Zwei Familien auf Weltreise

Dokumentarfilm | Deutschland 2019 | 95 Minuten

Regie: Thor Henrik Braarvig

Zwei Paare reisen erst unabhängig, später auch gemeinsam mit ihren kleinen Kindern durch Asien, Australien und Neuseeland. Die kurzweilige Dokumentation führt eindrücklich vor Augen, wie abenteuerlich und bereichernd es sein kann, sich mit Kindern auf eine Weltreise zu begeben. In der Montage der sehr unterschiedlichen Aufnahmen dominieren Off-Kommentare, die mitunter fast missionarisch für ein Leben ohne Luxus werben. Allerdings blendet die recht eurozentristische Collage Armut, Not und die Konflikte aus, denen man auf einer solchen Tour unweigerlich begegnet. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2019
Regie
Thor Henrik Braarvig · Benedict Durchholz
Musik
Sechs Paar Schuhe
Schnitt
Maria Braavig · Benedict Durchholz
Länge
95 Minuten
Kinostart
18.04.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Dokumentarfilm
Diskussion

Kurzweiliger Zusammenschnitt von Reiseeindrücken zweier Familien, die mit ihren Kindern ein Jahr lang in Asien unterwegs sind und von einem Leben ohne Luxus träumen.

Mit kleinen Kindern auf Weltreise gehen? Was für viele wie ein Traum, aber auch ziemlich unvorstellbar klingt, haben zwei Familien aus Dortmund und Frankfurt in die Tat umgesetzt. Sandy und Benni kündigen Anfang 2015 ihre „gut bezahlten“ Jobs und brechen mit ihrem Baby nach Asien auf. Die beiden Norweger Maria und Thor, die seit zwölf Jahren in Dortmund leben, verkaufen ihr Haus und buchen ein One-Way-Ticket nach Bangkok. Gemeinsam mit ihren vier Kindern zwischen zwei und acht Jahren wagen sie eine Reise ins Ungewisse. Ihre beiden älteren Kinder wollen sie selbst unterrichten; Thor will unterwegs weiter als freiberuflicher Übersetzer arbeiten.

Auf Bali begegnen sich die beiden Familien zum ersten Mal. Unabhängig voneinander dokumentieren sie ihre Reisen auf Social-Media-Kanälen. Die Idee, einen gemeinsamen Film zu machen, entsteht dann erst viel später beim Zelten in Norwegen.

Eine Win-Win-Situation

Reisefilme von Videobloggern, Youtubern, Instagrammern und Crowdfundern haben seit einigen Jahren Konjunktur. Die Idee dahinter ist eine Art Tauschgeschäft: die Zuschauer unterstützen die Filmemacher finanziell, und diese nehmen ihr Publikum dafür virtuell mit auf die Reise. Eine Win-Win-Situation, unter der Voraussetzung, dass der Film dann tatsächlich den Horizont der Betrachter erweitert.

Als Minimum darf man erwarten, dass die mitfinanzierte Tour Lust aufs Reisen macht. Diesen Anspruch löst „Zwei Familien auf Weltreise“ auf jeden Fall ein. Zwar sind die Aufnahmen von unterwegs von sehr unterschiedlicher Qualität, und es gibt nur wenige wirklich überwältigende Landschaftsaufnahmen. Die kurzweilige Montage wechselnder Schauplätze, von Märkten und Stränden, badenden Elefanten, imposanten Tempelanlagen, überfüllten Gassen, tiefgrünen Seen, am Lagerfeuer tanzenden Kindern und Häusern im Dschungel vermag durchaus Fernweh auszulösen. Viel mehr allerdings nicht.

Die Menschen, denen die beiden Familien unterwegs begegnen, bleiben Statisten. Die Bilder erscheinen wie Illustrationen, sie erzählen keine Geschichten. Das übernehmen die Filmemacher und ihre Kinder im Off-Kommentar und in den ausführlichen Interviews, in denen die vier Eltern auf ihre Reisen zurückblicken. Wenn man sich vom „Spirit“ der Weltenbummler anstecken lässt, kann das beschwerlich werden. Die vier wollen nämlich nicht nur ihre Erfahrungen teilen, sondern auch Mut machen, und zwar in erster Linie dazu, seine Grundeinstellung und das eigene Leben zu verändern.

Reise als Metapher fürs richtige Leben

Was als aufregendes Abenteuer beginnt, gleitet dadurch mehr und mehr in die Richtung eines audiovisuellen Ratgebers ab, in dem die „Reise“ zur Metapher für die „richtige“ Lebensführung und Weltanschauung wird. Beseelt von einem Leben im Hier und Jetzt und im Einklang mit der Natur und berauscht von sich selbst, überhöhen die reisenden Filmemacher ihre persönlichen Erfahrungen zu allgemeingültigen Weisheiten. In einem Haus lebt es sich „wie betäubt“, draußen in der Natur hingegen „richtig“.

Der fast schon missionarische Unterton irritiert umso mehr, wenn die Protagonisten den befreienden Verzicht auf Luxus propagieren, aber völlig verkennen, was für ein Luxus es ist, sich einen solchen freiwilligen Verzicht leisten zu können. Denn in Wirklichkeit reisen sie keineswegs „One-Way“. Sie haben stets die Möglichkeit zur Rückkehr, von der sie zwischendurch auch Gebrauch machen. Und der selbstformulierte Anspruch, zurück zu den Ursprüngen und einem Leben in Einheit mit der Natur zu finden, wird von der beständigen medialen Verwertung konterkariert, die nicht ein einziges Mal thematisiert wird. Lieber betreiben die Filmemacher schon im Vorspann Werbung für ihre Blogs.

Zu dieser leicht schiefen Perspektive passt es, dass die Welt, die beide Familien bereisen, lediglich aus Asien, Ozeanien und Europa besteht. Bedenklicher aber als der Umstand, dass bei dieser Weltreise ganze Kontinente unter den Tisch fallen, ist die Ignoranz, mit der alles Negative, alle Konflikte und Kriege oder die Armut, der man auf Reisen durch Asien unweigerlich begegnet, ausgeblendet bleiben. Gerade so, als wäre die Welt ein gigantischer Freizeitpark für europäische Alternativtouristen auf Selbstfindungstrip.

Selbstironische-befreite Outtakes

Dass die Filmemacher mit ihrem oft verkrampft und aufgesetzt wirkenden Gestus am Ende womöglich auch sich selbst nicht gerecht werden, lassen die erfrischend selbstironischen Outtakes zum Schluss erahnen. Wären sie die ganze Zeit über so ungezwungen, entspannt und sympathisch vor der Kamera aufgetreten, hätte das durchaus ein inspirierender Film werden können.

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