Drama | Schweden 2018 | 102 Minuten

Regie: Gabriela Pichler

Ein kleiner schwedischer Ort gerät in Aufregung, als eine deutsche Supermarktkette erwägt, eine Filiale bei ihnen zu eröffnen. Während der Stadtrat ein professionelles Imagevideo in Auftrag gibt, drehen zwei Schülerinnen ihren eigenen Film, der in seinem ehrlichen Ansatz nicht ohne Widerstand bleibt. Facettenreiche und unprätentiöse Komödie, die hinter ihrer heiteren Oberfläche von der Veränderung der Kleinstadt zur multi-kulturellen Gesellschaft erzählt und auch weitere Identitätsfragen anspricht. Zugleich thematisiert der ungeschliffen inszenierte und gespielte Film mit ironischen Seitenhieben das eigene Medium. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
AMATÖRER
Produktionsland
Schweden
Produktionsjahr
2018
Regie
Gabriela Pichler
Buch
Jonas Hassen Khemiri · Gabriela Pichler
Kamera
Johan Lundborg
Schnitt
Johan Lundborg · Andreas Nilsson · Gabriela Pichler
Darsteller
Zahraa Aldoujaili (Aida) · Yara Aliadotter (Dana) · Fredrik Dahl (Musse) · Shada Ismaeel (Aidas Mutter) · Maria Nohra (Noor)
Länge
102 Minuten
Kinostart
18.04.2019
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Komödie
Diskussion

Facettenreiche und unprätentiöse Jugend- und Multi-Kulti-Komödie, in der eine schwedische Kleinstadt eine deutsche Supermarktkette mit einem Imagevideo anlocken will, das aber Konkurrenz durch die Filmambitionen von zwei eifrigen Schülerinnen bekommt.

„Superbilly“ kommt. Zumindest träumen die Honoratioren des drögen Kleinstadtnestes Lafors davon, dass ihre Stadt der neue Standort der deutschen Supermarktkette wird, die nach Schweden expandiert. 500, vielleicht sogar 1000 Arbeitsplätze könnten entstehen, und das gesamte Umfeld würde davon profitieren. Ein Monat bleibt noch bis zur Ankunft der deutschen Delegation – ein Monat, um Lafors von den besten Seiten zu zeigen. Die Chancen sind gut, denn nur eine weitere Stadt bewirbt sich als Standort. Was also ist zu tun? – Ein Imagefilm muss her, lautet die einhellige Meinung. Dafür werden die Kids an der örtlichen Oberschule angesprochen, und so kommen Aida und Dana ins Spiel. „Hollywood, here we come!“

Sofort beginnen die beiden Freundinnen mit der Arbeit an ihrem Film. Sie experimentieren wild mit ihrer Handykamera, filmen die Sehenswürdigkeiten der Stadt – den „Kreisverkehr-Elch“ und den Springbrunnen – und stellen einen Clip zusammen, den sie der Stadtverwaltung präsentieren. Die Konkurrenz ist klein: Ein paar Jungs haben ein Krach-Bumm-Video gedreht, in dem vor allem herumgeballert wird, und eine junge Frau hat ihre Depressionen in Bilder gefasst. Trotzdem bekommen Aida und Dana nicht den Zuschlag, sondern die Stadtverwaltung engagiert Roland, einen professionellen Imagefilmproduzenten.

Beim Imagevideo geht jede Menge schief

Niemand kann oder will den beiden Mädchen so recht die Wahrheit sagen: Ihr Film ist einfach nicht gut genug. Also arbeiten sie einfach weiter. Während die Stadtverwaltung für das Imagevideo bemüht ist, die angenehmen Seiten des Lebens in Lafors darzustellen, wobei jede Menge schiefgeht, werfen Dana und Aida einen eher kritischen Blick auf ihre Heimatstadt. Dabei erfahren sie jede Menge über Lafors und die Bewohner. Von vielen Nachbarn werden sie ermuntert, unbedingt die Wahrheit zu erzählen, andere stehen dem Projekt eher kritisch gegenüber. Doch die beiden Jungfilmerinnen lassen sich durch nichts und niemanden aufhalten, während die Ankunft der deutschen „Superbilly“-Delegation immer näher rückt. Am Ende gibt es zwei Filme und eine große Überraschung.

Glückliches Schweden: Hier können Geschichten erzählt werden, in denen weder groß etwas erklärt, begründet oder gerechtfertigt werden muss. Man muss sich diese Story gern mal als bundesdeutsche Produktion vorstellen: Ein sehr pummeliges Mädchen, das Schlagzeug spielt, und ein burschikoses, das boxt und wie Ralph Macchio in Karate Kid aussieht, und beide mit Migrationshintergrund – unvorstellbar! Eine derartige Anhäufung von Problemfällen könnte unglaubwürdig wirken oder gar in der einen oder anderen Richtung anecken. Das Ergebnis wäre dann wahrscheinlich ein weiterer bemühter Jugendfilm, in dem es um Flüchtlinge, Identität, Gewichtsprobleme, Erwachsenwerden und Medienkritik geht.

