Serie | USA 2019 | Minuten

Regie: Gregg Araki

Serie von Queer-Cinema-Ikone Gregg Araki über drei Freunde in ihren Zwanzigern, die sich in Los Angeles im Dunstkreis Hollywoods durchzuschlagen versuchen. Im Zentrum steht ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Nachtwächter verdingt und gemeinsam mit seinen Freundinnen und Freunden nach sexueller Selbstentfaltung und einem Partner in der „City of Angels“ sucht, und dabei auf seltsame Alien-Aktivitäten und eine Gruppe Verschwörungstheoretiker stößt. Eine endzeitliche Hollywood-Farce mit Alien-Mystery-Anklängen, die nebenbei sexuell übergriffige Machtauswüchse in der Filmbranche anprangert und dabei zwar etwas vage bleibt, aber höchst unterhaltsam das ambivalente Gemisch aus Lebenslust und -angst erkundet, das ihre Protagonisten umtreibt. - Ab 18.

Filmdaten

Originaltitel
NOW APOCALYPSE
Produktionsland
USA
Produktionsjahr
2019
Regie
Gregg Araki
Buch
Gregg Araki · Karley Sciortino
Kamera
Sandra Valde-Hansen
Musik
Robin Guthrie
Schnitt
Alex Blatt · Liza D. Espinas · Erik Presant
Darsteller
Avan Jogia (Ulysses) · Kelli Berglund (Carly) · Beau Mirchoff (Ford) · Roxane Mesquida (Severine) · Tyler Posey (Gabriel)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 18.
Genre
Serie
Diskussion

Miniserie der „Queer Cinema“-Ikone Gregg Araki über vier Freunde in ihren Zwanzigern, die in Los Angeles im Dunstkreis Hollywoods leben und arbeiten. Im Zentrum steht ein gescheiterter Schauspieler, der sich als Nachtwächter durchschlägt und gemeinsam mit seinen Freundinnen und Freunden nach sexueller Selbstentfaltung und Erfolg in der „City of Angels“ sucht, dabei aber nebenbei auf seltsame Alien-Aktivitäten und ungute Machtstrukturen innerhalb der Branche stößt.

Wenig einladend wabert der Dunst im nächtlichen Hinterhof aus Ulysses’ realitätsnahen (Tag)Träumen. Verzweifelte Rufe leiten den jungen Mann immer wieder am Graffiti eines gezackten „W“ vor einer Erdkugel vorbei, bevor sich hinter der nächsten Ecke der eigentliche Alptraum enthüllt: Ein Reptilien-Alien „begattet“ einen hilflos stöhnenden Erdenbürger. Ulysses, ohnehin schon mit Drogen zugedröhnt, verliert das Bewusstsein. Und die erste Folge von „Now Apocalypse“ verliert ihr Filmbild, das sich in einen Abspann aus knallbunt alternierenden Farben auflöst.

Die unterhaltsame Gratwanderung von Gregg Arakis erster eigener Serie, die er mit Sex-Kolumnistin Karley Sciortino kreiert hat, scheint vorweggenommen: Alien-Mystery mit verschwörungstheoretischem Beigeschmack, pan-sexuelle Orgasmen, Drogen-Trips und „Teenage Angst“. Das stellt im Oeuvre der Queer-Cinema-Ikone Araki seit seiner „The Teenage Apocalypse Trilogy“ („Totally F***ed Up“, „The Doom Generation“, „Nowhere“) vor über 20 Jahren zwar nichts Neues dar. Neu ist allerdings, dass Arakis aufgeklärte Millennial-Figuren diesmal ein gutes Stück selbstreflexiver und sehnsuchtsvoller nach einer Karriere und der großen Liebe schielen.

