Der illegale Film

Dokumentarfilm | Deutschland 2018 | 88 Minuten

Regie: Claus Wischmann

Dokumentarisches Essay über die rasanten Veränderungen im Umgang mit fotografischen Bildern, die durch Smartphone und Internet nicht nur quantitativ explodiert sind, sondern sich in ihrer Funktion grundlegend verändert haben. Der intellektuell fordernde, multimediale Film konfrontiert mit einer Vielzahl brennender Fragen und übersetzt die fundamentalen Brüche in ein visuell forciertes Bombardement aus Found Footage, kulturtheoretisch-philosophischen Reflexionen und kurzen Interview-Ausschnitten. - Sehenswert ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2018
Regie
Claus Wischmann · Martin Baer
Buch
Claus Wischmann · Martin Baer
Kamera
Martin Baer · Sebastian Hattop · Marcus Winterbauer · Boris Fromageot · Thomas Kutschker
Schnitt
Ralf Streese
Länge
88 Minuten
Kinostart
11.04.2019
Fsk
ab 12; f
Pädagogisches Urteil
- Sehenswert ab 16.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Dokumentarisches Essay über die rasanten Veränderungen im Umgang mit fotografischen Bildern, die durch Smartphone und Internet nicht nur quantitativ explodiert sind, sondern sich in ihrer Funktion grundlegend verändert haben.

Wenn „Der illegale Film“ von Martin Baer und Claus Wischmann nach etwas mehr als 80 Minuten endet, braucht es schon ein gutes Erinnerungsvermögen, um den Ausgangspunkt dieses multimedialen, intellektuell fordernden Bombardements von Found Footage, philosophischen und kulturtheoretischen Reflexionen, Werbeclips, Internet-Fundstücken, Präsentationen und kurzen Interview-Ausschnitten zu rekapitulieren.

Am Anfang stand ein philosophischer Joke, eine Erinnerung, als Hella von Sinnen und Hugo Egon Balder noch gemeinsam vor der Fernsehkamera standen. Von Sinnen, so die Aufgabe, möge einen Kameramann finden, der vor der Kamera sage, was er von ihr halte. Gesagt, getan. Doch der Kameramann, kamerascheu, bestreitet, die Sendung jemals gesehen zu haben. Got it? Gefilmt, aber nicht gesehen. Was dann folgt, ist ein langer, materialreicher und clever montierter Panoramaschwenk, der vom religiös begründeten Bilderverbot über die Fotografie- und Apparategeschichte bis zur aktuellen Entwicklung des Überwachungsstaats und der Konsumentenzurichtung erzählt.

Das Bild eines Hundes bellt nicht

Der Film switcht permanent zwischen der Mikro- und der Makroebene, mischt Impressionen vom Umgang der Tochter des Filmemachers Baer mit dem Medium mit Ausschnitten aus ethnografischen Dokumentationen, die zeigen, wie indigene Stämme erstmals auf ihr Spiegelbild reagieren. Wie man so sagt: Das Bild eines Hundes bellt nicht. Warum halten Kinder im Kindergarten ihre Hand vor das Objektiv, wenn sie bemerken, dass sie fotografiert werden? Tun sie das in Selfie-Zeiten immer noch? Oder setzen sie sich in Szene? Ist nur noch das von Wert, was auch abbildbar ist?

Immer neue Fragen und Einsichten ergeben sich auf dem gedanklich von Charles Baudelaire, Susan Sontag, Roland Barthes, Vilém Flusser, John Berger oder Norbert Bolz flankierten Parcours: Wem gehört mein Porträt? Dem Porträtierten oder dem Porträtierenden? Gibt es Geisterfotografien? Ist der Fotograf ein Künstler? Erschaffe ich etwas, wenn ich ein Foto mache? Wer darf was oder wen abbilden? Gibt es einen „freedom of panorama“? Wen oder was schützt das Urheberrecht? Wozu gibt es Fotoalben? Erinnern wir das Geschehen? Oder nur das Bild vom Geschehen? Warum darf sich Disney eine kunterbunte Welt aus An- und Enteignungen zusammenbasteln, die dann gegenüber Dritten via Copyright rigoros verteidigt wird? Wer besitzt das Copyright, wenn ein Primat ein Foto von sich schießt? Ist nicht jedes Bild ein Gewebe von Zitaten, entnommen unterschiedlichsten Orten unterschiedlicher Kulturen? Wenn jedes Bild einen Besitzer hat: Was darf dann noch gezeigt werden?

Maschinen schauen dich an

Schätzungsweise zwei Milliarden Bilder werden derzeit täglich auf Plattformen hochgeladen. Das sind mehr Bilder, als im kompletten 20. Jahrhundert gemacht wurden. Mehr als 45 Milliarden Kameras bilden im Jahr 2020 uns und die Welt ab. Wie ändert sich dadurch die Beziehung zwischen Bild und Realität? Tritt an die Stelle der Imagination, wie Flusser meint, die Halluzination? Welche Implikationen hat der technologische Wandel?

Der Film oszilliert sehr einnehmend zwischen Abstraktion und Konkretion: Wer hat noch nicht erlebt, dass das Publikum bei einem Konzert die Performance nur noch durch den Apparat vermittelt wahrnimmt? Warum ist es ärgerlich, wenn man über dem Erleben von etwas Erstaunlichem vergisst, das Erstaunliche zu fotografieren, weil man staunt?

In Werbeclips zeigt sich auf erstaunliche Weise, dass die Demokratisierung der Fotografie zum Massenmedium immer schon als Kehrseite heutige Copyright-Debatten „mitdenkt“. In Zeiten von Smartphones und Internet lässt sich kaum noch unterscheiden, wer als der „Autor“ eines Bildes gelten darf. Der User oder der Apparat? Und was impliziert dies unter den Bedingungen von „virtual reality“ oder den „smart homes“?

Menschen verlernen das Bildermachen

Die Apparate versprechen dem Menschen, der sich nicht mehr vorstellen kann, ohne Kamera in den Urlaub zu fahren, vollmundig: „Wir helfen dir, die Welt zu sehen, wie du sie noch nie gesehen hast.“ Für die Filmemacher steht fest: „Wir sind dabei, das Bildermachen zu verlernen. Maschinen übernehmen das für uns. (…) Apparate sehen uns, für uns, erklären uns die Welt.“

„Der illegale Film“ ist ein Film, der wiederholt angesehen werden will.

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