Ganz anders hier: Die Regisseurin Gabriela Pichler präsentiert ihr Kleinstadt-Kaleidoskop selbstbewusst, freudvoll und ohne großes Brimborium mit zwei tollen Mädchen als Hauptfiguren: Zahraa Aldoujaili (Aida) und Yara Aliadotter (Dana) spielen sehr natürlich und mit sichtbarem Vergnügen, auch an den Rollenspielen, die gelegentlich etwas konstruiert wirken. Doch die Ecken und Kanten passen zum Film, der weder inhaltlich, optisch noch formal einen Anspruch auf Perfektion vertritt.

Die Kleinstadt wird sich weiter verändern

Nach ihrem Kinodebüt mit dem Sozialdrama Eat, Sleep, Die (2012) hat sich Gabriela Pichler für eine facettenreiche Jugendkomödie entschieden, in der sie wiederum Schweden als Einwanderungsland porträtiert. Mit intelligentem Humor zeigt sie die Menschen in einer Kleinstadt, die sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat und weiter verändern wird. Sie springt mitten hinein ins Leben; schon ihre Exposition ist ein Musterbeispiel für knackige Kürze und Effizienz. Wenige Minuten genügen, zunächst mit sehr lebhaften Bildern von einem Westernfestival, bei dem auch die beiden Hauptpersonen Dana und Aida mitfeiern, und in Momentaufnahmen entsteht ein Bild des Städtchens Lafors und seiner Bewohner.

So schwungvoll und lebendig bleibt es, wozu auch ein gekonnter Musikeinsatz beiträgt. Viele Bilder wurden aus der Hand gefilmt, die Kamera ist immer dabei, manchmal sehr dicht und sehr direkt, was den dokumentarischen Charakter verstärkt. Die beiden Mädchen, die „Amateure“, benutzen ihre Kamera zunächst wie ein Spielzeug, sie werden bald sicherer, aber sie schwanken deutlich zwischen künstlerischer Hingabe und handwerklicher Unwissenheit – je nach Standpunkt. Das Engagement der beiden Mädchen wird im Ort zunehmend skeptisch betrachtet, im Verlauf des Films wird dabei immer wichtiger, dass sie keine schwedischen Eltern haben. Beide sind offenbar Flüchtlingskinder, wie nebenher zu erfahren ist. Danas Mutter wurde als Journalistin in der Türkei verfolgt, und Aida kommt aus dem arabischen Raum und wächst bei einer Pflegefamilie auf. Gerade die Eltern sind sehr vorsichtig, sie möchten nicht, dass ihre Töchter auffallen.

Auch aus dem Rathaus beobachtet man die beiden aufmerksam. Eine weitere Hauptfigur, der Stadtrat Musse (zum Knuddeln: Fredrik Dahl), sorgt nicht nur für zusätzliche Impulse, sondern bringt durch seine eigene Biographie noch mehr Tiefe und Würze in die Geschichte, denn der liebenswerte und stets bemühte Musse sitzt im Grunde immer zwischen zwei Stühlen, auch wenn er auf den ersten Blick vollständig integriert wirkt. Eigentlich ist er Tamile, aber so überangepasst, dass er Tamilisch weder spricht noch versteht. Seine demente Mutter lebt in einem Pflegeheim und hat hingegen ihr Schwedisch vergessen. Aus diesem Konflikt, der ebenfalls sehr beiläufig thematisiert wird, erwächst ein weiterer Erzählstrang. Und aus Musses beständigem Kampf um Anerkennung entsteht ein wesentlicher Aspekt des Films, der als Jugendkomödie ab und an knapp am Sozialdrama vorbeischrammt.

Auch an Medienkritik wird nicht gespart

Doch im Wesentlichen bleibt der Ton leicht und heiter, im Zentrum stehen die beiden Mädchen und ihr Filmprojekt. Da wird lustvoll auch an Medienkritik nicht gespart. Wie Aida und Dana sich ihrer Macht bewusst werden, die ihnen die Kamera gibt, ist nur auf den ersten Blick komisch, auf den zweiten Blick zeigt sich hier eine universelle Wahrheit, die viel mit Verantwortung zu tun hat. Wenn der Profi-Filmer mit den Kids in der Schule über Dokumentarfilme spricht, dann geht es schnell um Moral und Ethos. Außerdem erfahren Dana und Aida am eigenen Leib, wie schwer es ist, aus der Fülle von Bildern die Essenz herauszufiltern. Auch für den Schluss haben sich der Autor Jonas Hassen Khemiri und Gabriela Pichler noch etwas ganz Besonderes ausgedacht. Die Wendungen zum Ende hin sind tatsächlich unerwartet – und das ist nur einer von vielen positiven Aspekten in einer flotten Komödie mit Witz, Herz und Köpfchen.

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