Serie | Schweden 2019 | Minuten

Regie: Per-Olav Sørensen

Die Serien-Adaption eines Kriminalromans von Malin Persson Giolito: An einer Schule in einem der reichsten Vororte Stockholms kommt es zu einem Amoklauf. Des Mordes angeklagt wird eine zuvor unauffällige achtzehnjährige Schülerin. Von der Verhaftung des Mädchens und dem Prozess ausgehend werden in langen Rückblenden die Ereignisse vor dem Massenmord aufgerollt. Im Zentrum steht ein Liebes-Dreieck um das Mädchen, einen Jungen aus gutbetuchtem, aber von unterschwelligen Konflikten geprägtem Elternhaus und einen ärmeren Mitschüler. Der Serie gelingt es kaum, eine Form zu finden, um die Befindlichkeiten der heranwachsenden Protagonisten fühlbar zu machen oder echte Anteilnahme für die thematisierten gesellschaftlichen Bruchstellen rund um Wohlstandsverwahrlosung zu erzeugen. Die verschachtelte Erzählweise dient eher dazu, den inhaltlichen Leerlauf zu kaschieren, als Spannung aufzubauen. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
STÖRST AV ALLT
Produktionsland
Schweden
Produktionsjahr
2019
Regie
Per-Olav Sørensen · Lisa Farzaneh
Buch
Camilla Ahlgren · Alex Haridi · Veronica Zacco · Pontus Edgren · Martina Håkansson
Kamera
Ulf Brantås
Musik
Kristian Eidnes Andersen
Schnitt
Thomas Lagerman
Darsteller
Hanna Ardéhn (Maja Norberg) · Felix Sandman (Sebastian) · David Dencik (Peder Sander) · Anna Björk (Camilla Norberg) · Rebecka Hemse (Jeanette Nilsson)
Länge
Minuten
Kinostart
-
Pädagogisches Urteil
- Ab 16.
Genre
Serie | Thriller
Diskussion

Die Serien-Adaption eines Kriminalromans von Malin Persson Giolito: An einer Schule in einem der reichsten Vororte Stockholms kommt es zu einem Amoklauf. Des Mordes angeklagt wird eine zuvor unauffällige achtzehnjährige Schülerin.

Am Anfang stehen die Fragen eines jeden Kriminalfilms: Was ist passiert? Wer war es? Langsam fährt die Kamera durch ein Klassenzimmer, über eine zerbrochene Kaffeetasse mit dem Aufdruck „Bester Papa der Welt“, blutbefleckte Pulte und die leblosen Körper von Schülern. Spuren eines Amoklaufs. Die Fahrt endet bei der gerade achtzehnjährigen Maja, die zusammengekauert in der Zimmerecke sitzt – mit einem Gewehr im Schoß. Eigentlich wäre der Whodunit-Teil der schwedischen Netflix-Kriminalserie „Quicksand“ damit schon abgeschlossen. Doch man mag seinen Augen nicht so recht trauen. Dieses zierliche Mädchen soll das alles getan haben? Und selbst wenn es wirklich so wäre, wenn man das akzeptieren und die Dissonanz zwischen Tat und Täter überwinden könnte, dann bliebe immer noch die alles entscheidende Frage: wieso?

Über sechs lange Folgen hinweg spürt die Kriminalgeschichte von Pontus Edgren und Martina Håkansson den Motiven der eigentlich glücklichen und erfolgreichen Schülerin Maja Norberg (gespielt von Hanna Ardéhn) nach. Warum genau das so lange dauert, bleibt unklar. In der Regel werden Kriminalfälle aus Sicht der Ermittler geschildert, die nach und nach die Wahrheit aufdecken. Die Hauptfigur von „Quicksand“ hingegen war bei der Tat anwesend. Die Verschleierung des Geschehens dient nur der Dramaturgie. Parallel werden nun Verhöre und Prozess in der Gegenwart und ihre Erlebnisse der letzten Monate geschildert. Graue, enge Zellen und stickige Verhörzimmer in der Gegenwart, traumhafte Urlaubsreisen und wilde Partys in der Vergangenheit.

Milieustudie um wohlstandsverwahrloste Kids aus Stockholms Nobelviertel

Die Tat hängt, so erfährt man bald, mit den zwei jungen Männern in Majas Leben zusammen. Sebastian (Popsänger Felix Sandman) ist der wohlstandsverwahrloste Sohn des ultrareichen Claes Fagerman (Reuben Sallmander). Sein Lächeln (und natürlich die Yacht mit Begrüßungschampagner und umfassendem Bordpersonal) haben die zukünftige Juristin bald um den Finger gewickelt. Ihr sensibler Klassenkamerad Samir (William Spetz) – ein großer Intellektueller, wie unschwer an seinem Lieblingsautor Jon Krakauer zu erkennen ist – reagiert eifersüchtig. Wie so üblich in Teenager-Geschichten muss sich Maja zwischen den beiden Archetypen entscheiden.