Ein postmoderner Odysseus in den hedonistischen Untiefen von Los Angeles

Allerdings irrt Ulysses nicht wie sein Namensvetter bei James Joyce im ständigen Stream of Consciousness durch Dublin. 100 Jahre später kämpft sich Arakis postmoderner Odysseus durch die hedonistischen Untiefen von Los Angeles und vertraut seine Gedanken seinem VLog an, einem digitalen Video-Tagebuch: „Oft schlägt mein Herz so hart, dass es mir den Atem nimmt. Ob aus Erregung oder Terror, ich kann es nicht genau sagen.“ Wie viele andere kam der attraktive Mittzwanziger nach L.A., um Schauspieler zu werden und um daran, wie die meisten, zu scheitern. Jetzt sitzt Ulysses, kurz Uly, als Nachtwächter rum und lässt sich in besagte Albtraum-Fantasien fallen, wenn er nicht gerade an seinem Hasch-Vaporisator zieht oder attraktiven Sexualpartnern beiderlei Geschlechts nachsteigt.

Der von seiner Libido und dem Marihuana torpedierte Uly ist Dreh- und Angelpunkt von Arakis attraktiv besetztem, mit viel nackter Haut in Szene gesetztem Reigen. Für die jungen Erdmenschen und ihren Sexualtrieb wird die Alien-induzierte Apokalypse denn auch gerne aus den Augen verloren: Ulys beste Freundin Carly finanziert sich ihre Schauspielausbildung als Cam-Girl und Dominatrix, was auch frischen Wind in ihre Beziehung mit Leichen-Darsteller Jethro bringt. Die Attraktivität von Ford – Sonnyboy, Uly-Mitbewohner und talentloser Drehbuchautor in Personalunion – wird nur noch von seiner Naivität übertroffen; vor allem als er von muskelbepackten, ihn mit den Augen entkleidenden Produzenten hofiert wird. Dabei schlägt Fords Herz allein für die so dubiose wie verführerische Forscherin Severine, die in ihrer kaltherzigen Rationalität der Monogamie so gar nichts abgewinnen kann.

Binnenansichten aus der Filmbranche im Zeichen von #MeToo

Sowohl Ford wie auch Carly werden im Lauf der Serie zu Opfern eines der Branche anhängigen Machtgefälles. Auch wenn „Now Apocalypse“ über die anfangs glimpflichen Übergriffe spielerisch humorvoll hinweggeht, bleiben die Implikationen in Zeiten von #MeToo doch unübersehbar. Schönheit und Jugend stehen gerade in L.A. im ausbeuterischen Verhältnis zu Einflussnahme und Alter. Die Provokation liegt bei Araki nicht in den ihre Lust auslebenden Figuren, sondern im sie umgebenden System. Wobei die an der Spitze der Hierarchie stehenden Akteure auch auf den endzeitlich angetriggerten Ulysses alles andere als koscher wirken: Der Fisch, oder besser das Reptil, stinkt vom Kopf her.

Um tatsächlich von einem schrecklichen Machtungleichgewicht wie in Arakis Kindesmissbrauchsdrama „Mysterious Skin“ zu erzählen, ist „Now Apocalypse“ allerdings zu unkonzentriert und volatil geraten. Mit einer Leichthändigkeit, die man auch als Leichtfertigkeit bezeichnen könnte, verliert Arakis Erzählung die Übergriffigkeit ebenso oft aus dem Fokus wie die im Titel bezeichnete Apokalypse. Bei „Now Apocalypse“ steht der Spaß an der schlagfertig queeren „Sex and the City“-Variation im Vordergrund, während der aktuelle 1990er-Retro-Hype den Rückgriff auf die quietschbunte Ästhetik von Arakis früheren Filmen erlaubt. Weniger schrill und überdreht als diese Frühwerke, ist die Serie immer noch ein knalliger Genuss, auch wenn die Narration nicht sonderlich stringent daherkommt. Als endzeitliche Hollywood-Farce mit Alien-Komplikation bereitet Arakis erwachsen gewordene „Twenty-Something-Angst“ aber unverhofft viel Vergnügen.

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