Der Flohmarkt von Madame Claire

Drama | Frankreich 2018 | 94 Minuten

Regie: Julie Bertuccelli

Eine alte Frau, die mit großer Leidenschaft kostbare Puppenautomaten und Antiquitäten sammelte, wähnt sich am Ende ihres Lebens und will ihren gesamten Besitz verhökern. Die Auktion und insbesondere die Begegnung mit ihrer entfremdeten Tochter rufen schmerzhafte Erinnerungen in ihr wach, die sich zum Bild einer Familientragödie verdichten. In der prominent besetzten Romanadaption mischen sich recht virtuos Realität, Erinnerungen und Tagträume, doch der exquisit ausgestattete Film vermag den Hauptfiguren kein wirkliches Leben einzuhauchen. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
LA DERNIÈRE FOLIE DE CLAIRE DARLING
Produktionsland
Frankreich
Produktionsjahr
2018
Regie
Julie Bertuccelli
Buch
Julie Bertuccelli · Marion Doussot · Mariette Désert · Sophie Fillières
Kamera
Irina Lubtchansky
Musik
Olivier Daviaud
Schnitt
François Gédigier
Darsteller
Catherine Deneuve (Claire Darling) · Chiara Mastroianni (Marie Darling) · Alice Taglioni (junge Claire Darling) · Laure Calamy (Martine Leroy) · Samir Guesmi (Amir)
Länge
94 Minuten
Kinostart
02.05.2019
Fsk
ab 0; f
Pädagogisches Urteil
- Ab 14.
Genre
Drama | Literaturverfilmung
Diskussion

Melodram um eine alte Frau, die ihr gesamtes Hab und Gut verkauft und sich darüber an die Tragödien ihres Lebens erinnert.

Die Zahnräder einer Uhr greifen minutiös ineinander, ihr gleichmäßiges Klicken beruhigt und besänftigt. Madame Claire hat sich schon immer vornehmlich mit leblosen Dingen beschäftigt. Sie sammelt kostbare Puppenautomaten und andere Antiquitäten. Ausgeklügelte Räderwerke, die den immergleichen Abläufen folgen, ziehen sie an. Die halten keine Überraschung oder Irritation bereit, ganz im Gegensatz zu Menschen. Ihre Leidenschaft ist grenzenlos. Selbst als ihr Ehemann einmal vor dem Bankrott stand, presste sie ihm Geld ab, um einen kaputten Automaten durch einen neuen zu ersetzen.

Inzwischen ist sie eine alte, etwas vergessliche Dame geworden. Eines Morgens wacht sie im festen Glauben auf, dass heute ihr Todestag sei. Sie beschließt, ihr gesamtes Mobiliar zu verhökern. Begeistert versammeln sich im Garten ihres großen Anwesens die Schnäppchenjäger der Umgebung. Wer will nicht für 20 Euro einen wertvollen Sekretär erstehen? Doch Martine, eine Freundin der Tochter von Madame Claire, will dem Ramschverkauf nicht tatenlos zusehen. Sie informiert Claires Tochter Marie, die schon lange keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter hat. Die Begegnung mit ihr und all den anderen Menschen rufen in Madame Claire Erinnerungen wach, in denen eine Familientragödie wieder lebhafte Gestalt annimmt.

Ein Leben, verdichtet auf einen Tag

Der Film von Julie Bertuccelli beruht auf dem Roman „Faith Bass Darling’s Last Garage Sale“ von Lynda Rutledge. Das Geschehen wurde allerdings von Texas in ein französisches Dorf verlegt, dessen Flair die Inszenierung überzeugend simuliert. Der Film spielt an einem einzigen Tag und verdichtet ein ganzes Leben. Angesichts des Todes setzt sich die Hauptfigur mit existentiellen Themen und ihrem Schuldgefühl auseinander; Fragen der sozialen und ethnischen Herkunft rücken im Gegensatz zur Vorlage in den Hintergrund. Im Laufe der Handlung söhnt sich die alte Dame mit ihrer Vergangenheit und ihrer Tochter aus. So kreist der Film um Tod und Verlust, Erinnern und Vergessen. Er stellt die Frage nach der Liebe zu den Objekten und deren Bewertung. Sind Gegenstände wichtiger als Menschen?

Der Film gleicht in seinem Vorgehen einer psychoanalytischen Therapie und imitiert stilistisch einen Bewusstseinsstrom. Einzelne Gegenstände dienen als Erinnerungsspuren, die assoziativ traumatisch Erlebtes wieder ins Bewusstsein heben, woraus sich detektivisch nach und nach ein Familienroman zusammensetzen lässt. Die schwierige Mutter-Tochter-Beziehung nimmt Gestalt an, der Tod des Sohnes und des Ehemannes werden bearbeitet. Dabei vermischen sich virtuos fiktive Realität, Erinnerungen und fantastische Tagträume. Die erlesenen Antiquitäten werden dabei als Schauwerte inszeniert.

Es ist jedoch nicht allein Madame Claire, die in die Vergangenheit eintaucht. Auch die Tochter und ihre Kindheitsgefährtin werden mit den damaligen Ereignissen konfrontiert. Buchstäblich sehen sie sich selbst als Kindern zu, die plötzlich mitten durch das Bild spazieren. Bertuccellis Inszenierung erinnert an Wilde Erdbeeren von Ingmar Bergman, in dem sich ein alter Professor Rechenschaft über sein verfehltes Leben gibt. Bergman wollte damit dem Hauptdarsteller Victor Sjöström ein Denkmal setzen. Offenbar schwebte Bertuccelli Ähnliches vor: Catherine Deneuve mit einem formal anspruchsvollen, die Sinne ansprechenden und nachdenklichem Film zu würdigen und in das Spiel auch noch deren Tochter Chiara Mastroianni mit einzubeziehen.

Mit kühler Eleganz

Allerdings vermag Catherine Deneuve in dieser Rolle nicht wirklich zu überzeugen. Zwar macht sie durch ihre äußerst geschmackvolle Garderobe großen Eindruck, schreitet darin aber mit kühler Eleganz durch das Geschehen und lässt sich vom Ernst der Beschäftigung mit den letzten Dingen kaum berühren; dass sie dann auch noch einen Pfarrer einen Exorzismus durchführen lässt, wirkt wie ein Fremdkörper.

Die Reflexion des Vergangenen zerfasert immer mehr, so als müssten die Bruchstücke der Vergangenheit pflichtschuldig aufgesammelt werden, anstatt die kalten Beziehungen zwischen den Familienangehörigen zu bearbeiten, damit in der Gegenwart die Begegnungen zwischen Mutter und Tochter Farbe und Tiefe annehmen. Das von Michelangelo Antonioni inspirierte Schlussbild bringt es auf den Punkt: Das Leben von Madame Claire wirkt nicht wie ein dicht gewebter Teppich, sondern wie Tausende in die Luft gesprengte Details.

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