Erzählt wird eine klassische Dreiecksbeziehung. Die Charakterzeichnung ist dabei krakelig. Samir präsentiert sich als offensichtlich „richtige“ Wahl. Wenn es Gründe gibt, Sebastian zu lieben, dann werden sie nicht gezeigt. Selbst sein Reichtum langweilt. Und weil schon die Buchvorlage „Störst av allt“ von der schwedischen Autorin Malin Persson Giolito in Stockholms wohlhabendstem Viertel Djursholm angesetzt war, soll auch die Adaption mit Schwedens Oberschicht abrechnen. Doch die resultierende Milieustudie wirkt faul und oberflächlich. Sebastian sagt Sätze wie „Bei uns gibt es Leute, die den Müll raustragen. Wir machen das nicht selbst.“ Sein Vater sponsort Veranstaltungen an Majas Schule, bei denen Volkswirte predigen, warum man die Reichen auf keinen Fall zu sehr belasten dürfte. Natürlich erhebt der aus ärmeren Verhältnissen stammende Samir Einspruch, natürlich reagiert Sebastian ungehalten. Hat man einen von seinen Ausbrüchen erlebt, kennt man eigentlich alle.

Wenig Sensibilität für die Gemütslage der Figuren

Natürlich ist „Quicksand“ auch eine Geschichte vom Heranwachsen, ein typischer Coming-of-Age-Plot. Maja steht zwischen zwei Lebensabschnitten, man erwartet viel von ihr. Zum 18. Geburtstag bekommt sie Geld für ein Jagdgewehr und allerlei fromme Wünsche. Unsicherheit und Selbstzweifel werden als Motive angeboten, wie so vieles andere.  Den Tag ihrer Volljährigkeit inszeniert die Serie als besonderen Wendepunkt. Die junge Frau ist auf der Suche nach einer Identität und will sich von ihren Eltern emanzipieren. Die Konsequenzen der neu gewonnenen Freiheit werden drastisch vor Augen geführt – mit fragwürdigen dramaturgischen Mitteln. Ohnehin: Vom ironischen Witz mit der Kaffee-Tasse in der ersten Szene an ist das Kriminaldrama auf langweilige, nie transgressive Weise pietätlos.

Die Gefängnis-Gegenwart ist nicht interessanter. Die Regisseure suchen Bilder von Isolation und Desorientierung, deshalb rotiert die Kamera ein wenig in Majas Zelle. Ganz mag sich das Gefühl von Klaustrophobie nicht einstellen, weil man ja oft genug in freiräumigere Rückblenden entschwindet. Zumindest gibt die endlos überdehnte Serie ein gutes Gefühl dafür, wie es wohl sein muss, ohne jede Unterhaltung eingesperrt zu sein: Elend lang wird dem Zuschauer die Karotte einer Erklärung, die endlich all den Splittern eine Ordnung geben soll, vor die Nase gehalten. Es gibt keine wirkliche Entwicklung, nur ein ewiges Abwarten. Egal, wie dramatisch die Musik vor sich hin dröhnt: Spannung kommt nie auf. Am Ende jeder Folge wird ein neuer Brocken in Richtung Publikum geschleudert, man soll ja dranbleiben.

Nun liegt natürlich kein inhärentes Problem in Länge, andere Serien erstrecken sich oft über ganze Jahrzehnte. Nur gibt es dann in der Regel auch wirklich einen Gegenstand, ein Analysefeld, etwas zu erzählen. „Quicksand“ findet nie zu sich. Die künstliche Verknappung von wirklichen Ereignissen wirkt nicht wertsteigender, im Gegenteil. Das endlose Strecken und Dehnen zerreißt den Plot. Nicht jede leere Stunde ist gleich: Manche sind frei und behaglich, hier sind sie hohl und tot. Mindestens vier der sechs Folgen könnte man streichen, ohne irgendetwas von Wert zu verlieren. Bei fünf der Folgen stand Fernsehregisseur Per-Olav Sørensen hinter der Kamera und bedient die erwartbaren Register: Auch die Form erlöst nicht vom dünnen Plot.

Was bleibt am Ende? Zynismus. Ein Sittenbild einer gelangweilten Generation. Bürgertum und Oberschicht, die an ihrem eigenen Wohlstand verzweifeln. Ein Justizsystem, das Opfern wie Tätern kalt und gleichgültig begegnet. Eliten ohne Menschlichkeit. Sensationsgierige Medien, im Internet ein Lynchmob. Eine gescheiterte Gesellschaft. Und eine Serie, die sich für all das nicht wirklich zu interessieren scheint. Die keinen Funken von Wut und Frustration besitzt, keinen Willen zur Veränderung. Die keine Form und keine Sprache findet für Gewalt und Schmerz, sondern sich zur Ablenkung in Klischees stürzt. Die nur Taubheit auslöst. „Quicksand“ ist gleichgültiges Fernsehen für gleichgültige Menschen.

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