der zweiten Hälfte des Films versuchen Claude und Marie aus durchschaubar egoistischen Motiven, den Jüngeren Frankreich wieder schmackhaft zu machen, was die Schwiegersöhne in die undankbare Position derjenigen schiebt, die erst noch lernen müssen, was Frankreich wert ist. Vor allem gelingt dies den Alten nur mit Tricks und viel Geld. So bezahlen sie einen Schauspieler, um einen farbigen Winzer zu spielen, oder ein Theater, um den schwarzen Charles für eine Hauptrolle – tatsächlich: Othello! – zu verpflichten. So wollen sie die Schwiegersöhne von den Vorzügen des Lebens in Frankreich überzeugen. Die Moral von der Geschichte lautet damit aber: Ohne Geld hat man keine Chance.

Nahe an der Karikatur

„Monsieur Claude 2“ will offenkundig für Toleranz und die Überwindung aller ethnischen Grenzen werben, verfestigt diese Grenzen aber in der Figurenzeichnung. Der Film zeigt – womöglich gegen seine Absicht – sehr treffend, dass bereits die Thematisierung von Identität als solches ein großes Problem ist. Denn die vier Schwiegersöhne werden hier nie wirklich als Individuen mit persönlichen Eigenschaften wahrgenommen, sondern immer nur als „der Chinese“, „der Jude“, „der Schwarze“ oder „der Moslem“. Ein solcher Blick reduziert Menschen auf eines von vielen Identitätsmerkmalen und auf oberflächlichste Äußerlichkeiten. Heterogenität wird damit getilgt. Während die Elterngeneration, auch die Eltern von Charles aus der Elfenbeinküste, durchaus individuelle Züge gewinnen, gerinnt die junge Generation – und damit auch die vier Töchter – zur Karikatur.

Unter der Hand verrät der Film, wo er sein Zielpublikum vermutet: unter den Senioren der Altersgruppe von Monsieur Claude, unter den älteren Damen und Herren, die man mit Geschichten von alten Menschen ins Kino locken will, die „es nochmal wissen“ oder „es den Jungen nochmal zeigen“ wollen. Darum gibt es auch Technik-Witze, in denen sich Marie als „Oma 2.0“ bezeichnet, darum betonen schon die Eröffnungscredits versöhnlich den Wert der Familie. Echte Konflikte zwischen Personen finden hingegen nicht statt.

„Frankreich ist ein Paradies, dessen Bewohner sich in der Hölle wähnen.“ Es scheint „Monsieur Claude 2“ vor allem darum zu gehen, diesen Satz von André Maurois zu illustrieren und seine Richtigkeit zu beweisen. Der Kritik an den gegenwärtigen Zuständen in Frankreich, die inzwischen in der Mitte der Gesellschaft gelandet ist, begegnet „Monsieur Claude 2“ wie der französische Staatspräsident Emmanuel Macron mit der Floskel „Alles halb so schlimm“.

Fehlt nur noch eine gelbe Weste

Ganz zum Schluss bekommt Claude von seinen Schwiegersöhnen ein Geschenk: eine originale Schirmmütze des General de Gaulle. Dies ist offenkundig das, worauf man sich in Frankreich noch einigen kann: den Gaullismus als rückwärtsgewandte Utopie patriotischer Versöhnung.

Die Konstellation des Films ist holzschnittartig, die Story oberflächlich und allzu versöhnlich. Aber zumindest ist es ein ehrlicher Film. Er ist das, was er sein will – Boulevardunterhaltung zum Zwecke des Kommerzes. Gleichzeitig ist „Monsieur Claude 2“ aber auch ein Paradebeispiel für einen Film, der vorgeblich unpolitisch ist, de facto aber darin, wo er hinschaut und wo er wegblickt, hochpolitisch.

So ertappt man sich gegen Ende bei der Frage, wovon denn ein dritter Teil erzählen müsste? Mit welchen Minderheiten wird der liebe Gott die braven Katholiken Claude und Marie wohl als nächstes prüfen? Homosexualität und Transgender böten sich an. Viel mutiger wäre es, den Titelhelden mit seinesgleichen zu konfrontieren. Monsieur Claude müsste zu seiner De-Gaulle-Schirmmütze nur noch eine gelbe Weste anziehen.

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